22. Februar 2016

Alkoholentzugstherapie: In 3 Schritten zum klinischen Erfolg

Laut einer Studie des Robert Koch-Instituts trinkt ein Fünftel der Frauen und ein Drittel der Männer zu viel Alkohol.2 Demnach ist die Behandlung der Intoxikation und des Entzugs ein relevantes Thema sowohl bei niedergelassenen Ärzten als auch in Krankenhäusern. Doch wie lässt sich die Schwere des Alkoholentzugssyndroms (AES) frühzeitig abschätzen? Und wann wird eine medikamentöse Therapie benötigt? Erfahren Sie hier, wie Sie das AES rechtzeitig erkennen, den Schwerengrad bemessen und eventuell auftretende Komplikationen effektiv behandeln können.

Dieser Artikel von Marina Glouchko, coliquio-Redaktion, basiert auf dem Vortrag „Qualifizierte Alkoholentgiftung“ von Dr. Ulrich Lutz, Oberarzt der Klinik für Suchttherapie am Klinikum Schloss Winnenden.1

Psychische Störungen durch Alkohol nehmen zu

Chronischer Alkoholabusus führt zur physischen und psychischen Abhängigkeit. Laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), liegen psychische Störungen und Verhaltensprobleme durch Alkohol mit mehr als 330.000 Fällen an zweiter Stelle der Krankenhausdiagnosestatistik. Gerade weil psychische Faktoren entscheidend mitspielen, sollen alkoholrelevante psychische Begleit- und Folgeerkrankungen bei einem Alkoholentzugssyndrom frühzeitig sicher erkannt und Betroffene rechtzeitig qualifiziert therapiert werden.

Schritt 1. Alkoholentzugssyndrom erkennen

Die ersten Symptome des AES treten nach 6 bis 12 Stunden nach Unterbrechung des Alkoholkonsums auf, der Höhepunkt wird nach 24 bis 48 Stunden erreicht. Als typische Anzeichen eines Alkoholentzugssyndroms wird die Kombination folgender Symptome genannt:

  • internistisch: gastrointestinale Störungen, Tachykardie
  • neurologisch: Tremor, Ataxie, Hyperreflexie, Kopfschmerzen
  • vegetativ: Schlafstörungen, vermehrte Schweißneigung, Körpertemperaturerhöhung
  • psychisch: Angst, Reizbarkeit, psychomotorische Unruhe

Schritt 2. Die Schwere des AES abschätzen

In welcher Ausprägung die Entzugssymptome auftreten, lässt sich schwer voraussehen. Doch eine rechtzeitige Risikoabschätzung ist entscheidend für die Wahl der passenden Entzugstherapie. Anhand bestimmter Prädiktoren können Sie die Schwere des AES einschätzen. Bei Patienten mit dieser Vorgeschichte ist mit einem schweren Entzug zu rechnen:

  • Großer maximaler Alkoholkonsum
  • Eine große Anzahl von Entgiftungen in der Vorgeschichte
  • Nicht-medizinischer Gebrauch von Sedativa
  • Delirium Tremens in der Vorgeschichte
  • Aktuell vorliegende körperliche Krankheiten und Verletzungen
Leichtere Abstinenzsyndrome können ohne Medikamente betreut werden.

Wichtig: Um eine individuell zugeschnittene nicht-medikamentöse Behandlung oder eine Pharmakotherapie festzulegen, wird empfohlen standardisierte AES-Skalen für vegetative und psychische Symptome (Wetterling et al. 1997) zu verwenden.

Schritt 3. Komplikationen & begleitende Störungen effektiv behandeln

Basisbehandlung: Viele Patienten mit Alkoholentzugssyndrom sind fehl- oder mangelernährt, der Elektrolythaushalt ist oft gestört (vor allem Kalium- und Magnesiummangel). Deswegen ist Flüssigkeits- und Elektrolytzufuhr eine entscheidende Maßnahme; die Abweichungen sollen allerdings jeweils individuell korrigiert werden. Dies gilt auch für Vitamine. Mitbehandlung alkoholrelevanter Begleit- und Folgeerkrankungen: Die gezielte Therapie von Vergiftungs- und Entzugskomplikationen ist entscheidend für die Durchführung einer erfolgreichen AES-Behandlung mit dem Ziel langfristiger Abstinenz. Hier ist eine Übersicht der vegetativen und psychischen Folgeerkrankungen des AES:

Vegetative Komplikationen:

  • Kreislaufstörung mit Tachykardie und Blutdrucksteigerung
  • Herzrhythmusstörungen
  • Elektrolytentgleisungen
  • Hypoglykämien
  • Pneumonien
  • Delirium tremens
  • Krampfanfälle

Begleitende psychische Störungen:

  • Depression
  • Angsstörungen
  • Traumata
  • Schlafstörungen
  • Psychose
  • Persönlichkeitsstörungen
  • Essentieller Tremor

Mehr zu den einzelnen Entzugssymptomen und möglichen Behandlungsoptionen erfahren Sie im Videovortrag „Qualifizierte Alkoholentgiftung“ von Dr. Ulrich Lutz, im Rahmen der 2. Virtuellen Fach und Karrieremesse der Zentren für Psychiatrie Baden-Württemberg (ZfP) am 3. März um 18 Uhr sowie am 5. März um 16:30 Uhr. Vortragsdauer ca. 15 Minuten, im Anschluß bleibt der Referent für weitere 30 Minuten im Chat online.

Die virtuelle Fach- und Karrieremesse der Zentren für Psychatrie Baden-Württemberg bietet Ihnen Videovorträge zu den unterschiedlichen Fachthemen, die anschließend in Gruppen-Chats diskutiert werden können. An den virtuellen Messeständen gibt es weitere Informationen und Broschüren zum Download. Im Showfloor präsentieren sich die Kliniken der ZfP-Gruppe mit ihren jeweiligen Standorten und Leistungsspektren. Lernen Sie so die ZfP als zukünftige Arbeitgeber kennen.

  1. Lutz U., Vortrag im Rahmen der 2. Virtuellen Fach- und Karrieremesse der Zentren für Psychiatrie Baden-Württemberg, März 2016: „Qualifizierte Alkoholentgiftung“
  2. Robert Koch-Institut, 2010: Studie „Gesundheit in Deutschland aktuell“ (GEDA)
  3. Drogenbeauftragte Bundesministerium für Gesundheit, 2013: Drogen- und Suchtbericht

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