11. Dezember 2019

Appendizitis zu spät erkannt

So bewerten Gutachter und Schlichtungsstelle den Fall

Erfahren Sie hier im zweiten Teil der Kasuistik, wie Gutachter und Schlichtungsstelle den vorliegenden Fall beurteilen und welche Fehler aus ihrer Sicht gemacht wurden.

Lesedauer: 2,5 Minuten

Der vorliegende Fall wird von Prof. Dr. Gerald Klose, Christine Wohlers und Prof. Dr. Walter Schaffartzik von der Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern vertreten.1 Redaktion: Dr. Nina Mörsch

Mangelhafte Befunddokumentation

Der Gutachter stellt fest: Die Behandlung in der Rettungsstelle der Klinik ist wegen mangelhafter Befunddokumentation nicht sach- und fachgerecht gewesen. Folgende Gründe werden aufgelistet:

  • Eine Ultraschalluntersuchung erfolgte nicht.
  • Aus einem hochkrankhaften und hochauffälligen Laborbefund wurde keine Konsequenz gezogen.
  • Es wurde kein verbindlicher Wiedervorstellungstermin vereinbart.

Aus Sicht des Gutachter wäre bei einer erneuten Vorstellung eine Diagnose zu erzwingen gewesen. Bei einer früheren Operation wäre mit überwiegender Wahrscheinlichkeit der Zeitablauf der Bauchfellentzündung mit den späteren Folgen der Sepsis und des langen Intensivstationsaufenthalts deutlich verkürzt worden. Bei frühzeitiger Intervention wäre mit einem etwa zehntägigen stationären Aufenthalt ohne zusätzliche Operationen zu rechnen gewesen. Allein die mehrfachen Operationen, der schwerwiegende Verlauf auf der Intensivstation mit Beatmungspflicht und die Entwicklung einer Critical-Illness-Polyneuropathie führten zu den fehlerbedingt eingetretenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen.

Komplikationen aufgrund von Fehlern in Behandlung und Diagnostik

Die Schlichtungsstelle schloss sich dem Gutachten an und betont, dass Behandlung und Diagnostik nicht zeitgerecht und ausreichend waren. Im vorliegenden Fall waren Mängel in der Befunderhebung festzustellen. Hier kommt es unter folgenden Voraussetzungen zu einer Umkehr der Beweislast zugunsten der Patientenseite:

1. Standardbefunde wurden nicht erhoben: Eine angemessene Anamneseerhebung, eine Ultraschalluntersuchung sowie ein chirurgisches Konsil zur Kontrolle hätten erfolgen müssen.

2. Keine standardgemäße Untersuchung: Wäre diese erfolgt, hätten die Ärzte mit hinreichender Wahrscheinlichkeit einen abklärungs- bzw. behandlungsbedürftigen Befund erkannt und die Diagnose einer akuten Appendizitis gestellt.

  • Die Oberlandesgerichte definieren den Begriff “hinreichend”, unwidersprochen vom Bundesgerichtshof, als überwiegende Wahrscheinlichkeit, also mehr als 50 Prozent.

3. Schwerer Behandlungsfehler: Das Unterlassen der Behandlung in Kenntnis der richtigen Diagnose und das daraus folgende Unterlassen einer Operation würden angesichts der damit verbundenen Risiken einer unbehandelten akuten Appendizitis einen schweren Behandlungsfehler darstellen.

Vor dem Hintergrund der Beweislastumkehr reicht es für den Kausalitätsnachweis aus, so die Schlichtungsstelle, dass die zu unterstellende fundamentale Verkennung des zu erwartenden Befunds oder die Nichtreaktion darauf generell geeignet ist, einen Schaden der tatsächlich eingetretenen Art herbeizuführen.

  • Bei der Beweislastumkehr in der Arzthaftung liegt die Beweislast zunächst beim Kläger bzw. Patienten. Dieser muss nachweisen, dass tatsächlich ein Behandlungsfehler des Arztes und nicht eine andere Sache ursächlich für den zu bemängelnden Schaden ist. Das Gesetz kennt jedoch Ausnahmen. Kann der Kläger einen groben Behandlungsfehler nachweisen, stimmt das Gericht in der Regel einer Beweislastumkehr zu. Dann muss anders als im Regelfall der Arzt beweisen, dass die gesundheitliche Verschlechterung des Klägers nicht in seinem Verhalten ihre Ursache hat.

Die Beweislastumkehr im vorliegenden Fall bezieht sich auf folgende Primär- und typischerweise damit verbundene sekundäre Gesundheitsschäden:

  • Fortschreiten der Appendizitis bis zur Perforation,
  • die mehrfachen Operationen,
  • Aufenthalt auf der Intensivstation,
  • Critical Illness-Polyneuropathie.

Die Schlichtungsstelle weist daraufhin, dass geeignete Befunderhebungen für die Differenzialdiagnose akuter abdomineller Beschwerden die Erhebung von Laborparametern wie Leukozyten sowie des C-reaktiven Proteins und den abdominellen Ultraschall zur frühzeitigen Sicherung einer Operationsindikation und Vermeidung von Perforationen miteinschließen.

Andere Fachgebiete miteinbeziehen

Auch muss immer die Einbeziehung anderer Fachgebiete in Erwägung gezogen werden. Dies ist von Fachärzten der Inneren Medizin zu erwarten. Aber auch bei anderen Krankheitsbildern sollten alle Fachgebiete prüfen, ob die alleinige Übernahme der Diagnostik und Behandlung die korrekte Entscheidung darstellt. Dies vor allem vor dem Hintergrund der unzureichenden Befunderhebung und der damit verbundenen Beweislastumkehr zu Ungunsten der Arztseite.

Autoren

Prof. Dr. Gerald Klose
Facharzt für Innere Medizin und Ärztliches Mitglied der Schlichtungsstelle für Arzthapichtfragen der norddeutschen Ärztekammern
Christine Wohlers
Rechtsanwältin der Schlichtungsstelle
Prof. Dr. Walter Schaffartzik
Vorsitzender der Schlichtungsstelle E-Mail: info@schlichtungsstelle.de

1. Prof. Dr. Gerald Klose, Christine Wohlers, Prof. Dr. Walter Schaffartzik, Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern: Nicht zeitgerechte Diagnose und Behandlung einer Appendizitis

Bild: © GettyImages/Sinenky (Symbolbild)

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