Titelbild von Klinik-Wissen kompakt
Logo von Klinik-Wissen kompakt

Klinik-Wissen kompakt

23. Mai 2023

Sind wir bereit für eine digitale Intensivmedizin?

Gerade in der Intensivmedizin wird die Digitalisierung als sehr wichtig für eine weitere Qualitätsverbesserung der Versorgung gesehen.1 Doch werden die nötigen Kompetenzen derzeit überhaupt vermittelt? Dieser Frage geht Jan P. Ehlers im Buch „Die digitale Intensivstation“ nach.

Lesedauer: ca. 6 Minuten

Digitale Intensivstation
(Foto: Dreamstime.com | Monkey Business Images)

Der folgende Beitrag von Jan P. Ehlers stammt aus dem „Die digitale Intensivstation“ und erscheint hier in gekürzter Fassung mit freundlicher Genehmigung der Medizinisch Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft (MWV). Redaktion: Nathalie Haidlauf

Nature Medicine hat 2019 elf Fachleute aus dem Gesundheitswesen nach ihrer Perspek­tive auf die Zukunft der Medizin in 25 Jahren befragt. Dabei zeigte sich sehr übereinstimmend, dass die Zukunft in Big Data, Künstlicher Intelligenz und Precision Medicine gesehen wird. Eine deutsche Studie mit Fachleuten des Gesundheitssystems und Patientinnen und Patienten kam zu ähnlichen Ergebnissen, konnte aber in der Ärzteschaft auch Bedenken hinsichtlich der bevorstehenden Verände­rungen feststellen.2

Icon Zitat

Das Gefühl, nicht Teil einer Veränderung zu sein, entsteht oft durch mangelnde Möglichkeiten, mitzugestalten. Um Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit in der digitalen Transformation zu erhalten, sind Digitalkompetenzen (digital literacy) unerlässlich. Dies gilt für alle, die im Gesundheitswesen tätig sind.

Jan P. Ehlers

Was wird unter Digitalkompetenzen verstanden?

Die Europäische Kommission hat mit DigComp 2.1 einen digitalen Kompetenzrahmen für alle Bürger:innen entwickelt.3 In fünf Kompetenzbereichen werden 21 Kompetenzen zur Teilhabe an einer digitalen Welt beschrieben. In ebenfalls fünf Dimensionen werden neben den Kompetenzen auch die Kompetenzniveaus (acht Stufen von Grundlagen bis hoch spezialisiert), die jeweiligen Fähigkeiten, Fertigkeiten und Einstellungen definiert, um die Vermittlung in den verschiedenen Bildungssektoren zu unterstützen.

Deutlich wird hier, dass es nicht allein um einen technischen Umgang mit Daten geht, sondern z.B. auch um rechtliche und ethische Fragen der digitalen Transformation.

Digitale Kompetenzen

KompetenzbereicheKompetenzen
Informations- und Datenkompetenz- Browsen, Suchen und Filtern von Daten, Informationen und digitalen Inhalten
- Auswertung von Daten, Informationen und digitalen Inhalten
- Verwaltung von Daten, Informationen und digitalen Inhalten
Kommunikation und Zusammenarbeit- Interaktion durch digitale Technologien
- Austausch durch digitale Technologien
Bürgerschaftliches Engagement durch digitale Technologien
- Zusammenarbeit mithilfe digitaler Technologien
- Netiquette
- Verwaltung der digitalen Identität
Erstellung digitaler Inhalte- Entwicklung von digitalen Inhalten
- Integrieren und Überarbeiten digitaler Inhalte
- Urheberrecht und Lizenzen
- Programmierung
Sicherheit- Schutz von Geräten
- Schutz von persönlichen Daten und der Privatsphäre
- Schutz von Gesundheit und Wohlbefinden
- Schutz der Umwelt
Lösung von Problemen- Lösen technischer Probleme
- Erkennen von Bedürfnissen und technologischen Lösungen
- Kreative Nutzung digitaler Technologien
- Erkennen von digitalen Kompetenzlücken
Tab.: Konzeptuelles Referenzmodell DigComp 2.0 (nach Carretero Gomez et al. 2017, Übersetzung Jan P. Ehlers)

Für eine Implementierung neuer Informationstechnologien in der Intensivmedizin sind nicht nur technische Fortschritte und Einbeziehung der Nutzenden wichtig, sondern vor allem die Vermittlung von Digitalkompetenzen an die dort Tätigen (Poncette et al. 2019). Wie in den Kompetenzniveaus des DigComp2.1 beschrieben, erfolgt die Ausbildung dieser Kompetenzen über die gesamte Bildungslaufbahn von Kindergarten über Schule und Studium bis in die Fort- und Weiterbildung.

