09. November 2016

Unterkühlung: 6 wichtige Erstmaßnahmen

Wenn Menschen erfrieren, geht das manchmal ganz schnell. Sobald die Körperkerntemperatur einen kritischen Wert unterschritten hat, können schlagartig lebensbedrohliche Arrhythmien einsetzen. Nicht immer deuten jedoch die äußeren Umstände auf eine Unterkühlung hin. Lesen Sie hier, in welchen Situationen die Gefahr einer Unterkühlung besonders groß ist und welche Sofortmaßnahmen angezeigt sind.

Dieser Beitrag basiert auf einer Publikation aus der Fachzeitschrift Lege Artis und wurde für Sie von Michaela Rudolf, coliquio-Redaktion, zusammengefasst.

Akzidentielle Hypothermie tritt oft bei Polytrauma und Exposition in kalter Umgebung ein und kann Ärzten zu jeder Jahreszeit begegnen. Intoxikationen mit Alkohol und Medikamenten, sowie Unfälle im Wasser und in alpinen Gegenden – die Ursachen für eine Hypothermie sind breit gefächert.

Unterkühlung: Risikopatienten

Von einer Hypothermie spricht man, wenn die Körpertemperatur unter 35 °C abfällt.2 Besonders bei Traumapatienten kann man in der Hälfte der Fälle mit einer Hypothermie rechnen.3 Auch weitere Patientengruppen sind häufig betroffen, wie beispielweise Verbrennungsopfer, Intoxikierte, Verunfallte in Zusammenhang mit Wasser, Lawinen oder Gletschern sowie Patienten mit neurologischen Erkrankungen.

Hypotherme Patienten sicher erkennen

Die exakte Messung der Körperkerntemperatur ist die Grundlage für die Therapiewahl. In der Praxis haben sich Thermometer mit Thermistorsensoren bewährt. Bei trockenem, nicht verlegtem Gehörgang und vorhandenem Kreislauf sind auch Tympanometer zuverlässig.

Wichtig: Kein Einführen von ösophagalen Temparatursonden bei schwer hypothermen, bewusstlosen Patienten wegen der Gefahr von kardialen Arrhythmien sowie Verletzungen!

Wenn am Unfallort kein Thermometer verfügbar ist, können Sie mit der folgenden klinischen Einteilung den Schweregrad der Hypothermie bestimmen und die notwendigen Erstmaßnahmen einleiten:

<table><tbody>Klinische SymptomeSchweregradBehandlungsmaßnahmenPräklinisch vor Ort<tr>Patient bei Bewusstsein und ansprechbar, Kältezittern, verwirrt, Ataxie, beschleunigte Atmung und Herzfrequenz, HypertonieMild, Körperkerntemperatur 35 – 32 °C<td>Erstversorgungsmaßnahmen vor Ort:

  • Immobilisation
  • Isolation
  • Transport ins Krankenhaus
</td></tr>Patient verlangsamt (Verlust der Schutzreflexe), Bewusstseinstrübung, Verlangsamte Atem- und Herzfrequenz, ArrhythmienModerat, Körperkerntemperatur 32 – 28 °CErstversorgungsmaßnahmen vor OrtKlinisch nach TransportPatient bewusstlos, nicht reagible Pupillen, Areflexie, Atmung vorhandenSchwer, Körperkerntemperatur 28 – 24 °C
  • Anwendung warmer Infusionslösungen
  • Intubation, Beatmung mit feuchtem, warmem Sauerstoff
Patient bewusstlos, Atem- und Kreislaufstillstand, Koma (< 26 °C Null-Linien EEG, > 24 °C Apnoe)Schwer, Körperkerntemperatur < 24 °C
  • Fortsetzung der CPR
  • Bei Kammerflimmern: 3x Defibrillation
</tbody></table>

Einteilung der Hypothermie nach klinischen Symptomen (modifiziert nach Franz A. et al.) 1.

