30. März 2021

Artifizielle Störung: Diese Methoden wenden Patienten an

Im Alltag auch als Münchhausen-Syndrom bezeichnet, konfrontieren Patienten, die ihre Krankheit willentlich hervorrufen, Ärzte und Therapeuten mit einer schwierigen Situation. Wie Patienten vorgehen, was sie dazu verleitet und was nicht, erfahren Sie hier.1,2

Lesedauer: 3 Minuten

Redaktion: Dr. med.Laura Cabrera

Abgrenzung zur Simulation

Die artifizielle Störung (F68.1 im ICD-10) bezeichnet eine psychiatrische Erkrankung, bei der Patienten ihre somatischen und psychischen Symptome erfinden oder selber herbeiführen. Von einem Münchhausen-Syndrom im engeren Sinne spricht man erst, wenn eine lange und dramatische Krankengeschichte mit mehreren Aufenthalten in unterschiedlichen Kliniken („Hospital Hopper“) besteht. 2

Dabei geht es den Patienten nicht primär um Geld oder andere, externe Anreize – in solchen Fällen spricht man von Simulation (Z76.5). Bei der artifiziellen Störung ist ein Gewinn dieser Art nicht vorhanden oder steht klar im Hintergrund.1

Schwere Probleme mit zwischenmenschlichen Beziehungen

Die Patienten haben in ihrer Kindheit Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung erlebt. Ihre Fähigkeit, gesunde Beziehungen mit ihren Mitmenschen einzugehen, ist dadurch schwer beeinträchtigt, was sich oft in mehreren Lebensbereichen niederschlägt.1

Störung hat Suchtcharakter

Die Patientenrolle bringt dem Betroffenen nun kurzfristig Zuwendung durch das Gesundheitspersonal. Im weiteren Verlauf kann diese „Belohnung“ einen Suchtcharakter annehmen und die Maßnahmen, mit denen die Erkrankungen fingiert wird, eskalieren.

Durch ihre Leidensfähigkeit und Bereitschaft, invasive Eingriffe gleichmütig in Kauf zu nehmen, können die Konsequenzen weitreichend sein. Die Patienten können versterben – einerseits als Komplikation ihrer fingierten Erkrankung, andererseits auch durch Suizid.2

Jüngere Frauen aus medizinischen Berufen

Das typische Patientenbild einer jungen Frau mit vorbestehender Persönlichkeitsstörung hat sich etabliert. Ein großer Teil der Betroffenen hat einen medizinischen oder labortechnischen Hintergrund. Einer Registerstudie aus dem Jahr 2020 ergab, dass in deutschen und norwegischen Krankenhäusern das Geschlechterverhältnis bei der Diagnose F68.1 in etwa ausgewogen ist, wobei Frauen das Gesundheitssystem häufiger in Anspruch nahmen. Das mittlere Alter der Patienten liegt hierzulande bei 39,4 Jahren, die Inzidenz bei 3.18 pro 100.000 Einwohnern.3

Abgrenzung und Komorbidität zur Dissoziation

Wichtig, wenn auch nicht immer leicht, ist die Abgrenzung zu einer dissoziativen Störung, bei der die Symptome zwar kein physiologisches Korrelat haben, aber ohne bewusstes Zutun des Patienten auftreten. Manche Patienten mit artifizieller Störung führen die Manipulationen in einem dissoziierten Zustand durch, wodurch ihre Erinnerung beeinträchtigt sein kann.

So stellen die Patienten ihre Symptome her

Das Spektrum der Methoden, die Betroffene verwenden um ihre Krankheit vorzutäuschen, ist enorm. Die Spanne reicht vom reinen Erfinden und Vorgaukeln von Symptomen bis hin zum Induzieren lebensbedrohlicher Zustände.2

Die hier angeführte Liste ist nicht erschöpfend, bietet aber einen Überblick darüber, welche Möglichkeiten man bei der Differenzialdiagnose in Betracht ziehen sollte.1,2

Im Gespräch

  • Vorbestehende, triviale Symptome werden als neu präsentiert
  • Erfinden dramatischer Vorgeschichten und Vorerkrankungen
  • Patient kann Verbesserungen oder Verschlechterungen des Zustandes „vorhersagen“

