Checkliste Arzneimittel-Interaktionen: So erkennen Sie relevante Wechselwirkungen

Je älter die Patienten, umso mehr Medikamente nehmen sie meist gleichzeitig ein. Damit steigt die Gefahr einer relevanten Arzneimittel-Interaktion, die den Patienten gefährdet oder womöglich sogar ins Krankenhaus bringen kann.
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Häufig genutzte Praxissoftware-Systeme und Smartphone-Apps zeigen inzwischen Medikamenten-Wechselwirkungen auf Knopfdruck an. Eine wirkliche Hilfe sind die „automatischen“ Hinweise im Praxis-Alltag aber nur bedingt. Arzt und Apotheker Dr. med. Dr. rer. nat. Ulrich Grass fasst praxisnah zusammen, wie Sie auch ohne Software-Unterstützung entscheiden, welche Wechselwirkungen wirklich relevant sind.
Nur etwa 10 % aller pharmakologisch denkbaren Wechselwirkungen sind klinisch relevant
Theoretisch pharmakologisch gibt es eine Vielzahl von Wechselwirkungen. Hierbei sind folgende, völlig unterschiedliche Mechanismen zu unterscheiden:
- Pharmakodynamische
- Pharmakokinetische
- Resorptive
- Distributive
- Metabolische
- Eliminatorische
Statistische Erhebungen haben gezeigt, dass nur etwa 10 % der theoretisch denkbaren und damit von EDV-Systemen angezeigten Interaktionen klinisch relevant sind und damit bei der Verordnung zwingend beachtet werden müssen.
Die Spreu vom Weizen trennen
Wie also die Spreu vom Weizen trennen? Manche Software-Systeme bieten eine „Ampel“-Hilfe, d.h. die „roten Ampeln“ sind absolut wichtig. Es hilft aber auch die sachgerechte Beurteilung anhand einer kleinen Check-Liste:
1. Ist ein zeitlicher Zusammenhang gegeben?
Werden beide Medikamente tatsächlich im gleichen Zeitraum eingenommen? Häufig zeigt die Software Interaktionen von Medikamenten an, die dem Patienten früher verordnet wurden und die gar nicht mehr aktuell sind.
2.Ist die gleichzeitige Gabe notwendig?
Ist es medizinisch notwendig beide Medikamente gleichzeitig zu geben, oder ist eine Einnahmepause des einen Medikaments während der Gabe des zweiten Medikaments denkbar, oder eine zeitversetzte Gabe: erst das eine, dann das andere?
3. Kann auf ein Medikament der gleichen Substanzklasse zurückgegriffen werden?
Häufig ist es möglich innerhalb der gleichen Substanzklasse ein Medikament auszuwählen, das einen anderen Metabolisierungsweg hat, ggf. anders resorbiert oder anders eliminiert wird. z.B. Pravastatin statt Simvastatin (3A4), Azithromycin statt Clarithromycin (3A4) oder Pantoprazol statt Omeprazol (2C19, 3A4) und einige andere.
4. Ist die angezeigte Interaktion überhaupt klinisch relevant – aufgrund des schmalen therapeutischen Fensters oder der Toxizität?
Bei relativ unproblematischen Substanzen wie z.B. Protonenpumpenhemmern ist es eher unerheblich, ob die Dosierung 35 oder 45 mg beträgt. Bei anderen Medikamenten mit schmalem therapeutischem Fenster ist hingegen eine Beeinflussung der Dosis durch Interaktionen nicht akzeptabel. Dies ist z.B. bei Theophyllin, Phenprocoumon und Ciclosporin der Fall. Auch Substanzen wie z.B. Diazepam, die kumulieren oder schnell in den toxischen Bereich kommen, wie z.B. Digitoxin, sind problematisch.
Analysiert man Interaktionen nach dem Gesichtspunkt des therapeutischen Fensters, bleiben nur relativ wenige Medikamente übrig, bei denen Wechselwirkungen klinisch relevant und damit in Kombination kontraindiziert sind.
Alles andere lässt sich unter der Rubrik „Nutzen-Risiko-Abwägung“ rezeptieren, wenn eine medizinische Notwendigkeit zur Verabreichung beider Substanzen vorliegt.
Übrigens auch klinisch relevant: potenzierte Nebenwirkungen
Die gleichzeitige Gabe mehrerer Medikamente, die die QT-Zeit verlängern (z.B. Chlarithromycin, Erythromycin, Amiodaron, Amitryptilin, Maprotilin u.a.) potenziert die gefährliche Wirkung auf den Herzrhythmus. Es handelt sich hierbei pharmakologisch gesehen nicht um eine Wechselwirkung, sondern um eine potenzierte Nebenwirkung.

Dr. med Dr. rer. nat Ulrich Grass
Bodman-Ludwigshafen, Facharzt für klinische Pharmakologie und Allgemeinmedizin, Fachapotheker für Arzneimittelinformation und für Offizinpharmazie
Referent des Landesapothekerverbands, u.a. Fortbildungs-Seminare zu Arzneimittel-Interaktionen, Mitglied der Vertreterversammlung der Landesapothekerkammer, Vertreter im KV-Bereitschaftsdienst

