05. September 2018

Sepsis erkennen und behandeln

Um Sepsis frühzeitig zu erkennen, ist es notwendig, die oft unspezifischen Frühzeichen zu kennen und bis zum Beweis des Gegenteils davon auszugehen, dass eine Infektion bzw. eine Sepsis vorliegen könnte.

Lesedauer: 3 Minuten

Patientin mit schwerem septischen Schock und Ischämiezonen an der Haut bei Mikrothromben. ©Emergency doc
Patientin mit schwerem septischen Schock und Ischämiezonen an der Haut bei Mikrothromben. ©Emergency doc

Der folgende Beitrag von Rüddel H., Schwarzkopf D., Fleischmann C., Hartog Chr. und Reinhart K. stammt aus dem Buch „Qualitätsmonitor 2018“ und erscheint hier mit freundlicher Genehmigung der Medizinisch Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft (MWV). Redaktionelle Umsetzung: Marina Urbanietz.

Effektivität qualitätsverbessernder Maßnahmen

Aus einer ganzen Reihe von Ländern, Regionen und Krankenhausverbünden liegen beeindruckende Ergebnisse von Qualitätsverbesserungsinitiativen vor. Inzwischen belegen auch Meta-Analysen, dass es mit der Fokussierung auf das Thema Sepsis und der Implementierung evidenzbasierter Diagnose- und Behandlungsalgorithmen gelingen kann, die Sepsissterblichkeit deutlich zu senken (Damiani et al. 2015).

In manchen Ländern wurden systematische Erhebungen veranlasst, die zur Aufdeckung von Schwächen in der Qualität der Sepsisversorgung geführt haben. In Großbritannien veröffentlichte 2013 der „Parliamentary and Health Service Ombudsman (PHSO)“ unter dem Titel „Time to Act“ einen ersten Bericht über verbreitete Defizite:

  • fehlende Erkennung der Schwere der Erkrankung
  • inadäquate initiale Therapie mit Flüssigkeit und Antibiotika
  • verzögerte operative Sanierung des Infektionsherdes
  • verzögerte Hinzuziehung von fachärztlicher Kompetenz

Handlungsalgorithmen für das ambulante Setting

Die in Abbildung 1 dargestellten Diagnose- und Handlungsalgorithmen für Ärzte und Pflegekräfte auf Normalstationen und in Notaufnahmen haben sich im Rahmen von Qualitätsinitiativen zur Sepsisfrüherkennung wie der „Sepsis Kills“-Initiative sehr bewährt.

Abb. 1: Diagnose- und Handlungsalgorithmen für das ambulante Setting (modif. nach Burrell et al. 2017)

Das Vorliegen von mindestens zwei der dargestellten klinischen Warnsymptome (hellgrau) muss den Verdacht auf eine mögliche Sepsis auslösen. Liegen gleichzeitig ein oder mehrere „rote Kriterien“ (hier dunkelgrün dargestellt) vor, ist eine Sepsis wahrscheinlich. Dies sollte zu den in der rechten Säule genannten Notfallbehandlungsmaßnamen führen. Anderenfalls sind die in der linken bzw. mittleren Säule angeführten Beobachtungs- bzw. Untersuchungsmaßnahmen angezeigt.

Checkliste für Erstmaßnahmen

Abb. 2: Checkliste für Erstmaßnahmen – “Sepsis Six” (Daniels et al. 2011)

Die beim Vorliegen einer schweren Sepsis bzw. einem septischen Schock notwendigen zeitkritischen Behandlungsmaßnahmen ergeben sich aus der in Abbildung 2 dargestellten Checkliste, die vor allem in angelsächsischen Ländern häufig verwendet wird.

Qualitätsverbesserung in Deutschland

Am Universitätsklinikum Greifswald konnte so durch ein systematisches Qualitätsmanagement die 90-Tage-Sterblichkeit bei Sepsis mit Organversagen von 60,9% im Jahr 2008 auf 45% im Jahr 2013 verringert werden (Scheer et al. 2017). Entscheidende Lehren aus dieser und anderen erfolgreichen Qualitätsinitiativen sind nachfolgend aufgeführt.

Voraussetzungen für erfolgreiche Qualitätsverbesserung der Sepsisversorgung:

  • volle Unterstützung durch die Krankenhausleitung und das zentrale Qualitätsmanagement
  • Priorisierung des Projekts für alle relevanten Bereiche des Krankenhauses d.h. Notaufnahme, Normalstationen, OP-Bereiche, Intensivstationen, Hygiene, Mikrobiologie, Labor, Apotheke
  • Bereitschaft zur abteilungs- und berufsgruppenübergreifenden Kooperation Schaffung von lokalen Projektgruppen bzw. Change-Teams mit Einbeziehung aller relevanten Berufsgruppen – und hier vor allem der Pflegekräfte – sowie Engagement eines berufsgruppenübergreifend anerkannten Change-Team-Leiters
  • Vorhandensein bzw. Bereitstellung der zeitlichen und finanziellen Ressourcen für Qualitätsmanagement sowie interne und externe Fortbildung
  • Entwicklung geeigneter Konzepte zur Dokumentation der Entwicklung der Sepsishäufigkeit und -sterblichkeit sowie zeitnahes Feedback von Qualitätsindikatoren der Behandlung
  • Kooperation in Qualitätsbündnissen innerhalb von Krankenhausverbünden oder auf regionaler, nationaler oder internationaler Ebene einschließlich der Teilnahme an Benchmark-Projekten und Peer-Review-Verfahren

Nationaler Sepsisplan für Deutschland dringend erforderlich

Wie die WHO-Resolution zur Sepsis nahelegt, ist ein Nationaler Sepsisplan für Deutschland dringend erforderlich. Der Nationale Sepsisplan sollte folgende Maßnahmen beinhalten:

  • breite gesundheitliche Aufklärungskampagnen für die Öffentlichkeit und Patienten durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und andere wichtige Akteure und Organe des Gesundheitswesens
  • verbindliche Implementierung von Vorbeugungs- und Früherkennungsstrategien
  • im ambulanten und stationären Bereich
  • Schulung für den sachgemäßen Einsatz von Antibiotika
  • Ausbau und Zertifizierung der Behandlungsangebote für Patienten mit Sepsisfolgen

Unter der Schirmherrschaft des Aktionsbündnisses Patientensicherheit haben deshalb die Initiatoren des ersten Memorandums für einen solchen Plan diese Forderung an das Bundesministerium für Gesundheit aktualisiert.

Das von Gesundheitsstadt Berlin, der Initiative Qualitätsmedizin (IQM) und dem Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) herausgegebene Werk “Qualitätsmonitor 2018″ greift jährlich relevante Themen aus stationärer und sektorenübergreifender Versorgung auf. Verschiedene Qualitätsinitiativen werden dargestellt und mit praktischen Beispielen untermauert. Eine weitere Sektion zeigt Eckdaten zur Versorgungsstruktur und Qualitätsdaten der deutschen Krankenhäuser. 

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