10. Oktober 2018

Entscheidungen bei Suizidversuch: 6 beispielhafte Fälle

Werden Ärzte mit Patienten nach Suizidversuch konfrontiert, müssen sie schwerwiegende Entscheidungen treffen. Erfahren Sie hier, welche Punkte Sie aus ethischer Sicht dabei berücksichtigen sollten.

Lesedauer: 4 Minuten

Dieser Beitrag basiert auf einer Publikation in der Fachzeitschrift “Notfall + Rettungsmedizin”, die Christoph Renninger für Sie zusammenfasst.1

Schwere Entscheidung in einer Ausnahmesituation

Jährlich nehmen sich etwa 10.000 Menschen in Deutschland das Leben, die Zahl der Suizidversuche ist noch weitaus höher. Etwa ein Drittel aller Suizidversuche geschieht spontan, ohne vorherige Planung und Ankündigung. Werden Ärzte im Rettungsdienst oder der Notaufnahme mit suizidalen Patienten konfrontiert, müssen oft schwerwiegende Entscheidungen getroffen werden.

In den meisten Fällen sind paradigmatische Regeln nicht anwendbar, neben moralischen Gesichtspunkten spielen auch rechtliche Aspekte eine Rolle. Die geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid ist seit 2015 strafbar (§217 StGB). Eine ärztliche Suizidassistenz wird in der Musterberufsordnung der Bundesärztekammer in §16 abgelehnt.2

Aus ethischer Sicht sind die folgenden Punkte entscheidend:

  • Eine Behandlung gegen den Willen eines urteilsfähigen Patienten ist eine Körperverletzung, selbst wenn sie lebensverlängernd wäre.
  • Auch Minderjährige, Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen oder nach einem vorherigen Suizidversuch können einwilligungsfähig sein und über Zustimmung oder Ablehnung medizinischer Maßnahmen entscheiden.
  • Eine Behandlung gegen den Willen ist möglich, wenn es belastbare Anhaltspunkte gibt, dass der Patient nicht vollumfänglich einwilligungsfähig ist und im Nachhinein den Maßnahmen zustimmen wird.
  • Gültig verfasste Patientenverfügungen gelten auch nach Suizidversuchen.
  • Wenn der Suizidversuch keine gravierenden Folgen nach sich zieht, ist einen initiale Lebensverlängerung geboten. Hat der Patient schwere körperliche Schäden (z.B. durch einen Kopfschuss) erlitten, muss berücksichtigt werden, dass dem Therapieziel mutmaßlich nicht zugestimmt wird.
  • Es besteht keine absolute Pflicht zur Lebensrettung, entscheidend ist der mutmaßliche Wille des Patienten.

Fallkonstellationen aus dem Leben

Anhand einiger Kasuistiken, die auf realen Fällen beruhen, soll verdeutlicht werden, welche Parameter von Bedeutung sind, wenn eine Entscheidung zwischen Autonomie des Patienten und Handlungsverpflichtung des Arztes getroffen werden muss. In manchen der Fälle ist recht eindeutig, ob lebensverlängernde Maßnahmen einzuleiten oder zu unterlassen sind, in anderen ist die Komplexität weitaus höher.

  • Konstellation: Suizidversuch als Kurzschlussreaktion

    Als sie den negativen Prüfungsbescheid ihres Physikums erhält, nimmt eine 21-jährige Medizinstudentin eine Überdosis Paracetamol ein. Die Frau hat keine somatischen oder psychischen Erkrankungen, der Suizidversuch geschieht ohne Planung und Ankündigung.

    Bewertung: Therapieziel ist eine Lebensverlängerung, da die Wahrscheinlichkeit äußerst hoch ist, dass der Suizidversuch nicht wohlüberlegt war und die Patientin nach der psychosozialen Schocksituation den Maßnahmen zustimmen würde.

  • Konstellation: Suizidversuch bei akuter psychischer Erkrankung

    Aufgrund einer mittelschweren Depression befindet sich ein 42-jähriger Mann (verheiratet, 2 Kinder) seit einem Monat erstmals in psychiatrischer Behandlung. Seine Frau hört eine Geräusch aus dem Schlafzimmer, wo der Mann versucht, sich mit einem Gürtel am Fensterkreuz zu erhängen. Sie ruft den Notruf. Beim Eintreffen der Rettungskräfte ist der Mann, mit Würgemalen am Hals, bei Bewusstsein. Er betont, dass er sterben möchte.

    Bewertung: Eine Lebensverlängerung sollte das Therapieziel sein. Der Suizidversuch kann als Symptom der psychiatrischen Erkrankung angesehen werden. Im Verlauf der Therapie der Depression ist davon auszugehen, dass der Patient einer Behandlung im Nachhinein zustimmen wird. Die körperlichen Folgen des Selbstmordversuchs sind wahrscheinlich gering. Eine (Zwangs-)einweisung zur optimalen Behandlung wäre ebenfalls gerechtfertigt.

  • Konstellation: Lebensbedrohlicher Zustand, fehlende Urteilsfähigkeit, vorhandene Patientenverfügung

    Ein hochbetagter, niereninsuffizienter Patient entscheidet sich, die Dialysebehandlung zu beenden. Eine Woche später findet ihn die Nachtschwester des Pflegeheims somnolent vor und ruft den Notarzt. Eine Patientenverfügung, die eine weitere Dialyse untersagt, liegt vor.

