11. Dezember 2019

Appendizitis als Gastritis verkannt – was ist passiert?

Ein 29-Jähriger wird mit der Diagnose Gastritis in einer Klinik behandelt. Erst sechs Tage später stellt sich heraus, dass Blinddarm und Bauchfell entzündet sind – mit erheblichen Folgen für den jungen Mann.

Lesedauer: 3 Minuten

Der vorliegende Fall wird von Prof. Dr. Gerald Klose, Christine Wohlers und Prof. Dr. Walter Schaffartzik von der Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern vertreten.1 Redaktion: Dr. Nina Mörsch

Der Fall

Ein 29-jähriger Patient stellte sich in der Rettungsstelle einer Klinik mit Oberbauchschmerzen vor. Laut Behandlungsbericht hatten die Beschwerden 3 bis 4 Tage vorher mit Halsschmerzen begonnen, jetzt waren Magenschmerzen und Übelkeit mit Erbrechen hinzugekommen.

Auf Basis der klinischen Untersuchung wurden die Diagnosen „akute Gastritis und Tonsillitis“ gestellt. Nach Verabreichung von Metoclopramid (MCP), einer Infusion und Novaminsulfon wurde der Patient kurz nach Mitternacht entlassen. Bei persistierenden Beschwerden sollte er sich beim Hausarzt vorstellen, bei Verschlechterung in der Rettungsstelle.

Diagnose lautet weiterhin akute Gastritis
Nach diesen kurz nach Mitternacht erfolgten Maßnahmen stellte sich der Patient am selben Tag dort erneut vor. Im Bericht der Einrichtung ist als Diagnose mit Bezugnahme auf die Anamnese weiter akute Gastritis aufgeführt und die Entlassung wieder mit der Maßgabe einer Wiedervorstellung bei akuter Verschlechterung angegeben. Es hatte sich erneut durch Gabe von Ringerlösung mit 2 g Novaminsulfon und 40 mg Buscopan eine Besserung gezeigt.

Ultraschalluntersuchung erfolgt erst sechs Tage später
Sechs Tage später ergab eine ambulante Abdomensonografie in einer radiologischen Praxis eine deutlich pathologische Darmkokarde im rechten Unterbauch. Dies führte am selben Tag mit der Verdachtsdiagnose eines freien Intervalls nach Perforation einer akuten Appendizitis zur Klinik-Einweisung.

Konsequenz: 5-wöchiger Klinikaufenthalt

Dort erfolgte eine fünfwöchige stationäre Behandlung wegen perforierter gangränöser Appendizitis mit Unterbauchperitonitis. Nach zunächst laparoskopischer Exploration erfolgte eine Konversion zur konventionellen Appendektomie mit Lavage und Drainage.

Der weitere komplizierte Verlauf war gekennzeichnet durch Notwendigkeit zu Re-Laparotomien, Lavagen, Ileostomaanlage und Rückverlagerung, Dünndarmdekompression, intraluminaler Dünndarmschienung sowie intraabdomineller VAC-Anlagen und -Wechsel.

Weitere stationäre Behandlungen aufgrund der Appendizitis-Komplikation erfolgten wegen des Auftretens von Fadengranulomen im Bereich der Laparotomienarbe. Zur aktuellen Situation ergaben sich Untersuchungen und Behandlungen wegen abdomineller Schmerzen.

Patientenklage: Abdomensonografie unterlassen

Der Patient beklagt, Diagnose und Behandlung der Appendizitis seien nicht zeitgerecht erfolgt. Es hätten eine gründlichere klinische Untersuchung und Anamnese erfolgen müssen und, über das Blutbild hinaus, weitere Laborbefunde erhoben werden müssen.

Auch wurde eine Abdomensonografie fehlerhaft unterlassen. Der Patient hätte bei bereits auffälligem Befund und ohne Sonografie nicht nach Hause entlassen werden dürfen. Die akute Blinddarmentzündung sei nicht erkannt worden. Es hätte durch eine Appendektomie am Tag nach der Erstvorstellung die Perforation verhindert werden können.

Klinik: Patient hat sich zu spät erneut vorgestellt

Die behandelnde Klinik gibt an, dass der Patient keinen Wanderschmerz in den Unterbauch oder bestehende Schmerzen im rechten Unterbauch anamnestisch angegeben habe. Auch sei kein Fieber nachweisbar gewesen, und es sei eine symptomorientierte, ordnungsgemäße Untersuchung erfolgt.

Hierbei habe sich ein weiches Abdomen mit einem epigastrischen Druckschmerz gezeigt. Eine Abwehrspannung, weder ubiquitär noch lokal, hätten die Ärzte nicht feststellen können. Die Darmfunktion sei regelrecht gewesen. Insgesamt habe ein akutes Abdomen klinisch ausgeschlossen werden können.

Der Zustand des Patienten habe sich nach der Gabe eines Analgetikums und eines Spasmolytikums so gravierend gebessert, dass eine Entlassung möglich gewesen sei. Der Patient sei dabei auf mögliche Komplikationen und ein unverzügliches Aufsuchen des Hausarztes zur klinischen und paraklinischen Verlaufskontrolle hingewiesen worden. Gegen diesen ärztlichen Rat habe er sich aber nicht am Folgetag, sondern erst nach 6 Tagen wieder vorgestellt.

Gutachten und Bewertung der Schlichtungsstelle

Lesen Sie weiter und erfahren Sie im zweiten Teil des Beitrags, wie Gutachter und Schlichtungsstelle den Fall bewerten.

1. Prof. Dr. Gerald Klose, Christine Wohlers, Prof. Dr. Walter Schaffartzik, Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern: Nicht zeitgerechte Diagnose und Behandlung einer Appendizitis.

Bild: © GettyImages/Sinenky (Symbolbild)

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