Oberflächlich:

  • Mechanisch: stechen, schneiden, kneifen, reiben, quetschen
  • Strangulation von Armen/Beinen zur Erzeugung eines Ödems
  • Injektionen in die Haut und Erzeugung von Abszessen – führt zu einem ungewöhnlichen oder wechselnden Keimspektrum (Kot, Milch, Seifenflüssigkeit, Blumenwasser, Saft…)
  • Verhindern, dass eine Wunde abheilt
  • Verbrennen oder Unterkühlen von Stellen

Innerlich:

  • Vortäuschen von Blutungen durch Einbringen von Blut durch Verschlucken (Magen, Lunge) oder Injektion (Blase)
  • Selbstkatheterisierung
  • Erzeugen von Blutungen durch Selbstverletzung (Atemwege, rektal, vaginal)
  • Einführen von spitzen/scharfen Gegenständen in Körperöffnungen oder Verschlucken
  • Induzieren verfrühter Wehen
  • Aderlass zur Erzeugung einer Anämie
  • Herstellen von echtem Fieber (infektiös oder durch Substanzen)

Neurologisch

  • Erzeugung von Verwirrtheit, Delir, Psychosen bis hin zu epileptischen Anfällen, auch mithilfe von Substanzen

Verwendung von Substanzen

  • Insulin, orale Antidiabetika (Hypoglykämie)
  • Schilddrüsenhormone (Hyperthyreose)
  • Diuretika, Laxantien, Lakritze (Hypokaliämie)
  • Kalzium und Vitamin D
  • Sympathomimetika
  • Prednison
  • Betablocker, Clonidin, Antiarrhythmika
  • Anticholinergika, Atropin

Bei Untersuchungen

  • Kontamination und Manipulation von entnommenen Proben (Urin, Speichel, Blut)
  • Vortäuschen der Abwehrspannung
  • Manipulation des Fieberthermometers oder von Elektroden

Weitere

  • Manipulation von Drainagen, zentralen Venenkanülen sowie Venenverweilkanülen
  • Verschlimmerung einer vorbestehenden Erkrankung durch Non-Compliance (z.B. Über- oder Unterdosierung von Medikamenten, mangelnde Ruhigstellung von verletzten Gliedmaßen etc.)
  • Verstecken von echten Beschwerden bis es zu einer dramatischen Notfallpräsentation kommt
  • Symptome kommen kurz vor der geplanten Entlassung plötzlich wieder

Verdacht auf eine artifizielle Störung- was jetzt?

Die artifizielle Störung als Differenzialdiagnose ist stark tabuisiert, was der Chronifizierung des Krankheitsbildes in die Karten spielt. Deshalb empfehlen Experten, die artifizielle Störung wie jede andere Differenzialdiagnose zu behandeln.

Konfrontieren Ärzte und Ärztinnen den Patienten, sollten sie von Vorwürfen, sarkastischen Bemerkungen und ähnlichem absehen. Denn sonst tappen sie in die Beziehungsfalle, die die Patienten durch ihre Erkrankung erzeugen und unterstützen so den Teufelskreis.

Stattdessen sollten sie die Patienten mit empathischer Rücksicht auf seelische Motive konfrontieren und darauf hinweisen, dass sie weiterhin als Ärztin oder Arzt um die Gesundheit des Patienten besorgt sind, wozu es jedoch dessen Mithilfe brauche.2

Weiterführende, detaillierte und konkrete Empfehlungen zum Umgang mit solchen Patienten finden Sie in einem frei zugänglichen Fortbildungsartikel des Deutschen Ärzteblattes International (Englisch).

  1. Jürg Kesselring: Das Münchhausen-Syndrom. Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2020;20(0708):236-240
  2. Hausteiner-Wiehle C, Hungerer S. Factitious Disorders in Everyday Clinical Practice. Dtsch Arztebl Int. 2020;117(26):452-459.
  3. Geile J, Aasly J, Madea B, Schrader H. Incidence of the diagnosis of factitious disorders – Nationwide comparison study between Germany and NorwayForensic Sci Med Pathol. 2020;16(3):450-456.

Bildquelle: © Getty Images/digicomphoto

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