08. Dezember 2017

Psychiatrie-Weltkongress 2017

Sexuelle Funktionsstörungen & Psychopharmaka

Bei psychiatrischen Patienten treten unter Pharmakotherapie oft sexuelle Funktionsstörungen auf. Erfahren Sie hier, bei welchen Psychopharmaka die Sexualität beeinträchtigt wird und welche therapeutischen Optionen in solchen Fällen zur Verfügung stehen. (Lesedauer: 2 Minuten)

Dieser Beitrag basiert auf einem State-of-the-Art-Symposium, das auf dem Psychiatrie-Weltkongress 2017 in Berlin stattgefunden hat. 1 Redaktionelle Umsetzung: Christoph Renninger.

Diagnostik: Sexualanamnese und Laboranalyse

Bei den sexuellen Funktionsstörungen können alle Phasen des sexuellen Reaktionszyklus betroffen sein, von der sexuellen Appetenz, über die Erregung oder sexuell bedingte Schmerzen, bis hin zu Orgasmusstörungen. Bei Männern sind die häufigsten Symptome die erektile Dysfunktion und ein vorzeitiger Samenerguss (Ejaculatio praecox), bei Frauen – Lubrikationsstörungen und ein ausbleibender Orgasmus.

Wichtigstes diagnostisches Werkzeug ist die Sexualanamnese, mit Fragen zum Umgang mit Sexualität, Wünschen & Fantasien, partnerschaftlichen Beziehungen, Pornographiekonsum und organischen Funktionsstörungen. Um auf Komorbiditäten zu schließen, sollte zudem die allgemeine biographische und psychiatrisch-somatische Anamnese erfolgen. Im Labor können außerdem Risikoparameter wie Blutzucker, Lipidstoffwechsel und Hormonstatus analysiert werden.

Diese Antidepressiva & Antipsychotika beeinflussen die Sexualfunktion

Antidepressiva: Eine Meta-Analyse zeigte (Serretti A. et al. J Clin Psychopharmacol 2009; 29: 259-266) 2, dass sexuelle Funktionsstörungen eine häufige, aber auch oftmals unterschätzte, Nebenwirkung von antidepressiven Medikamenten sind. Besonders häufig (bis zu 80% der Patienten) treten sie bei serotonerg wirksamen Antidepressiva auf, beispielsweise Sertralin, Venlafaxin, Citalopram und Paroxetin. Im Vergleich mit Placebo (14% der Patienten betroffen) gibt es keine signifikante Steigerung von Lust-, Erregungs- und Orgasmusstörungen u.a. bei Agomelatin, Amineptin, Bupropion und Moclobemid.

Antipsychotika: Auch bei der Behandlung von Schizophrenie-Patienten mit Antipsychotika sind sexuelle Funktionsstörungen ein bedeutsamer Nebeneffekt. Zwar ist die Wahrscheinlichkeit für Störungen der Sexualität bei Schizophrenie im Vergleich zu gesunden Kontrollen höher, doch sind bestimmte Medikamente häufiger mit derartigen Nebenwirkungen assoziiert. Am häufigsten treten Nebenwirkungen auf die Sexualfunktion bei Thiorizadin (bis zu 60% der Patienten), Clozapin, Haloperidol und Risperidon auf. Ein geringeres Risiko für Störungen der Sexualfunktion besteht hingegen für Quetiapin, Ziprasidon und Aripripazol. 3

Diese therapeutischen Maßnahmen bestehen bei Nebenwirkungen

Umstellung oder Dosisreduktion: Neben der Umstellung auf ein Medikament, bei dem diese Nebenwirkungen seltener auftreten, kann auch eine Dosisreduktion oder ein kurzzeitiges Aussetzen der Medikation (Drug Holiday) sinnvoll sein.

Add-on-Therapie: Evidenz für eine Add-on-Therapie zur symptomatischen Behandlung besteht ausschließlich für Phosphodiesterase-5-Inhibitoren (PDE-5-Hemmer) zur Therapie von Erektionsstörungen unter Antidepressiva und Antipsychotika. Kontraindikationen sind die Einnahme von Nitrat- oder NO-Donatoren, Herzinsuffizienz oder ein kürzlich aufgetretenes kardiovaskuläres Ereignis. Aufgrund seiner Halbwertszeit wird der Wirkstoff Tadalafil (Cialis®) empfohlen.4

SSRI: Zur Behandlung des vorzeitigen Samenergusses kann bei Bedarf der kurzwirksame selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) Dapoxetin (Priligy®) als Einmalgabe eingesetzt werden. Andere SSRIs sind nur in Dauergabe wirksam.5

Flibanserin: Nur einen marginalen Benefit bei signifikanten Nebenwirkungen, wie Somnolenz, Übelkeit und Müdigkeit, zeigt Flibanserin (Addyi®) bei Frauen mit hypoaktiver Sexualfunktionsstörung.6

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  1. State-of-the-Art Symposium Sexuelle Störungen. Berner MM. Sexuelle Funktionsstörungen und medikamenteninduzierte Sexualstörungen. WPA World Congress of Psychiatry, Berlin, 8-12.10. 2017
  2. Serretti A & Chiesa A. Treatment-Emergent Sexual Dysfunction Related to Antidepressants. J Clin Psychopharmacol 2009; 29: 259-266.
  3. Chiesa A et al. Antipsychotics and Sexual Dysfunction: Epidemiology, Mechanisms and Management. Clinical Neuropsychiatry 2013; 10(1): 31-36.
  4. Sergraves RT et al. Tadalafil for treatment of erectile dysfunction in men on antidepressants. J Clin Psychopharmacol 2007; 27(1): 62-66.
  5. McMahon CG et al. Efficacy and safety of dapoxetine in men with premature ejaculation and concomitant erectile dysfunction treated with a phosphodiesterase type 5 inhibitor: randomized, placebo-controlled, phase III study. J Sex Med 2013; 10(9): 2312-2325.
  6. Jaspers L et al. Efficacy and Safety of Flibanserin for the Treatment of Hypoactive Sexual Desire Disorder in Women: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Intern Med. 2016; 176(4): 453-462.

Bildquelle: © bokan76-istockphoto.com

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