06. Juli 2015

Checkliste Arzneimittel-Interaktionen: So erkennen Sie relevante Wechselwirkungen

Je älter die Patienten, umso mehr Medikamente nehmen sie meist gleichzeitig ein. Damit steigt die Gefahr einer relevanten Arzneimittel-Interaktion, die den Patienten gefährdet oder womöglich sogar ins Krankenhaus bringen kann.

Häufig genutzte Praxis­software-Systeme und Smartphone-Apps zeigen inzwischen Medikamenten-Wechselwirkungen auf Knopfdruck an. Eine wirkliche Hilfe sind die „automatischen“ Hinweise im Praxis-Alltag aber nur bedingt. Arzt und Apotheker Dr. med. Dr. rer. nat. Ulrich Grass fasst praxisnah zusammen, wie Sie auch ohne Software-Unterstützung entscheiden, welche Wechsel­wirkungen wirklich relevant sind.

Nur etwa 10 % aller pharmakologisch denkbaren Wechselwirkungen sind klinisch relevant

Theoretisch pharmakologisch gibt es eine Vielzahl von Wechselwirkungen. Hierbei sind folgende, völlig unterschiedliche Mechanismen zu unterscheiden:

  • Pharmakodynamische
  • Pharmakokinetische
  • Resorptive
  • Distributive
  • Metabolische
  • Eliminatorische

Statistische Erhebungen haben gezeigt, dass nur etwa 10 % der theoretisch denkbaren und damit von EDV-Systemen angezeigten Interaktionen klinisch relevant sind und da­mit bei der Verordnung zwingend beachtet werden müssen.

Die Spreu vom Weizen trennen

Wie also die Spreu vom Weizen trennen? Manche Software-Systeme bieten eine „Am­pel“-Hilfe, d.h. die „roten Ampeln“ sind absolut wichtig. Es hilft aber auch die sachgerechte Beurteilung anhand einer kleinen Check-Liste:

1. Ist ein zeitlicher Zusammenhang gegeben?
Werden beide Medikamente tatsächlich im gleichen Zeitraum eingenommen? Häufig zeigt die Software Interaktionen von Medikamenten an, die dem Patient­en früher verordnet wurden und die gar nicht mehr aktuell sind.

2.Ist die gleichzeitige Gabe notwendig?
Ist es medizinisch notwendig beide Medikamente gleichzeitig zu geben, oder ist eine Einnahmepause des einen Medikaments während der Gabe des zwei­ten Medikaments denkbar, oder eine zeitversetzte Gabe: erst das eine, dann das andere?

3. Kann auf ein Medikament der gleichen Substanzklasse zurückgegriffen werden?
Häufig ist es möglich innerhalb der gleichen Substanzklasse ein Medikament auszuwählen, das einen anderen Metabolisierungsweg hat, ggf. anders re­sorbiert oder anders eliminiert wird. z.B. Pravastatin statt Simvastatin (3A4), Azithromycin statt Clarithromycin (3A4) oder Pantoprazol statt Omeprazol (2C19, 3A4) und einige andere.

4. Ist die angezeigte Interaktion überhaupt klinisch relevant – aufgrund des schmalen therapeutischen Fensters oder der Toxizität?
Bei relativ unproblematischen Substanzen wie z.B. Protonenpumpenhemmern ist es eher unerheblich, ob die Dosierung 35 oder 45 mg beträgt. Bei anderen Medikamenten mit schmalem therapeutischem Fenster ist hingegen eine Beeinflussung der Dosis durch Interaktionen nicht akzeptabel. Dies ist z.B. bei Theophyllin, Phenprocoumon und Ciclosporin der Fall. Auch Substanzen wie z.B. Diazepam, die kumulieren oder schnell in den toxischen Bereich kom­men, wie z.B. Digitoxin, sind problematisch.

Analysiert man Interaktionen nach dem Gesichtspunkt des therapeutischen Fensters, bleiben nur relativ wenige Medikamente übrig, bei denen Wechselwirkungen klinisch rele­vant und damit in Kombination kontraindiziert sind.

Alles andere lässt sich unter der Rubrik „Nutzen-Risiko-Abwägung“ rezeptieren, wenn eine medizinische Notwendigkeit zur Verabreichung beider Substanzen vorliegt.

Übrigens auch klinisch relevant: potenzierte Nebenwirkungen

Die gleichzeitige Gabe mehrerer Medikamente, die die QT-Zeit verlängern (z.B. Chlari­thromycin, Erythromycin, Amiodaron, Amitryptilin, Maprotilin u.a.) potenziert die ge­fährliche Wirkung auf den Herzrhythmus. Es handelt sich hierbei pharmakologisch gesehen nicht um eine Wechselwirkung, sondern um eine potenzierte Nebenwirkung.

Dr. med Dr. rer. nat Ulrich Grass
Bodman-Ludwigshafen, Facharzt für klinische Pharmakologie und Allgemeinmedizin, Fachapotheker für Arzneimittelinformation und für Offizinpharmazie
Referent des Landesapothekerverbands, u.a. Fortbildungs-Seminare zu Arzneimittel-Interaktionen, Mitglied der Vertreterversammlung der Landesapothekerkammer, Vertreter im KV-Bereitschaftsdienst

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG.

coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653