27. Juni 2017

Wundreinigung: Wasser vs. Kochsalzlösung und Antiseptika

Frische Wunden werden in der Notaufnahme täglich versorgt. Doch fördern Wundreinigung -und spülung tatsächlich die Heilung? Und welches ist das geeignete Mittel? Lesen Sie hier, zu welchen Aussagen Notfallmediziner nach Auswertung aktueller Literatur kommen.

Folgende Informationen basieren auf einer Publikation aus der Fachzeitschrift Notfall + Rettungsmedizin 2017 20:228–231 . Dr. Nina Mörsch, coliquio-Redaktion, fasst die wesentlichen Aussagen zusammen.

Wundreinigung entfernt für die Heilung wichtige Wachstumsfaktoren

Im Gegensatz zu verschmutzten Wunden, Brandwunden und Bissverletzungen scheint der Nutzen der routinemäßigen Spülung von Wunden in gut durchbluteten Hautarealen wie der Kopfhaut oder im Gesicht bislang fraglich: So werden mit der Wundreinigung für die Heilung wichtige Wachstumsfaktoren und Chemokine mit dem Wundexsudat entfernt, schreibt Dr. Bernd A. Leidel, Stellvertretender Ärztlicher Leiter der Interdisziplinären Rettungsstelle an der Charité Universitätsmedizin Berlin, gemeinsam mit anderen Autoren.

Auch hätten Untersuchungen keinen Vorteil von antiseptischen Lösungen gegenüber Kochsalzlösungen und sogar Leitungswasser zeigen können. Vielmehr störten einige der antiseptischen Zubereitungen sogar in Tierversuchen Wundheilungsprozesse und schädigten Gewebe, erklärt der Arzt. Welche schweren Folgen das Wundantiseptikum Octenisept® bei unsachgemäßer Anwendung nach sich ziehen kann, erfahren Sie hier.

Wasser indes hat viele Vorteile und scheint für die Wundreinigung prädestiniert, so Dr. Leidel weiter: Es ist überall in großen Mengen verfügbar und kostet nur wenig.

Leitungswasser vs. Kochsalzlösung und aseptische Lösungen: 5 Schlußfolgerungen

Doch wie steht es mit dem wundheilenden Effekt von Leitungswasser gegenüber anderen Spüllösungen? Gemeinsam mit Co-Autoren hat sich Dr. Leidel dem Thema mittels Literaturrecherche und Auswertung verschiedener Übersichtsarbeiten angenähert und kommt zu folgenden Erkenntnissen:

1. Nutzen der Wundreinigung per se nicht belegt
Die Datenlage zur Bedeutung der Wundreinigung ist sehr begrenzt und die wenigen vorhandenen Daten sind äußerst heterogen. Insgesamt ist die tatsächliche Bedeutung der Wundreinigung und -spülung nicht belegt.

2. Wundreinigung mit Wasser schadet Patienten nicht
Die Verwendung von Leitungswasser (destilliert, gechlort oder abgekocht) scheint gegenüber steriler Kochsalzlösung oder antiseptischen Lösungen zu keinem erhöhten Risiko an Wundinfektionen zu führen.

3. Leitungswasser nicht schlechter als andere Wundspüllösungen
Sterile Kochsalzlösung reduziert nicht die Rate an Wundinfektionen gegenüber Leitungswasser weder bei frischen noch bei chronischen Wunden, so das Ergebnis einer Cochrane-Analyse von 2013. Dasselbe gilt für offene Frakturen. Auch ergab die Analyse, dass bei der Versorgung von Episiotomien die Wahl zwischen Wasser und dem Lokalanästhetikum Procainlösung ebenfalls keinen Effekt auf die Rate an Wundinfektionen hat.

4. Wundspülung mit Leitungswasser reduziert grampositive Keime stärker als Kochsalzlösung
In einer aktuellen randomisierten und kontrollierten Studie an 120 Patienten ließ sich die Keimbesiedelung mit grampositiven Erregern nach Wundspülung mit Leitungswasser stärker reduzieren als in der Gruppe mit steriler Kochsalzlösung. Ein Einfluss auf gramnegative Bakterien und Pilze zeigte sich dabei nicht.

5. Wasserqualität, Wundtyp und Allgemeinzustand spielen eine Rolle
Bei der Entscheidung Leitungswasser zu verwenden, sollte neben dem Wundtyp und dem Allgemeinzustand des Patienten auch die Wasserqualität berücksichtigt werden, betont Dr. Leidel. So stammten fast alle ausgewerteten Studien aus Ländern mit qualitativ hochwertigem Leitungswasser oder gechlortem Wasser. Aus diesem Grund sei die Übertragbarkeit aller Studienergebnisse auf Länder mit schlechterer Wasserqualität umstritten.  

Deutschland: RKI rät von Leitungswasser zur Wundspülung ab

Das Robert Koch-Institut (RKI) empfiehlt für Wundspülungen sterile Flüssigkeiten und weist daraufhin, dass trotz regelmäßiger Kontrollen das Vorkommen von pathogenen Erregern im Leitungswasser nicht ausgeschlossen werden kann. Abhilfe schaffen könnte, so Leidel, die Verwendung endständiger Sterilfilter am Wasserauslass.

Empfehlungen internationaler Fachgesellschaften

Sowohl die britische Academy of Medical Royal Colleges als auch die aktuelle niederländische Leitlinie zur Versorgung akuter Wunden empfehlen für die Reinigung von offenen Wunden Leitungs- bzw. Trinkwasser. Nur lokal infizierte Wunden sollten mit antiseptischen Lösungen gereinigt werden, beispielsweise mit PVP-Iod-Lösung, so die Leitlinie. US-amerikanische Fachgesellschaften empfehlen zum Management von frischen Wunden in der Notaufnahme Spülungen mit Kochsalzlösung oder Leitungswasser.

Weitere interessante Artikel:

Leidel, B.A., Hansen, S., Trey, A.M. et al. Wundreinigung in der Notaufnahme. Notfall Rettungsmed (2017) 20: 228.

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