
Fast jeder sechste Arzt oder Ärztin hat in den vergangenen drei Jahren sexuelle Übergriffe an seinem Arbeitsplatz erlebt oder bei Kollegen beobachtet, so die Ergebnisse eines aktuellen Medscape-Reports. 1,2
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Der folgende Beitrag basiert auf den Zahlen des kürzlich veröffentlichten Medscape-Reports „Sexuelle Belästigung unter Ärzten, Pflegepersonal und Patienten“. 1,2 Redaktion: Marina Urbanietz; Grafiken: Marc Fröhling
„Ich finde es gut, dass es für Deutschland jetzt endlich einmal Zahlen zu sexuellen Belästigungen von Ärzten und Ärztinnen gibt“, sagt die Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes (DÄB) Dr. Christiane Groß. „Als Arzt oder Ärztin ist man, was sexuelle Übergriffe angeht, mehr gefährdet als in manchen anderen Berufen – nicht nur von Kollegen, sondern auch von Patienten und Patientinnen, weil wir körperlich viel näher an den Menschen dran sind,“ betont sie.
Die nicht repräsentative Online-Umfrage wurde von Ende Juni bis Anfang September 2019 unter den Lesern des Medizinportals Medscape durchgeführt. Insgesamt wurden die Fragebögen von 1.055 Teilnehmern ausgewertet, darunter vor allem Ärzte (77%) und Assistenzärzte (17%).
Zu einem geringeren Anteil vertreten: Krankenpfleger/-innen (4%) und Medizinstudierende (3%). Unter den Ärzten, die den Fragebogen ausgefüllt haben, waren 67% Männer und 33% Frauen. Mit 21% am stärksten vertreten waren Ärzte im Alter zwischen 55 und 59 Jahren.

„Wiederholt wurden mir von Kollegen Nachrichten und Filmchen mit nackten Frauen geschickt“, berichtet eine der befragten Ärztinnen. Am häufigsten genannt wurden: „anzügliche Kommentare und Blicke“ (61%), „Vorschläge für sexuelle Aktivitäten“ (32%), und „ständige Flirts oder Fragen nach einem Treffen“ (25%).
Bei mehr als der Hälfte der Befragten wurden die Kolleginnen und Kollegen körperlich aufdringlich: Die Erlebnisse reichen von Annäherungen und fehlender räumlicher Distanz (56%) bis hin zu unerwünschtem Anfassen und Umarmen (51%). Eine Anästhesistin berichtete in den Kommentaren zum Report: „Ein Oberarzt umarmte mich während der Narkoseausleitung von hinten, berührte meine Brust und griff mir zwischen die Beine“. „Sie können gewiss sein, dass es kein Krankenhaus ohne Mobbing, sexuelle Belästigung und Intrigen gibt“, merkte ein klinisch tätiger Arzt in den Kommentaren zur Umfrage an.
Sex gegen Beförderung: Fast jede zweite Belästigung geht von einem Vorgesetzten aus. Einem von vierzehn Medizinern (7%) wurde eine Beförderung als Gegenleistung für eine sexuelle Gefälligkeit in Aussicht gestellt. Oder bei Verweigerung mit Nachteilen gedroht.
Lesen Sie dazu auch die Forumsdiskussion “Sexismus in deutschen Kliniken und Praxen?”

Erstaunlicherweise haben gerade erfahrene Ärzte (40-49 Jahre) Belästigungen verschiedener Art am häufigsten erlebt. Bei den jüngeren Kollegen (unter 39 Jahren) sind es 15 Prozent. Erst kurz vor der Rente nimmt die Häufigkeit ab.

Tatsächlich scheint es gerade an öffentlich zugänglichen Orten, wie dem OP-Bereich, dem Untersuchungs- oder Behandlungszimmer oder dem Klinikflur zu Übergriffen zu kommen. Ein Fünftel der sexuellen Belästigungen (21%) fand hinter verschlossener Tür statt.

Trotz erheblicher psychischer Auswirkungen haben drei von vier Betroffenen den Täter nicht gemeldet. Die meisten Ärzte hatten Sorge, dass ihnen vorgeworfen würde, überreagiert zu haben (40%). Andere befürchteten, dass ohnehin nichts gegen den Täter unternommen werde (26%) oder, dass ihre Aussagen nicht vertraulich behandelt würden (21%). Mehr als jeder fünfte Arzt (23%) beklagte eine mangelnde Unterstützung durch den Arbeitgeber.
Fast jeder vierte Mediziner und mehr als ein Drittel des Pflegepersonals berichten von sexuellen Übergriffen durch Patienten.

So berichtete eine Assistenzärztin im Kommentar zum Medscape-Report über überwiegend ältere Patienten, die Grenzen überschreiten: „Zum Patientengespräch lag ein Patient nackt mit gespreizten Beinen im Bett und bat darum, mich zu ihm zu setzen“.

Es gibt keine großen Unterschiede nach Fachrichtungen in Bezug auf sexuelle Belästigungen seitens der Patienten. Etwas häufiger als der Durchschnitt (24%) sind Allgemeinmediziner, Psychiater, Kardiologen, Anästhesisten und Orthopäden betroffen.
Die Mehrzahl der Befragten rät, unbedingt mit Kollegen, dem Vorgesetzten oder dem Betriebsrat zu reden und den Vorfall zu melden. Ein konkreter Vorschlag lautete: „Dem Aggressor sollte man verbal unmissverständlich klar machen, dass man diese Belästigung nicht möchte. Wenn erforderlich sollte auch körperliche Gegenwehr geleistet werden. Falls dieses Vorgehen nicht sofort zur Beendigung dieses Verhaltens führt, sollte man Zeugen oder Dritte zu Hilfe rufen, damit eine eventuelle polizeiliche Anzeige auch Erfolg hat.“
In der Broschüre des Deutschen Ärztinnenbundes (DÄB) finden Sie außerdem weiterführende Informationen und hilfreiche Tipps, wie man sich gegen sexuelle Belästigung wehren kann. Jetzt zur Broschüre >>