24. April 2020

Covid-19-Krise

Resilienz von Ärzten: 10 Expertentipps

Ärzte sind durch die Covid-19-Pandemie außergewöhnlichen Belastungen ausgesetzt. Umso wichtiger ist es, ihre Resilienz zu stärken, Traumatisierungen rechtzeitig zu erkennen und Hilfsangebote zu machen. Hier finden Sie 10 Handlungsempfehlungen. 1

Lesedauer: 3 Minuten

Redaktion: Maria Weiß

“Second Victim” – häufig in Zeiten von Covid-19

Der im Jahr 2000 eingeführt Begriff „Second Victim“ beschreibt eine an der Patientenversorgung beteiligte Person, die durch eine außergewöhnliche Situation im Zusammenhang mit ihrer Arbeit selbst traumatisiert wird.

Dies kann z.B. ein unvorhergesehener Zwischenfall, ein medizinischer Fehler und/oder eine Verletzung des Patienten sein. Während der Covid-19-Pandemie häufen sich solche Situationen im klinischen Alltag. Zwar mussten in der Bundesrepublik bisher noch keine Triagierungen aufgrund begrenzter Ressourcen vorgenommen werden. Doch die physische und psychische Belastung besonders bei schweren und letalen Verläufen ist hoch.

Dazu kommt das erhöhte Risiko, sich selbst zu infizieren. Die Erfahrungen mit der SARS-Pandemie aus dem Jahr 2003 zeigen, dass bis zur Hälfte aller Behandelnden von SARS-Patienten akute psychische Reaktionen, Burnout oder posttraumatische Belastungsstörungen entwickeln.

Gesteigertes Risiko für Alkohol- und Medikamentenmissbrauch

Werden die krisenhaften Erlebnisse dysfunktional verarbeitet, kann es zu Symptomen wie Schlafstörungen, Verlust des Glaubens an die eigenen Fähigkeiten, Schuldgefühlen, Isolation, Depression und Flashbacks kommen. Das Risiko für Alkohol- und Medikamentenmissbrauch steigt. All dies kann die Leistungsfähigkeit vermindern und die Fehleranfälligkeit erhöhen, was sich negativ auf die Patientenversorgung auswirkt.

10 Empfehlungen zur Stärkung der Resilienz

Folgende allgemeine Empfehlungen haben sich nach der bisherigen Evidenz vor Ort bewährt, um Effekte von Second Victim Traumatisierungen zu vermindern:

  1. Kurze Auszeit von der klinischen Tätigkeit anbieten bzw. sicherstellen auch bei Personalknappheit (ein dauerhafter Ausfall wäre die schlechtere Lösung)
  2. Aktives kollegiales Gesprächsangebot (nicht nur bei vermuteten Fehlern, sondern in regelmäßigen Abständen)
  3. Routinehafte kurze, aber effektive Debriefings belastender Situationen/Schichten
  4. Einfühlsame, aber eindeutige und klare Sprache
  5. Grundsätzliche Bestätigung der fachlichen Kompetenz und Bestärkung des Selbstwertgefühls des Mitarbeiters
  6. Emotionen und Ängste zulassen
  7. Fachliche Unterstützung und Rückversicherung im klinischen Arbeiten anbieten
  8. Bei Fehlern in der Behandlung Beteiligten eine Rolle bei der Fehleranalyse geben; über Ergebnisse informieren
  9. Aufmerksame Beobachtung, um Isolierung und Rückzug frühzeitig zu erkennen
  10. Vermeiden und Ächtung von Lästereien, Mobbing, Schuldzuweisungen und Herabwürdigungen der Beteiligten (um Hilfe zu bitten ist kein Zeichen von Schwäche, sondern menschlich und verantwortungsbewusst gegenüber seinen Patienten)

In einem Dreistufenmodell stellt solche kollegiale Hilfe in der Abteilung die 1. Stufe der Unterstützung von Second Victims dar, die niederschwellig verfügbare Krisenintervention durch Spezialisten die 2. Stufe und die Nutzung eines Netzwerks professionaler Unterstützung auch außerhalb der eigenen Struktur die 3. Stufe.

Um die Resilienz – die Widerstandsfähigkeit von Individuen gegenüber belastenden Situationen – zu stärken, spielen die drei Komponenten Sinnhaftigkeit, Verstehbarkeit, und Handhabbarkeit eine entscheidende Rolle. Im Rahmen der jetzigen Covid-19-Epidemie kann dies bedeuten:

Sinnhaftigkeit

Positive Einstellung resilienter Behandler: Ich kann die aktuelle Situation und die besonderen Umstände einordnen. Auch wenn ich nicht alle Details zur Krise zu jedem Zeitpunkt kenne, halte ich die grundsätzliche Vorgehensweise für sinnvoll und vertraue auf die getroffenen Maßnahmen.

Gefördert werden kann diese gesunde Einstellung auf Ebene der Führungskräfte durch klare optimistische Visionen, realistische Planung, entschiedenes Handeln und Ausdrücken von Dankbarkeit.

Verstehbarkeit

Positive Einstellung: Ich verstehe, warum ich belastet bin und dass dies auch vielen meiner Kollegen hier und überall auf der Welt passiert. Ich bin nicht ungeeignet oder zu schwach. Anderen hätte das auch passieren können, das ist menschlich und steht mir zu.

Gefördert werden kann dies durch eine klare, informative und aufmunternde Krisenkommunikation. Dazu gehörten zeitnahe Informationen zu Pandemieauswirkungen, Schutz des Personals, Umgang mit Personalinfektionen und Anleitung zur Selbsthilfe.

Handhabbarkeit

Positive Einstellung: Ich kann meine Überlastung melden, ohne Angst vor Häme oder Mobbing und werde bei Bewältigung meiner Belastung von Vorgesetzten, Kollegen und ggf. weiteren Personen unterstützt. Auch wenn die Situation weit weg von der Normalität ist, bin ich zuversichtlich, die Situation so persönlich zu bewältigen.

Dies wird gefördert durch eine kontinuierliche Unterstützung des Personals. Bedenken und Ängste sollte dabei zugelassen werden, die Selbstvorsorge unterstützt und vorhandene Unterstützungsangebote kommuniziert werden. Außerdem sollte den Behandlern jederzeit eine professionelle Krisenintervention zur Verfügung stehen.

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