03. November 2020

Meinung

Kommt jetzt der Charakter-optimierte Arzt?

Empathiefähigkeit, erfahrungsorientiertes Handeln und Integrität, das waren einmal die Maßstäbe, die man an einen guten Arzt anlegte. Doch die moderne Medizin hat andere Ideale. Wird Individualität nun zum Kostenrisiko?

Ein Kommentar von Dr. med. Horst Gross, Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin

Lesedauer: 2,5 Minuten

Was haben Astronauten, Piloten und neuerdings auch Ärzte gemeinsam?

Sie müssen möglichst reibungslos funktionieren. Zu viel ärztlicher Eigensinn wird schnell zum betriebswirtschaftlichen Störfaktor. Kein Wunder also, dass sich Klinikbetreiber zunehmend dafür interessieren, wie Luft- und Raumfahrt es geschafft haben, ihrem Personal ein Übermaß an Individualität abzugewöhnen.

Charakterfrage

Da ist es nur konsequent, wenn ein Luft- und Raumfahrtexperte auf dem diesjährigen Urologenkongress darüber berichtet, wie der funktional optimierte Arzt aussehen muss. 1 Der sollte nicht nur fachlich, sondern auch charakterlich auf die Umsetzung seines Fachwissens vorbereitet sein. In einem Forschungsprojekt ging das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt der Frage nach, welche Skills den medizinischen Berufsanfängern dabei fehlen.2

Kommunikationsprobleme

Und siehe da: Das mühsam im Studium erworbene Fachwissen kommt in der Praxis nicht so recht an. Im Vordergrund stehen fehlende persönliche Kompetenzen wie Stressresistenz, Organisationsfähigkeit und Entscheidungsfreude. Berufsanfänger stehen sich nicht nur selbst im Weg, sie behindern sich auch gegenseitig, wie die Raumfahrtexperten in einer Onlinebefragung herausfanden. Analog zur Luft- und Raumfahrt ist auch ein großer Teil der kritischen Zwischenfälle in der Medizin genau auf diese ,,humanen Defizite” zurückzuführen.

Die Lösung des Problems: Analog zur Astronauten- oder Pilotenausbildung sollte am Beginn des Medizinstudiums ein Charaktercheck stehen. Wer nicht teamfähig ist, hat in unseren Kliniken nichts mehr verloren. Entsprechende psychologische Tests und Prüfungen haben sich in der Luft- und Raumfahrt bestens bewährt, auch und gerade im Sinne der Betriebswirtschaft.

Gewinnsteigerung

Der Lufthansa sei es durch gezielte Charakterauswahl geglückt, dass mittlerweile 92 % ihrer Piloten das Rentenalter erreichen, ohne durch menschliches Versagen oder konfliktträchtiges Verhalten aufzufallen, berichtet Viktor Oubaid vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Das war nicht immer so. Früher musste sich der Konzern im Laufe des Berufslebens von rund einem Drittel der Piloten frühzeitig trennen. Aber Zerwürfnisse mit dem Arbeitgeber oder die Verwicklung in Komplikationen sind teuer. Dank der charakterlichen Vorsortierung spart die Lufthansa nun bei rund 250 neuen Piloten pro Jahrgang etwa 20 Millionen Euro, schätzt der Experte.

Betriebsergebnis

Auch die Betriebswirte der Klinikkonzerne haben mittlerweile dem Individualismus als Kostentreiber den Kampf angesagt. Bis zu einem Drittel der Betriebskosten einer Klinik lassen sich einsparen, wenn Ärzte ihre persönlichen Erfahrungen konsequent hinten anstellen und sich stattdessen akribisch an Leitlinien und SOPs orientieren.3 Kein Wunder also, dass das Thema betriebsoptimierte Sozialkompetenz in unseren Kliniken ganz oben auf der Agenda steht.

Patientenorientierung

Fragt sich nur, ob eine solche Charakteroptimierung nicht dazu führt, dass zum Schluss die Falschen am Krankenbett stehen. Probleme bei Start und Landung eines Flugzeugs lassen sich standardisiert mit Checklisten lösen. Patienten dagegen sind keine normierten Fälle. Ihre Lebensentwürfe unterscheiden sich zu sehr. Eine fachlich optimal ausgeführte OP ist nicht automatisch die richtige Lösung für die Probleme des Patienten. Doch dafür, wie man auf Bedürfnisse von Menschen eingeht, gibt es keine Leitlinien und SOPs. Dann ist eben doch individuelles, ärztliches Handeln gefragt. Wenn es denn noch vorhanden ist!

  1. 72. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Urologie e. V. (DGU), Sitzung: Krankenhausökonomie/Qualitätssicherung, Referat: Risikoreduktion durch differentialpsychologische Analyse von medizinischen Berufsanforderungen, Viktor Oubaid.
  2. Obiad et al. Risikoreduktion durch differential psychologische Analyse von urologischen Anforderungsprofilen. Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V.
  3. Standardization in Healthcare – Siemens Healthineers.” 29 Okt. 2018, Aufgerufen am 24 Okt. 2020.

Bildquelle: © gettyImages/Ridofranz

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