    Bewertung: Ziel ist eine palliative Behandlung. Der Patient hat das Recht eine lebensverlängernde Maßnahme abzubrechen und hat dies bei voller Einwilligungsfähigkeit getan. Die Patientenverfügung verbietet weitere Maßnahmen. Sollten die Mitarbeiter des Pflegeheims mit der Situation nicht umgehen können, kann eine Mitnahme auf eine Palliativstation erfolgen.

  • Konstellation: Kurzschlussreaktion auf schwere Erkrankung

    Eine Woche nach dem er die Diagnose Chorea Huntington erhalten hat, zündet sich ein 35-Jähriger aus Verzweiflung selbst an. Mit schweren Verbrennungen (80% der Körperoberfläche) wird er in die Notfallambulanz eingeliefert.

    Bewertung: Die kurz-, mittel- und langfristige Prognose aufgrund der Grunderkrankung und den schweren Folgen des Suizidversuchs machen eine Entscheidung schwierig. Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass der Patient nach Wiedererlangen der Urteilsfähigkeit lebensverlängernde Maßnahmen ablehnen würde.

  • Konstellation: Suzidversuch bei chronischer psychiatrischer Erkrankung, unklarer Lebenswille

    Bereits zum vierten Mal möchte sich ein 43-Jähriger mit einer Überdosis Tabletten das Leben nehmen. Der Mann lebt in einer Wohneinrichtung für psychisch kranke Menschen und leidet seit 20 Jahren an einer Schizophrenie. Immer wieder kommt es zu Klinikaufenthalten, zuletzt zwei Monate vor dem Suizidversuch. In Folge der Krankheit hat er seinen Arbeitsplatz verloren und seine Ehe wurde geschieden.

    Bewertung: Der Suizidversuch kann als Ausdruck der psychiatrischen Erkrankung, aber auch als Reaktion auf die Lebenssituation angesehen werden. Ein wohlerwogener Bilanzsuizid ist auch bei Patienten mit schwerwiegenden psychischen Erkrankungen möglich.

  • Konstellation: Kurzfristig aufgetretener Palliationswunsch

    Ein Patient mit mittelschwerer COPD leidet unter akuter, schwerer Atemnot und äußert seiner Ehefrau gegenüber den Wunsch, nicht mehr in ein Krankenhaus zu wollen. Der Mann sagt, dass er nicht mehr mit der Krankheit leben könne. Da dieser Wunsch zum ersten Mal ausgesprochen wird, ist die Frau verunsichert und ruft einen Notarzt.

    Bewertung: Da die Verweigerung einer Behandlung möglicherweise nicht wohlerwogen und durch die akuten Beschwerden bedingt ist, ist eine Klinikeinweisung auch gegen den Willen des Patienten vertretbar. Nach erfolgreicher Therapie ist die Einschätzung möglicherweise eine andere. Eine primär palliative Behandlung ist ebenfalls möglich, allerdings sollte zuvor eine Planung und Absprache erfolgt sein. Ebenso kann die Behandlung in der Klinik umgestellt werden, mit dem Ziel einer Palliation.

Ein ethisches Dilemma? Weitere Fälle bei coliquio

Der von einem Kollegen beschriebene Fall eines Patienten, der nach einem Suizidversuch und der chirurgischen Versorgung in der Klinik wieder nach Hause geschickt wurde, sorgte im coliquio Forum für eine intensive Diskussion. Hier gelangen Sie zum Fall “Umgang nach Suizidversuch”.

Vor einer schweren Entscheidung standen im vergangenen Jahr Ärzte in den USA. Ein bewusstloser 70-jähriger Mann wird über die Notaufnahme eingeliefert – quer über seine Brust prangt das Tattoo „Do Not Resuscitate“. Soll dieses Tattoo als eindeutiger Wille des Patienten akzeptiert werden? Erfahren Sie mehr zum Fall “Nicht-Wiederbeleben”-Tattoo: Ärzte in ethischem Dilemma.

Der Berliner Hausarzt Dr. Christoph Turowski musste sich wegen Sterbehilfe vor Gericht verantworten. In einem ausführlichen Gespräch mit der coliquio-Redaktion schildert er den Fall seiner Patientin, die Gerichtsverhandlung und seinen Standpunkt zum Selbsttötungsparagrafen §217 StGB. Lesen Sie hier das Interview Sterbehilfe: “Wenn es mein Gewissen fordert, kann ich nicht ausweichen”.

In einem weiteren Fall wurde ein Notarzt wegen Totschlags angeklagt, da er die Reanimation eines Patienten unterlassen hatte, nachdem ihm zugesichert worden ist, dass dies dem Wunsch des Mannes entspreche. Erfahren Sie, wie das Gericht in diesem Fall entschieden hat, im Beitrag “Staatsanwalt klagt Notarzt wegen Totschlags an”.

Einen toxikologischen Notfall mussten Ärzte behandeln, als eine junge Frau in suizidaler Absicht Samen des blauen Eisenhuts geschluckt hat. Wie die Mediziner vorgegangen sind, lesen Sie im Beitrag “Junge Frau vergiftet sich mit Pflanzensamen”.

  1. Krones T. Suizidversuch in der Rettungsmedizin. “Mein Wille geschehe” – ethische Aspekte. Notfall Rettungsmed 2018; 21: 177-185.
  2. (Muster-)Berufsordnung für die in Deutschland tätigen Ärztinnen und Ärzte (Stand 2018). Bundesärztekammer

Bildquelle: © istock.com/asiandelight

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