11. Oktober 2017

Toxikologischer Notfall

Junge Frau vergiftet sich mit Pflanzensamen

Aus Liebeskummer schluckt eine 20-Jährige in suizidaler Absicht Pflanzensamen des blauen Eisenhuts (Aconitum napellus). Lesen Sie hier, welche Symptome die eintreffenden Notärzte feststellen und welche therapeutischen Maßnahmen auf der Intensivstation eingeleitet werden. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

Dieser Beitrag basiert auf einer Publikation in der Fachzeitschrift “Der Notarzt” 1 und wurde von Christoph Renninger für Sie aufbereitet.

Notruf: Herzrhythmusstörungen und Taubheitsgefühle

Der ehemalige Lebensgefährte einer 20-Jährigen alarmiert den Notarzt, da diese die Absicht geäußert hatte, sich umzubringen. Als der Rettungsdienst in der Wohnung der jungen Frau eintrifft ist sie wach und zeigt stabile Vitalfunktionen, allerdings fallen im EKG ausgeprägte Herzrhythmusstörungen auf. Die Ärzte finden einen häufig wechselnden Rhythmus mit Episoden eines Sinusrhythmus, die Erregungsleitung ist linksschenkelblockartig verändert und es treten Bigemini auf.

Außerdem klagt die Patientin über ein zunehmendes Taubheitsgefühl in den Extremitäten. Im weiteren Verlauf treten Dysästhesien in der Mundregion auf. Die Motorik ist jedoch noch vollständig erhalten, auch die Untersuchung der Pupillen ist unauffällig.

Die Floristin bestätigt, dass sie in der Absicht sich umzubringen, Pflanzensamen des blauen Eisenhuts, die sie zuvor bei einem Pflanzenversand bestellt hatte, etwa 2,5 Stunden vor dem Eintreffen des Rettungsdienstes geschluckt habe. Die Rettungskräfte rufen ein Giftinformationszentrum an. Dieses empfiehlt Erbrechen und die Gabe von Aktivkohle. Eine Übersicht aller Giftinformationszentren im deutschsprachigen Bereich finden Sie hier.

Da jedoch seit dem Verschlucken mehrere Stunden vergangen sind, erachtet der Notarzt diese Maßnahmen nicht mehr als sinnvoll und veranlasst die Aufnahme in der Intensivstation der nächstgelegenen Klinik.

Maßnahmen auf der Intensivstation zeigen Erfolg

Bei der Einlieferung klagt die junge Frau über zunehmende Übelkeit, Brennen und Kribbeln im Mund und Gesicht. Die Untersuchung einer Blutprobe zeigt eine leicht erhöhte Laktatkonzentration im Serum, die übrigen untersuchten Laborparameter liegen im normalen Bereich. Das EKG ist weiterhin auffällig, mit supraventrikulären und polymorphen ventrikulären Extrasystolen und einer verlängerten QT-Zeit.

Auf der Station kommt es zweimal zu pulslosen ventrikulären Tachykardien und eine Elektrokardioversion muss durchgeführt werden. Die Ärzte verabreichen einen Beta-Blocker und Magnesium. Obwohl das Verschlucken der Samen bereits vier Stunden zurückliegt, entscheiden sich die Intensivmediziner für eine Behandlung mit Aktivkohle und Natriumsulfat (Glaubersalz).

Der Zustand der Patientin verbessert sich im Laufe der nächsten 36 Stunden und auch das EKG zeigt wieder einen normalen Verlauf. Der hinzugezogene Psychiater diagnostiziert eine Depression und emotionale Instabilität, weshalb die junge Frau von der Intensivstation auf die psychiatrische Abteilung des Klinikums verlegt wird.

Leitsymptome: Das spricht für eine Aconitin-Vergiftung

Der blaue Eisenhut ist die wohl giftigste einheimische Pflanze in Mitteleuropa. Das Gift Aconitin findet sich dabei in allen Pflanzenteilen und wirkt an spannungsabhängigen Natriumkanälen auf Neuronen, sowie glatten und Herzmuskelzellen. Bereits 2-6 mg des Pflanzengifts können tödlich sein. Die meisten Intoxikationen betreffen Kinder, die versehentlich Blüten, Blätter oder Samen verschlucken. Doch auch Erwachsene sind in etwa 10% der Fälle betroffen, durch Verwechslungen oder in suizidaler Absicht.

Typische neurologische Symptome sind orofaziale Dysästhesien, die sich weiter über den ganzen Körper ausbreiten, Sehstörungen, Lähmungen der Muskulatur und Atmung. Kardiale Auswirkungen sind häufig ventrikuläre Arrhytmien, wie Extrasystolen, Tachykardie oder Kammerflimmern. Gastrointestinal sind Übelkeit, erbrechen, kolikartiger Durchfall und starke Bauchschmerzen häufige Symptome.

Außerdem kann es zu Hyperventilation mit respiratorischer Alkalose, Schweißausbrüchen, Verwirrtheit, Schwindel, Kopfschmerz und Verwirrtheit kommen. Erfahren Sie hier mehr über Symptome & Therapie bei verschiedenen Pflanzenvergiftungen.

Therapie: Schnelles Handeln, dann symptomorientiert

Innerhalb der ersten 1,5 Stunden nach dem Verschlucken ist induziertes Erbrechen oder eine Magenspülung sinnvoll. Danach sollte eine Gabe von Aktivkohle erfolgen und die Therapie symptombezogen durchgeführt werden. Beim Verdacht auf Intoxikationen mit Aconitin ist eine intensivmedizinische Überwachung stets indiziert.

Kommt es zu lebensbedrohlichen ventrikulären Herzrhythmusstörungen ist in den meisten Fällen eine Kombination aus Elektrokadrioversion und medikamentöser Therapie erforderlich. Dabei können Antiarrhythmika wie Amiodaron, Flecainid, Procainamid oder Mexiletin zum Einsatz kommen. Treten Torsades de pointes auf, ist die Gabe von hochdosiertem Magnesium eine sinnvolle Ergänzung.

In Tierstudien konnten Alkaloide wie 6-Benzoylheteratisin, Lappaconitin oder N-desacetyllappaconitin die Wirkung von Aconitin antagonisieren und so abschwächen. Ob diese Therapieoptionen auch bei Patienten eingesetzt werden können, lässt sich derzeit noch nicht beantworten.

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  1. Lucken F et al. Betäubende Samen. Notarzt 2017; 33: 174-177.

Bildquelle: © Vaivirga-istockphoto.com

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