07. März 2018

CIRS-Fall

Patienten ohne Einwilligung stundenlang in Narkose

Vier Patienten werden vor Wahlleistungseingriffen gleichzeitig in Narkose versetzt. Bis der Eingriff erfolgt verbleiben sie dort mehrere Stunden. Ein solches Vorgehen ist keine Ausnahme, sondern kommt in der Klinik jede Woche vor. (Lesedauer: 2 Minuten)

Dieser Beitrag beruht auf einem Bericht im Fehlermeldesystem CIRSmedical Anästhesiologie, den Christoph Renninger für Sie zusammenfasst.1

Der Fall: Parallele Narkose bis der Operateur zur Arbeit kommt

An einem normalen Arbeitstag in der Klinik werden in vier Operationssälen Patienten, die eine Wahlleistung erhalten sollen, zeitgleich anästhesiert. Es erfolgt ein Hautschnitt durch die anwesenden Ärzte. Bis zur eigentlichen Operation durch den liquidationsberechtigten Chirurgen verbleiben die Patienten in Narkose, da der Operateur absehbar verhindert ist. Dieses Vorgehen ist in der Klinik üblich.

Die stundenlange Narkose habe keine medizinische Indikation und stelle eine Körperverletzung dar, so der berichtende Anästhesist. Zudem gebe es kein präoperatives Informationsgespräch über die kalkulierte Wartezeit (“Heilschlaf”) und somit liege keine Einwilligung der Patienten vor. Für Patienten mit Grunderkrankungen, kann die stundenlange Narkose und Beatmung die Sicherheit gefährden.

Die Arbeitsweise des Operateurs ist bereits seit Jahren bekannt und stellt das Vertrauensverhältnis zwischen Chirurgen und Anästhesisten auf die Probe.

Einschätzung aus Sicht eines Anästhesisten

Das beschriebene fehlerhafte Verhalten ist wohl in vielen deutschen Kliniken Alltag und hat sicherheitsrelevante, medikolegale, aber auch ökonomische Konsequenzen. Die vertrauensvolle und kooperative Zusammenarbeit operativer Disziplinen mit der Anästhesie stellt die Grundlage des Arbeitsalltags dar.

In der “Vereinbarung über die Zusammenarbeit bei der operativen Patientenversorgung” werden die Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten zwischen Chirurg und Anästhesist festgelegt. Über die Indikation, die Art und den Zeitpunkt der Operation entscheidet der Operateur, der Narkosearzt soll jedoch auf Kontraindikationen hinweisen. Mögliche Bedenken sollen dabei aus der Sicht des Fachgebiets gerechtfertigt sein. Die endgültige Entscheidung liegt beim Chirurgen, der dann auch die ärztliche und rechtliche Verantwortung trägt.2

Die bewusst frühzeitig eingeleitete Narkose ist ein Thema, das von beiden Fachgebieten gemeinsam diskutiert und gelöst werden muss. Kommt es wiederholt zu derartigen Situationen, wird eine ausführliche Dokumentation der Fälle empfohlen, um die Legalität und ökonomische Sinnhaftigkeit überprüfen zu können.

Einschätzung aus Sicht eines Juristen

Ohne Einwilligung kann die unnötig lange Narkose eine nicht gerechtfertigte Körperverletzung darstellen. Andererseits hat der Patient bei ärztlichen Wahlleistungen einen Anspruch darauf, dass der Eingriff vom vereinbarten Operateur vorgenommen wird. Übernimmt ein anderer Arzt die Operation, ist dies nicht durch die Einwilligung gedeckt.

Das vorhersehbare Warten auf den Operateur darf kein erhöhtes Risiko für den Patienten darstellen. Ist ein Eingriff trotz sorgfältiger Planung nicht zum geplanten Zeitpunkt möglich (z.B. aufgrund von Notfällen), muss der Patient im Vorfeld über die möglichen Konsequenzen informiert werden. Ebenso bei voraussichtlich längerer Narkose vor der Operation.

Im beschriebenen Fall ist weder die vorzeitige Narkose, noch der Hautschnitt ohne unmittelbar folgende Operation medizinisch indiziert. Da es sich anscheinend um ein geplantes Vorgehen handelt, könnte es zu einer Anklage wegen vorsätzlicher Körperverletzung mit den entsprechenden Strafen kommen (§§223 ff. StGB).

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