14. Januar 2016

Wann Drohungen von Patienten ernst zu nehmen sind

Ärzte zählen zu den Berufsgruppen, die die meisten ernsthaften Drohungen erhalten. Wann die Gefahr real ist, können Ärzte richtig einschätzen – wenn sie auf bestimmte Warnzeichen achten.

Dieser Beitrag von Thomas Müller erscheint mit freundlicher Genehmigung von Springer Medizin.

Drohungen sind häufige Delikte. In Kriminalstatistiken machen sie einen einstelligen Prozentsatz der Einzelstraftaten aus.

Nach Daten einer australischen Untersuchung richten sich rund 40 Prozent der Todesdrohungen an Familienangehörige, Freunde und Arbeitskollegen und 30 Prozent an aktuelle oder ehemalige Intimpartner.

Auf Platz drei folgen bereits mit 10 Prozent Psychiater und Psychologen. Sie werden damit noch häufiger ernsthaft bedroht als Justizangestellte (8 Prozent).

Besonders gefährdet sind dabei junge und unerfahrene Ärzte und Therapeuten. Glücklicherweise laufen die meisten Drohungen ins Leere, auf der anderen Seite werden viele Gewalttaten durch Drohungen angekündigt. Wann also sind sie ernst zu nehmen?

Warnzeichen für “Hochrisikodrohungen”

Auf dem DGPPN-Kongress hat der forensische Psychologe Professor Jérôme Endrass von der Universität Konstanz einige Warnzeichen genannt, um sogenannte “Hochrisikodrohungen” zu erkennen.

Eine Drohung, so Endrass, drücke zunächst den Wunsch oder die Absicht aus, einer Person Schaden zuzufügen und deren körperliche Unversehrtheit zu verletzen.

Zu unterscheiden seien dabei unterschiedliche Formen von Drohungen. Der Psychologe verwies auf das Konzept von O’Tool. Eine direkte Drohung kennzeichnet danach die eindeutige und unmissverständliche Ankündigung einer Gewalttat gegen ein bestimmtes Ziel, etwa: “Wenn Du das tust, bringe ich Dich um.”

Bei der indirekten Drohung wird die Gewaltanwendung hingegen wenig konkretisiert. Auch Details über das Ziel werden ausgelassen.

Hinzu kommen maskierte Drohungen, die eine Gewalthandlung andeuten, aber nicht zwangsläufig als Drohung interpretiert werden müssen. Schließlich sind noch konditionale Drohungen abzugrenzen, die eine Gewalthandlung an Bedingungen koppelt.

Je detaillierter, umso höher das Risiko für Gewalt

Nach O’Tool ist die Gefahr, dass eine Drohung ausgeführt wird, umso wahrscheinlicher, je direkter und detailreicher sie vorgetragen wird, je mehr klar wird, dass jemand sich das Geschehen in seiner Fantasie ausgemalt hat, und je konkreter die Vorbereitungen für eine Gewalttat sind.

Lässt der Täter etwa Details in seine Drohung einfließen, die darauf deuten, dass er sich Informationen über das Tatumfeld besorgt oder das Opfer ausgespäht hat, dann ist von einem sehr hohen Risiko auszugehen.

Für Endrass ist diese Klassifikation jedoch nur ein Baustein zur Risikoevaluation. Für sich genommen kann sie nur ungenügend das Risiko für eine Gewalttat vorhersagen. Entscheidend sind nach seinem Konzept auch drei weitere Elemente:

  • persönliche Risikomerkmale des Täters,
  • das Warnverhalten und
  • die aktuelle Situation des Drohenden.
Zu den persönlichen Risikofaktoren zählt der Psychologe eine dissoziale Persönlichkeit mit einem Mangel an verankerten gesellschaftlichen Normen, Wahnvorstellungen, Gewalttaten in der Historie, eine Affinität zu Waffen sowie ein Substanzmissbrauch oder eine latente Suizidalität.

Auffälligkeiten beim Warnverhalten sind Verhaltensweisen, die eine intensive Beschäftigung mit dem potenziellen Opfer nahelegen, eine starke Wahrnehmungseinengung auf eine Person oder einen Konflikt, eine Zunahme von zunächst vielleicht harmlosen Aktivitäten, die sich an das Opfer richten, etwa das Verfassen von Briefen.

Auch wenn die drohende Person Dritten mitteilt, dass sie einem anderen Menschen Schaden zufügen will, oder dies in der Logik des Drohenden als nächster und notwendiger Schritt erscheint, ist von einem hohen Umsetzungsrisiko auszugehen.

Zugzwang erhöht die Gefahr

Schließlich, so Endrass, können akute Belastungen in der momentanen Situation des Drohenden die Umsetzung begünstigen. Solche Belastungen entstehen etwa durch Zugzwang – die angekündigte Drohung muss erfüllt werden, um das Gesicht zu wahren. Das ist häufig bei konditionalen Drohungen der Fall.

Auch wenn der Drohende keine legalen Möglichkeiten mehr sieht, seine Interessen und Forderungen durchzusetzen, wenn Beziehungen auseinanderbrechen, finanzielle Sorgen hinzukommen oder psychisch Kranke ihre Medikamente absetzen, können dies Warnzeichen sein.

Nach diesem Konzept ist dann von einer Hochrisikodrohung auszugehen, wenn sich in mindestens zwei der vier genannten Dimensionen Auffälligkeiten zeigen.

Hier, so Endrass, seien dann eine eingehendere Untersuchung und gegebenenfalls eine Inhaftierung oder Hospitalisierung nötig – dafür sollten die Hürden allerdings sehr hoch liegen.

Dieses Modell der Risikobeurteilung habe sich in der Praxis als hilfreich erwiesen. Eine Posthoc-Evaluation fand eine gute Sensitivität bei akzeptabler Spezifität, eine prospektive Evaluation steht aber noch aus, sagte der Psychologe.

  1. Thomas Müller, Ärzte Zeitung, 11.01.2016: Wann Drohungen von Patienten ernst zu nehmen sind

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