04. April 2018

Aus dem Kollegenkreis

Schwerer Verlauf einer Rotavirus-Infektion bei einem 3-Jährigen

Eine Rotavirus-Infektion verläuft in der Regel komplikationslos. Doch für einen 3,5-jährigen Jungen hatte die Erkrankung schwere Folgen. Der Kinderarzt Dr. med. Thomas Hoppen, der das Kind in der Klinik mit weiteren Kollegen betreut hat, erzählt hier von diesem außergewöhnlichen Fall. (Lesedauer: 4 Minuten)

Den folgenden Patientenfall 1 beschreibt Dr. med. Thomas Hoppen, Kinder- und Jugendarzt am Gemeinschaftsklinikum Mittelrhein gGmbH Koblenz, im Interview mit der coliquio-Redaktion. Fragen und Umsetzung: Dr. Nina Mörsch.

Der Fall: Ein 3,5 Jahre alter Junge kommt mit hohem Fieber und einem Magen-Darm-Infekt nach einem Fieberkrampf in die Klinik.

Herr Dr. Hoppen, in welchen Zustand befand sich das Kind, als Sie es das erste Mal sahen?

Der Junge befand sich in einem sehr schlechten Allgemeinzustand. Er jammerte, war nicht ansprechbar und zeigte sich apathisch. Auffallend waren auch die ungezielten Bewegungen und die fehlende Abwehrreaktion auf Schmerzreize. Zudem bestand eine muskuläre Hypotonie. Die Befunde am Herzen, an der Lunge sowie am Abdomen waren jedoch unauffällig.

Unsere Laboruntersuchungen ergaben folgende Befunde:

Stuhl:Rotavirus-Antigen positiv
Blut: CRP 29,9 mg/L
LDH 202 IU/L
Leukozyten 6,7/nm
Hb 11,8 g/dl
Thrombozyten 203/nl
Liquor:Eiweiß 126 mg/dl
Laktat 3,0 mmol/L
Leukozyten 295/µl
Erythrozyten 660/µl
Albumin-Quotient im Reiber-Schema pathologisch erhöht

Allerdings ließ sich weder im Serum oder im Liquor ein Erreger identifizieren.

Wie lautete Ihre Diagnose?

Am dritten Tag führten wir eine Kernspintomografie des Schädels durch und fanden eine Diffusionsstörung im Splenium des Corpus callosum und eine Signalanreicherung im Cerebellum. Im Elektroenzephalogramm bestand eine mittelschwere Allgemeinveränderung. In Anbetracht aller vorliegenden Untersuchungsergebnisse stellten wir die Diagnose einer Rotavirusenzephalitis mit begleitender Kleinhirnentzündung.

Wie haben Sie den Jungen behandelt?

Wir begannen sofort mit einer empirischen intravenösen Behandlung mit Cefotaxim und Aciclovir. Leider gelang es uns nicht, weder mittels PCR noch über Antikörper Rotaviren oder andere neurotrope Viren nachzuweisen.

Wie war der weitere Verlauf?

Der Junge war weiterhin sehr unruhig, zeigte ausgeprägte Bewegungsstörungen und wiederkehrende Schreiattacken.  Die Symptome besserten sich im Laufe der Therapie nur sehr langsam. Erst zehn Tage nach der stationären Aufnahme kam es zu einer verbesserten Vigilanz und die muskuläre Hypotonie ging zurück. Allerdings litt das Kind unter einer schweren Sprechstörung. Eine Hörtestung fiel allerdings unauffällig aus. Zudem konnte es weder frei sitzen noch gezielt greifen. Auch kam es zu Harn- und Stuhlinkontinenz.

Nach drei Wochen in unserem Krankenhaus verlegten wir den Patienten in eine neurologische Reha-Klinik.

Erholte sich der Junge von den neurologischen Beeinträchtigungen?

Im Verlauf der neurologischen Rehabilitationsbehandlung lernte der Junge zwar wieder zu gehen, fiel allerdings immer wieder hin. Auch das Greifen klappte zunehmend besser, war jedoch durch die ataktische Bewegungsstörung erschwert. Die Sprache sowie das Sprachverständnis blieben nach wie vor beeinträchtigt. Die Entwicklungstestung des 3,5-Jährigen ergab einen Entwicklungsstand von 29 Monaten.  

Ataktische Bewegungsstörungen blieben auch acht Monate nach stationärer Aufnahme bestehen. Der Junge kommunizierte mit wenigen Worte sowie Gestik, Mimik und Lautieren. Er schien jedoch alles Gesprochene zu verstehen. In der cMRT sahen wir noch nach zehn Monaten eine Atrophie des Kleinhirns, allerdings zeigte das Elektroenzephalogramm keine Auffälligkeiten mehr.

Wie geht es dem Jungen heute?

Zwei Jahre nach Erkrankungsbeginn hat sich der Junge erfreulicherweise weitgehend erholt. Er leidet allerdings noch immer unter einer gering ausgeprägten ataktischen Bewegungsstörung und hat leichte Probleme beim Sprechen.

Wie häufig kommt es zu Komplikationen infolge einer Rotavirus-Infektion?

Tatsächlich sind solche Fälle eher die Ausnahmen. Laut Literaturangaben kommt es in etwa zwei Prozent der Fälle zu neurologischen Beeinträchtigungen. In einer japanischen Studie fanden sich bei etwa fünf Prozent der Patienten, die wegen einer Rotavirus-Infektion stationär behandelt wurden, eine Enzephalitis oder Enzephalopathie. Ein Viertel der Betroffenen trug Folgeschäden davon.  

Wie lautet Ihr Fazit aus dem Fall?

Rotaviren-Infektionen verlaufen meist harmlos, können jedoch im Einzelfall Ursache einer schweren Erkrankung mit ernsthafter Beeinträchtigung sein, wie dieser Verlauf einer Rotavirus-Enzephalitis zeigt.

Zur Person: Dr. med. Thomas Hoppen ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Neonatologie, Neuropädiatrie, pädiatrische Intensivmedizin und Infektiologie am Gemeinschaftsklinikum Mittelrhein gGmbH in Koblenz und studiert Medizinethik an der Universität Mainz. Er ist Initiator des „Koblenzer Kindernotfalltages“ und unter anderem Chefredakteur der Zeitschrift „Pädiatrie“ sowie Gutachter und Prüfer an mehreren Ärztekammern zur Anerkennung der Schwerpunkte Neuropädiatrie, Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin. Auf coliquio veröffentlichte Dr. Hoppen bereits den Beitrag “Weckerrasseln mit Folgen:  14-Jährige erleidet Herzstillstand“.

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1. Antenbrink F et al. Rotavirus-Enzephalitis mit schwerer Residualsymptomatik. Pädiatrie 2017; 29 (5): 38-40.

Bildquelle: © iStock.com/Dr_Microbe

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