18. April 2017

Vergewaltigungsopfer: Das sollten Sie bei der Erstversorgung beachten

Die Versorgung eines Vergewaltigungsopfers in der Notaufnahme ist besonders anspruchsvoll: Ärzte müssen die Verletzungen eines traumatisierten Opfers behandeln, Befunde gerichtsfest dokumentieren und Spuren sachgerecht sicherstellen. Lesen Sie hier, worauf es dabei zu achten gilt.

Der folgende Artikel basiert auf dem Artikel “Vergewaltigung ist immer ein Notfall” aus der Deutschen Medizinischen Wochenschrift 2017; 142: 306 -308 und wurde von Dr. Nina Mörsch, coliquio-Redaktion, zusammengefasst.

Keine Strafanzeige vor Akutversorgung notwendig!

Nach einer Vergewaltigung erstatten viele Betroffene nicht unmittelbar eine Strafanzeige. Tatsächlich ist eine polizeiliche Anzeige vor einer befundsichernden Versorgung auch nicht notwendig. Vielmehr bietet eine niedrigschwellige medizinische Versorgungsstruktur die Möglichkeit, frühzeitig einen ärztlichen Kontakt zu Betroffenen herzustellen und diese medizinisch zu versorgen. 1

Anamnese auf das notwendige Maß begrenzen

Obwohl die Ressourcen in der Notaufnahme häufig zeitlich und personell begrenzt sind, bedarf es hier einer einfühlsamen Anamneseerhebung. Auch sollten Fragen zum Geschehen möglichst auf das Notwendigste begrenzt werden. Ärzte der zentralen Notaufnahme des Universitätsklinikums Leipzig nennen zur Orientierung folgende Anamnesefragen, die sich besonders an weibliche Betroffene als häufigste Vergewaltigungsopfer richten 2:

  •  Die 6 „Ws“ (Wer? Was? Wann? Wo? Wie viele? Welche Handlungen?)
  • Gibt es akute Verletzungen? Bestehen Schmerzen oder Blutungen?
  • Wie hat sich das Opfer nach der Tat verhalten? (Wechsel der Kleidung, Reinigung des Körpers)
  • Hat das Opfer Medikamente, Drogen oder Alkohol vor oder zum Tatzeitpunkt konsumiert? Bestehen amnestische Defizite?
  • Kam es täterseitig zu einer Ejakulation und wohin?
  • Kam es zu sonstigen Sekretantragungen (z.B. Speichel)?
  • Wann war die letzte Menstruationsblutung? Liegt eine Schwangerschaft vor? Wann und mit wem war der letzte einvernehmliche Geschlechtsverkehr? Befindet sich die Patientin in regelmäßiger gynäkologischer Behandlung?
  • Wurden Verhütungsmittel verwendet?

Untersuchung: Umfassend durchführen und dokumentieren

Für die Erfassung aller Verletzungen raten Rechtsmediziner dazu, eine Untersuchung des gesamten Körpers inklusive der genitoanalen Region Betroffenen zumindest anzubieten und im Idealfall auch durchzuführen. 2 Dabei ist es wichtig, Patienten über die Untersuchungsschritte und deren Zweck genauestes aufzuklären und – sofern die Urteilsfähigkeit dies zulässt – das Einverständnis zur Untersuchung, Probenentnahme, Sicherstellung und Weitergabe von Beweismitteln einzuholen und schriftlich zu dokumentieren.

Ist eine Anzeige beabsichtigt, gilt dies auch für die Entbindung der Schweigepflicht. Die Dokumentation aller Befunde umfasst

  • genaue anatomische Lokalisation (Schemazeichnung),
  • Größe und Farbe (Niederschrift),
  • sonstige besondere Beschaffenheiten (Fotographie).

Wichtig: Vermerken Sie bei Probenentnahmen von Köperflüssigkeiten für eine spätere Untersuchung auf psychotropen Substanzen (z.B. KO-Tropfen) unbedingt die genaue Uhrzeit und das Datum der Entnahme!

Frankfurter Modell: Unterstützung für Ärzte

Um Ärzte bei der Durchführung der Erstversorgung von Vergewaltigungsopfern zu unterstützen, wurde 2013 das Frankfurter Modell „Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung“ etabliert. Das Konzept richtet sich vorrangig an weibliche Patienten, ist aber auch auf Männer und Jungen übertragbar. Das Modell hat medizinische, juristische, politische, soziale und mediale Akteure zusammengeführt und umfasst Unterlagen, Schulungskonzepte und Prozessbeschreibungen. Es bietet folgende Hilfestellungen:   

  1. Betroffene, die nicht sofort Strafanzeigen erstatten möchten, können eigenverantwortlich auf die Unterlagen und Spuren der ärztlichen Versorgung zurückgreifen. Die persönliche Autonomie wird so gewahrt, Regelungen des Datenschutzes und der ärztlichen Schweigepflicht entsprochen.
  2. Eine Materialbox leitet Ärzte durch die Untersuchung und enthält alle notwendigen Utensilien zur sachgerechten Befundsicherung.
  3. Der Dokumentationsleitfaden „Befundhilfe“ enthält Körperschemata zur Dokumentation und Hinweise zur schriftlichen und fotografischen Datensicherung sowie korrekten Archivierung. Er erleichtert den notfallmäßig aufgesuchten Ärzten, Verletzungen und Spuren qualifiziert und gerichtsverwertbar zu sichern und optimal auszuformulieren.

Umfassende Informationen zum Frankfurter Modell und die entsprechenden Materialien sind zu finden unter www.sofort-hilfe-nach-vergewaltigung.de.

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