Erstversorgung bei Unterkühlung: 6 wichtige Maßnahmen

  1. Horizontale Lagerung: Wenig Bewegung ist entscheidend, um Herzrhythmusstörungen zu vermeiden. Diese können durch Rückstrom von kaltem Blut aus der Peripherie zu zentralen Körperregionen ausgelöst werden.
  2. Oxygenierung sicherstellen: Bei wachen Patienten durch Sauerstoffgabe; bei bewusstlosen Patienten durch endotracheale Intubation. Hypotherme Patienten benötigen aufgrund Ihres reduzierten Stoffwechsels geringere Atemvolumina.
  3. Isolation: Nach der Entfernung von nasser und kalter Kleidung muss der Patient optimal isoliert werden. Da der größte Teil der Wärme über den Kopf verlorengeht, muss dieser als erstes isoliert werden. Aktive externe Erwärmungsverfahren (Warmluftgebläse, Heizdecken, chemische Wärmebeutel) erreichen zwar Erwärmungsraten von 1-1,25°C/h, haben aber in der präklinischen Versorgung kaum Erfolg.4
  4. Medikamentenapplikation: Anästhetika und Muskelrelaxanzien reduzieren Vasokonstriktion und Kältezittern. Bei einer Körpertemperatur < 30 °C ist jedoch von Medikamentenapplikation abzuraten. Infusionslösungen sollten nur aufgewärmt appliziert werden.
  5. Kardiopulmonale Reanimation: Bei Asystolie und Kammerflimmern ist oft eine Reanimation erforderlich. Bei einer Körpertemperatur < 30 °C kann man 3-mal versuchen zu defibrillieren. Bleibt der Erfolg aus, muss man abwarten bis 30 °C erreicht sind, bevor erneute Versuche vorgenommen werden können.
  6. Wahl des Krankenhauses für die weitere Versorgung: Die Wahl der richtigen Klinik ist für das Outcome des Patienten entscheidend:

  • Patienten mit Temparatur < 28 °C: Schwerpunktkrankenhaus mit Intensivstation und extrakorporaler Membranoxygenierung (ECMO)
  • Patienten mit Kreislaufinstabilität: Zentrum mit der Möglichkeit, einen extrakorporalen Kreislauf herzustellen

Wichtig: Bei der Wiedererwärmung kann es zu sogenanntem „rewarming collapse“ kommen. Die Ursache ist die Gefäßdilatation bei Wiedererwärmung, welche den vasokonstriktiven Effekt der Hypothermie aufhebt und dadurch schwere Kreislaufinstabilität und Kammerflimmern auslösen kann.

Schwere Hypothermien in Schwerpunktkrankenhäusern behandeln

Bei kreislaufinstabilen Patienten sind aktive invasive Verfahren erforderlich, mit denen sich die typischen Komplikationen der externen Wiedererwärmung weitgehend vermeiden lassen.

  • Spülung von Organen mit warmen Flüssigkeiten: Magen, Darm und Blase sind leicht zu erreichen, haben aber eine nur kleine Oberfläche. Durch Spülen der Peritonealhöhle lassen sich Leber und Niere schnell erwärmen, wodurch der Stoffwechsel wieder aktiviert werden kann.
  • Kardiopulmonaler Bypass: Bei instabilem Kreislauf ist der kardiopulmonale Bypass Goldstandard. Hiermit lassen sich Erwärmungsraten von 10 °C pro Stunde erreichen wobei der Kreislauf unterstützt wird.
  • Portable ECMO-Systeme ermöglichen die Erwärmung des Patienten auch außerhalb des Operationssaales mittels Kanülierung (üblicherweise der Femoralgefäße).

Wichtig: Vorgewärmte Infusionslösungen und Atemgase eignen sich als begleitende Therapie, vor allem, wenn man große Volumina verabreichen muss, sind aber zur alleinigen Erwärmung nicht ausreichend.

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