Unterschiedliche Voraussetzungen und Möglichkeiten werden als „digital divide“ beschrieben, eine Kluft zwischen denen, die sich digitale Kompetenzen aneignen konnten, und denen, die aus einer Vielzahl von Gründen noch aufzuholen haben. Um niemanden außen vor zu lassen, müssen Bildungseinrichtungen diese Kluft durch Lernangebote schließen.

Werden im Medizinstudium digitale Kompetenzen vermittelt?

Ein Blick auf die aktuellen Curricula und Lernzielkataloge der Medizinstudiengänge in Deutschland zeigt allerdings, dass bisher kaum Pflichtveranstaltungen zur digitalen Transformation des Gesundheitswesens vorgesehen sind.4

Eine Arbeitsgruppe der Gesellschaft für Medizininformatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS) hat daher einen Lernzielkatalog für die medizinische Informatik entwickelt. Damit Lernziele zur Digitalisierung des Gesundheitswesens auch verstärkt in den Nationalen Kompetenzorientierten Lernzielkatalog Medizin (NKLM) einfließen, haben sich Arbeitsgruppen des Berufsverbandes Medizinstudierende Deutschland (BDMD) und der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung zusammengeschlossen.

Diese arbeiten an der Formulierung von Kompetenzen und Lernzielen, um alle Medizinstudierenden in diesem Bereich zu bilden. Aufbauen können sie auf Pilotprojekten an einigen medizinischen Fakultäten. Diese haben die digitale Medizin bereits in den Medizinstudiengängen adressiert.

Eine Übersicht von Aulenkamp et al. (2021) beschreibt Kurse an 17 medizinischen Fakultäten, 17 Kurse im Pflicht- und acht Kurse im Wahlbereich. Diese Kurse unterscheiden sich sehr in Umfang und Format.5

Drei Beispiele aus der Praxis:

  • An der Universität Witten/Herdecke wird seit 2016 eine transdisziplinäre Online-Ringvorlesung „Digital Medicine“ angeboten, in der interne und externe Expert:innen Impulse zu den unterschiedlichsten Innovationen der Digitalisierung des Gesundheitswesens halten und zur Diskussion stellen.
  • An der Universität Mainz wird seit 2017 der einwöchige Blended-Learning-Kurs „Medizin im digitalen Zeitalter“ für Medizinstudierende angeboten, der aus fünf Modulen besteht.
  • An der Charité Berlin wurde 2020 erstmalig ein dreiwöchiger Wahltrack „Digital Health“ ins Curriculum integriert. Dieser wurde unter starker Beteiligung der Intensivmedizin konzipiert.

In diesen drei Beispielen zeigt sich zwar die Diversität der Angebote, aber es wird ebenso deutlich, wie stark die Nachfrage der Medizinstudierenden ist. Ein Pflichtangebot für alle Medizinstudierenden in Deutschland sollte aus diesen Erfahrungen gut entwickelt werden können. Ein Studium sollte allerdings nicht nur inhaltlich auf eine „digitalere“ Welt vorbereiten, sondern auch digitale Technologien zum Lernen nutzen.

Simulationen, E-Learning und Austausch im Netz

Während der Covid-19-Pandemie konnten auch Lehrveranstaltungen nur digital stattfinden, was zu einem immensen Kompetenzaufbau bei Studierenden und Dozierenden geführt hat. In der Intensivmedizin werden in den unterschiedlichen Gesundheitsstudiengängen zur Vorbereitung auf die Berufspraxis neben E-Learning-Modulen oder Podcasts vor allem Simulationen eingesetzt. McGaghie et al. zeigten bereits 2011 in einer Metaanalyse, dass Simulationstrainings zwar aufwendig aber sehr effektiv in der Vermittlung von Fertigkeiten sind.6

Eine besondere Art des digitalen Lernens ist Free Open Access Medical Education (FOAM), in dem sich verschiedene Professionen aus der Not­fall- und Intensivmedizin fortbilden und Fälle diskutieren. Neben Diskussionsforen in sozialen Medien sind in Deutschland vor allem die Seiten von NERDfallMedizin und pin-up-docs aktiv. Da hier Menschen in ganz unterschiedlichen Karrierestadien von Studierenden bis zu Fachärztinnen und Fachärzten zusammen lernen und sogar Fortbildungs­punkte erlangt werden können, bildet sich hier ein interprofessioneller Übergang zwischen Aus‑, Fort- und Weiterbildung.

