03. Juni 2019

Aktuelles aus der Schmerzmedizin

Wann ist der Einsatz von Methadon sinnvoll? Wie kann ich mit einfachen Tricks die Wirkung der Schmerztherapie steigern? Und kommt bald tatsächlich ein nebenwirkungsfreies Opioid auf den Markt? Die wichtigsten therapeutischen Tipps und Neuerungen vom Deutschen Anästhesiecongress 2019 haben wir für Sie hier zusammengestellt.

Lesedauer: 2 Minuten

Dieser Beitrag basiert auf Seminaren des deutschen Anästhesiecongresses (9.-11. Mai 2019), den Dr. med. Horst Gross, Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin, für Sie zusammengefasst hat.1

Rettungsanker Methadon?

Die gängigen Opioide ausgereizt? Die multimodale Trickkiste leer? In dieser scheinbar aussichtslosen Situation könnte ein schmerzmedizinischer Ladenhüter weiterhelfen: Methadon. Als Analgetikum geplant, verschwand das Mittel rasch vom Markt: zu viele Nebenwirkungen, aufgrund der stark schwankenden Verstoffwechselung. Warum nun die therapeutische Renaissance? Methadon wirkt nicht über µ-Rezeptoren, wie die üblichen Opioide. Es erreicht “vergessene” Rezeptoren, die immer noch gegen Opioide empfindlich sind. Diesen Rettungsanker sollte man seinen verzweifelten Schmerzpatienten unbedingt anbieten, meinen die Experten. Allerdings ist die Umstellung auf Methadon nur etwas für Spezialisten. Die Dosis muss, wegen der Gefahr der Überdosierung, stationär (3-4 Tage) eintitriert werden.

Nebenwirkungen aktiv nutzen!

Patienten, die den Beipackzettel zu intensiv lesen, werden nicht selten verunsichert. Aber warum nicht einfach den Spieß umdrehen, dachten sich Schweizer Forscher und testeten ein simples Manöver (PLOS One, Jan 2019). 2 Sie klärten Probanden darüber auf, dass Nebenwirkungen ein gutes Zeichen sein können, denn nun ist damit zu rechnen, dass die schmerzlindernde Wirkung des Medikaments eintritt. Bei der durchgeführten Studie wurde ein NSAID eingesetzt. Die Nebenwirkung simulierte das gleichzeitig gegebene Atropin.

Und tatsächlich: Testpersonen, die man vorab über die Nebenwirkung (Mundtrockenheit durch Atopie) als Zeichen der einsetzenden Schmerzmittelwirkung informiert hatte, beschrieben den Schmerz auf der VAS-Skala um einen Skalenpunkt geringer. Ein effektiver Kniff, ethisch vertretbar und durchaus praxistauglich.

Schmerzen nach OP: Ein einfacher Trick mit Wirkung

Die Fakten weisen den chronifizierten, postoperativen Schmerz als massives Problem aus: Im Mittel ist jeder 10. Operierte betroffen. Extrem hohe Raten gibt es in der Mammachirurgie (52 %). Aber auch nach einer Leistenhernien-OP klagen bis zu 40 % über dauerhafte Schmerzprobleme. Doch das ist kein Schicksal. Bekannt ist, dass Lokal- und Regionalanästhesie das Risiko vermindern. Neu dagegen ist ein vielversprechender pharmakologischer Trick.

Lidocain, kurz vor der OP intravenös injiziert, senkt das Chronifizierungsrisiko ebenfalls deutlich. Vermutet wird ein immunmodulierender Effekt, der sekundär zur Schmerzverminderung führt. Leider ist das Problem in vielen Krankenhäusern immer noch kein Thema und präventive Maßnahmen unterbleiben. Wer seinen Patienten eine Klinik empfiehlt, tut gut daran sich zu informieren, ob dort präventive Strategien zum Einsatz kommen.

Nebenwirkungsfreies Opioid

Der klinische Einsatz von Opioiden ist durch die vielfältigen Nebenwirkungen stark limitiert. Alle Versuche, nebenwirkungsfreie Opioide zu entwickeln, sind gescheitert. Das könnte sich mit einem neuen pharmakologischen Ansatz schlagartig ändern. Einer Berliner Forschergruppe ist es geglückt, eine Art Super-Opioid zu designen (Pain, Nov 2018). 3

Die Idee ist clever: Opioide wirken nämlich auch direkt peripher. Im verletzten oder entzündeten Gewebe werden zusätzliche Opioidrezeptoren freigesetzt. Gleichzeitig kommt es zu einer regionalen Absenkung des pHs. Den Berliner Forschern ist es gelungen, das Fentanylmolekül so umzubauen, dass es nur in diesem sauren Milieu und damit auch nur lokal wirkt. Tierexperimentell funktioniert das Ganze bestens: Die Tiere zeigen keinerlei ZNS-Effekte. Es gibt keine gastrointestinalen Probleme und die analgetische Wirkung ist tatsächlich nur auf die schmerzhaften Bereiche begrenzt.  Ein völlig neuer Therapieansatz, der hoffentlich zum Erfolg führt.

  1. Deutscher Anästhesiecongress 9.-11. Mai 2019 in Leipzig, Seminare: “Schmerztherapie: Von der Forschung zum Patienten” und “Update Schmerzmedizin”
  2. Fernandez A, Kirsch I, Noe¨l L, Rodondi PY, Kaptchuk TJ, Suter MR, et al. (2019) A test of positive suggestions about side effects as a way of enhancing the analgesic response to NSAIDs. PLoS ONE 14(1): e0209851. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0209851
  3. Rodriguez-Gaztelumendi, Antonio, et al. “Analgesic effects of a novel pH-dependent μ-opioid receptor agonist in models of neuropathic and abdominal pain.” Pain 159.11 (2018): 2277.

Bildquelle: ©iStock/okskaz

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