27. Februar 2020

Chirurginnen und Chirurgen mit Kinderwunsch

7 vermeidbare Risiken im OP

Studien zeigen, dass im OP tätige Ärzte im Vergleich zur Normalbevölkerung ein erhöhtes Risiko für Infertilität und Komplikationen in der Schwangerschaft aufweisen. Ein Rückzug aus dem OP ist deswegen jedoch nicht erforderlich: Durch gezielte Maßnahmen lässt sich das Risiko reduzieren. Zu diesen Ergebnissen kommen Forscher aus den USA und Australien in einem aktuellen Review (JAMA Surg, 2020). 1,2

Lesedauer: 3 Minuten

Strahlenexposition minimieren

Nach Empfehlungen der Internationalen Strahlenschutzkommission sollte nach Bekanntwerden einer Schwangerschaft bis zur Geburt eine Dosis von 1 mSv am Arbeitsplatz nicht überschritten werden. Aber auch Chirurginnen mit einem späteren Kinderwunsch sollten genau über Strahlungsrisiken im OP und geeignete Schutzmaßnahmen aufgeklärt sein. Für alle im OP tätigen Frauen gilt grundsätzlich das sogenannte „ALARA-Prinzip“ (As Low As Reasonably Achievable). Dazu kann geeignete, an den Körper angepasste Schutzkleidung sowie ein größtmöglicher Abstand zur Strahlungsquelle beitragen.

Feinstaub-Exposition vermindern

Schadstoffhaltiger Feinstaub entsteht im OP vor allem bei der Elektrokauterisation. Insbesondere das Kauterisieren von Organen und Fettgewebe birgt gesundheitliche Risiken. Neben der erhöhten Feinstaubexposition können vor allem benzol- und toluolhaltige Verbindungen ein Risiko für Schwangere darstellen. Auf Höhe von Mund und Nase des Operateurs wurden hier z.T. Konzentrationen von über 100.000/cm3 gemessen.

Die Forscher um Matilda Anderson aus Victoria empfehlen hier folgende Gegenmaßnahmen:

  • Sparsame Verwendung des Kauters und ggf. andere Maßnahmen zur Blutstillung
  • zusätzlich zur Raumbelüftung lokale Absaugeinrichtungen beim Kautern mit ausreichender Luftgeschwindigkeit an der Absaugöffnung (31-46 m/min)
  • Verwendung geeigneter OP-Masken (möglichst N95-Masken)

HIPEC-OP nicht in der Schwangerschaft und bei Kinderwunsch

Die sogenannte HIPEC (hypertherme intraperitoneale Chemotherapie) wird zunehmend zur Behandlung von Peritonealkarzinosen eingesetzt. Die hierbei verwendeten Substanzen sind nicht nur karzinogen und mutagen, sie können sich auch negativ auf die reproduktive Gesundheit von Frauen und Männern auswirken. Die Autoren raten daher Schwangeren sowie Frauen und Männern mit zukünftigem Kinderwunsch, sich von diesen Substanzen möglichst fernzuhalten. Auch doppelte Handschuhe bieten hier keinen ausreichenden Schutz.

Überlastung durch Schichtdienst und lange Arbeitszeiten vermeiden

Auch wenn die Evidenz für einen schädlichen Einfluss auf die Schwangerschaft relativ gering ist, sollten Schwangere belastende Arbeitsbedingungen wie Schichtdienst mit Nachtschichten, Überstunden und anstrengende körperliche Tätigkeiten möglichst vermeiden. Zumindest theoretisch geht damit ein erhöhtes Risiko für Fehl- und Frühgeburten einher. Mehr zu den Risiken durch Schichtarbeit finden Sie in unserem Beitrag „Erhöhtes Krebsrisiko durch Schichtdienst“.

Gefahr durch Nadelstichverletzungen

Die Übertragung von Virusinfektionen wie Hepatitis B oder C und HIV durch Nadelstichverletzungen ist in der Schwangerschaft besonders gefürchtet. Für Hepatitis B (bei Ungeimpften) und HIV gibt es ggf. eine Postinfektionsprophylaxe. Bei einer möglichen Hepatitis-C-Übertragung nach Nadelstichverletzung sollte ein Experte hinzugezogen werden. Das Risiko für eine Infektion des ungeborenen Kindes wird aber als eher gering eingeschätzt.

Zum Schutz vor Nadelstichverletzungen sollten doppelte Handschuhe getragen und Faszien- und Muskeln mit stumpfen Nadeln genäht werden. Das Weiterreichen von spitzen Gegenständen von Hand zu Hand ist zu vermeiden. Mehr zu diesem Thema finden Sie in unserem Beitrag „Nadelstichverletzungen: So handeln Sie im Ernstfall“.

Auch Anästhesie birgt Risiken

Risiken in der Schwangerschaft drohen hier vor allem durch halogenierte Stoffe, für die allgemein ein oberer Grenzwert von 2 ppm über eine Stunde empfohlen wird. Damit solche Anästhesiegase nicht zur Gefahr für OP-Mitarbeiterinnen werden, sollten alle OP-Räume mit geeigneten Adsorptions- und Belüftungssystemen ausgestattet sein und die Anästhesiegeräte nach Betrieb immer abgeschaltet werden. Außerdem müssen Lecks und hohe Flussraten vermieden werden, um die Gaskonzentration in der Außenluft so gering wie möglich zu halten.

Risikofaktor Knochenzement

Als möglicherweise problematisch in der Schwangerschaft gilt Methylmethacrylat (MMA), das bei Herstellung von Dentalprothesen und Knochenzement zum Einsatz kommt. Bei sehr hoher Exposition konnten hier im Tierversuch Wachstumsverzögerungen und Skelettanomalien des Fetus nachgewiesen werden. Auch wenn es dazu kaum Studien am Menschen gibt, raten die Wissenschaftler vorsichthalber beim Mischen von Knochenzement Vakuumsysteme zu verwenden und bei Eingriffen wie Hüft-TEPs einen OP-Helm zu tragen. 

  1. Matilda Anderson et al; Occupational Reproductive Hazards for Female Surgeons in the Operating Room – A Review; JAMA Surg (2020);  doi:10.1001/jamasurg.2019.5420.
  2. Oberhofer E. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt ­ Diese Risiken im OP sollten Chirurginnen mit Kinderwunsch kennen. Springer Medizin, 14.01.2020.

Bildquelle: © Getty Images/Morsa Images

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