Vermittlung in Fort- und Weiterbildung

Die Berücksichtigung der digitalen Transformation in den Gesundheitsstudien­gängen sorgt dafür, dass zukünftige Generationen die notwendigen Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kompetenzen zum Umgang mit einer digitalen Intensivmedizin erlangen werden. Aber auch alle bereits Tätigen benötigen diese Kompetenzen, sodass sie auch in einem gut geplanten Fortbildungskonzept berücksichtigt werden sollten.

  • Die Bundesärztekammer hat dazu 2019 das Curriculum „Digitale Gesundheitsan­wendungen in Praxis und Klinik“ entwickelt. Es besteht aus zwei Modulen mit einem Arbeitsaufwand von 24 Stunden.

Ob auch die Weiterbildung das Thema Digitalisierung z.B. durch ein Konzept für einen Facharzt für Digitalisierung wie in der Tiermedizin (Fachtierarzt für Informatik und Dokumentation) adressieren sollte, ist in der Medizin umstritten. Zum einen muss Digitalisierung ein Thema in allen Weiterbildungen sein, da sich die gesamte Medizin weiterentwickelt, zum anderen erscheint es aber sinnvoll, Per­sonen zu haben, die dieses Thema explizit adressieren und Innovationen übergrei­fend bearbeiten.

Wie im Studium werden auch in der Fortbildung seit Jahren digitale Lernmedien eingesetzt und ermöglichen das Sammeln von Fortbildungspunkten und Zertifika­ten. Im Gegensatz zu Präsenzfortbildungen sind hier die Auflagen oft strenger und leider werden viele Kurse rein monoprofessionell angeboten. Nicht nur im Simu­lationstraining hat sich allerdings gezeigt, wie sinnvoll es ist, Fortbildungen in interprofessionellen Teams durchzuführen. Gerade in der Intensivmedizin sind Kooperations- und Kollaborationskompetenzen essenziell für den Erfolg der Zusammenarbeit in der Praxis.7

Resümee

Die Betrachtung von Kompetenzen in der Intensivmedizin erfordert einen interprofessionellen Blick u. a. auch in Richtung der Intensivpflegenden. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit der an der Versorgung Beteiligten soll und kann durch eine bedarfsorientierte Digitalisierung unterstützt werden. Dies betrifft zum Beispiel die Dokumentation wie aber auch Übergabeprozesse.

Es ist an dieser Stelle zu konstatieren, dass das Krankenhauszukunftsgesetz zwar technologische Inno­vationen fördert, jedoch an dieser Stelle eine explizitere Hervorhebung der Weiter­bildungsnotwendigkeiten unterlässt. Sofern eine zweite Förderperiode angestrebt wird, sollte es eine stärkere Berücksichtigung geben.

Neue Anforderungen und neu zu erwerbende Kompetenzen bedeuten auch Veränderung, die Sorgen oder Ängste auslösen könnten. Wie immer im Gesundheitswesen ist hier ein „growth mindset“8 hilfreich, das eine Freude am Lernen und an der Weiter­entwicklung gewährleistet. Ausgestattet mit den richtigen Kompetenzen müssen Veränderungen nicht einfach hingenommen werden, sondern können selbst ange­stoßen und gestaltet werden, um die Gesundheitsversorgung des 21. Jahrhunderts weiter zu verbessern.

Mehr zum Thema
Digitale Intensivstation
(Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft)

Mehr zum Thema finden Sie im Buch „Die digitale Intensivstation“, erschienen am 30. November 2022 bei der Medizinisch Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft. Es enthält:

  • Technik, Tipps und Tools für die digitale Intensivmedizin
  • spannende Einblicke zu z.B. Bio-Sensorik, Big Data, Robotik oder KI
  • Best-Practice-Beispiele aus der Praxis für die Praxis
Zum Buch >>

Quellen anzeigen
Impressum anzeigen