24. Oktober 2018

Patient wird zu früh wach und fällt vom OP-Tisch

Ein adipöser Patient wird nach einer elektiven Operation zu früh wach und fällt aus etwa einem Meter Höhe auf den Boden. Was lief in diesem Fall schief? Und wer haftet für Schäden?

Lesedauer: 3 Minuten

Dieser lehrreiche Fall wurde im Meldesystem CIRSmedical Anästhesiologie (CIRS-AINS) vorgestellt und von dem Expertenteam des Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten (Prof. Dr. Heinrichs, Dr. iur. Biermann, Prof. Dr. Schleppers und Dipl.-Sozialw. Rhaiem) kommentiert. 1 Redaktionelle Zusammenfassung: Marina Urbanietz.

Was ist passiert?

Bei einem etwa 160 kg schweren Patienten (ASA-Klassifizierung III) wird eine elektive Operation in Bauchlage durchgeführt. Doch gegen Ende der OP, bei der Hautnaht, zeigt der Patient Aufsteh-Tendenzen und „buckelt“. Bei Herbeiholen des Wenzel-Tisches durch den Operateur buckelt der Patient so heftig, dass er seitlich vom OP-Tisch rutscht und rücklings auf den Boden aus ca. einem Meter Höhe fällt.

Besonders ungünstig schien dabei die Tatsache zu sein, dass das OP-Ende bereits außerhalb der Regelarbeitszeit lag und sowohl die Anästhesie- als auch die OP-Pflege parallel einen anderen Raum mitbetreuen mussten und somit bei der Umlagerung des Patienten nicht anwesend waren. Auch der zur Operation angelegte Sicherheitsgurt war bereits gelöst worden.

Wer haftet für Schäden?

Der Patient ist glücklicherweise noch glimpflich davongekommen: Er konnte auf dem Boden liegend extubiert und zum Lagerungstisch geführt werden. Ein orientierender Body-Check und eine neurologische Untersuchung zeigten keine Auffälligkeiten.

Doch leider verlaufen solche Fälle nicht immer komplikationslos. Das BDA-Expertenteam beschreibt den folgenden Fall, der für den Patienten tödlich und für den zuständigen Anästhesisten mit einem Strafbefehl wegen fährlässiger Tötung endete:

„Bei einer ambulant durchgeführten Operation wegen eines Postdissektomie-Syndroms wurde der Patient nicht auf dem Operationstisch fixiert und nur in einen Dämmerschlaf versetzt. Gegen Ende der Operation trat der Anästhesist vom Tisch ab, um im Nebenraum ein Medikament zur Blutdrucksenkung zu holen. Gleichzeitig trat der Operateur zur Seite, um den Bildwandler zu bedienen, und zeitgleich verließ auch die OP-Schwester den Patienten, um etwas zu holen. Genau in diesem Augenblick bäumte sich der noch unzurechnungsfähige Patient auf und fiel vom Tisch. Dabei zog er sich eine Schädelfraktur mit einem subduralen Hämatom und zusätzlich einen Hirninfarkt zu, in dessen Folge er ein Jahr später starb“.2

Bezüglich der Haftungsfrage in diesem und weiteren ähnlichen Fällen weisen die Experten ausdrücklich auf die Vereinbarung des Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten und des Berufsverbandes der Deutschen Chirurgen 3 zur „Verantwortung für die prä-, intra- und postoperative Lagerung des Patienten“ (Ziff. 5) hin:

„Die Verantwortung für die Lagerung einschließlich der Umlagerung des Patienten nach Beendigung der Operation bis zur Beendigung der postanästhesiologischen Überwachung trägt der Anästhesist, soweit nicht besondere Umstände die Mitwirkung des Operateurs bei der Umlagerung erfordern.“

Anästhesisten-Kommentar: Was kann man aus solchen Fällen lernen?

In ihrem Kommentar des initial vorgestellten Falls betonen die Experten, dass Operationen in Bauchlagerung u.a. folgende spezifische Besonderheiten aufweisen:

  • Art des Luftweges (kann/darf man einen supraglottischen Luftweg in Bauchlagerung verwenden?)
  • Einleitung (kann der Patient zuerst auf den Bauch gedreht und dann eingeleitet werden?)
  • Ausleitung (kann der Patient in Bauchlagerung ausgeleitet werden? Kann der Luftweg in Bauchlagerung entfernt werden, sodass sich der wache Patient danach aktiv auf den Rücken drehen kann?)

Da keine systematische und prospektive Analyse zu diesen Fragenstellungen existiert, wird eine eher konservative Sichtweise der anästhesiologischen Versorgung in Bauchlage bevorzugt, die sich in erster Linie an der Patientensicherheit orientiert. Im vorliegenden Fall sei diese besonders durch das Übergewicht (ASA Risikogruppe III) des Patienten gerechtfertigt.

Im vorgestellten Fall zeigte sich gegen Ende der Operation keine ausreichende Wirkung der Allgemeinanästhesie. Ob dies ungewollt war oder der zuständige Anästhesist es auch so geplant hatte, um den Patienten an der Umlagerung aktiv teilnehmen zu lassen, lässt sich aus der CIRS-Meldung nicht eindeutig schließen. Jedenfalls war diese Phase für den Patienten gefährlich, stressig und möglicherweise unnötig schmerzhaft.

Take-Home-Message

  • Die Verantwortung für die Umlagerung nach der Operation trägt der Anästhesist.  
  • Er muss sicherstellen, dass genügend Personal anwesend ist, um einen Sturz des Patienten zu verhindern. Ggf. muss zusätzliches Personal angefordert werden.
  • Es ist dringend empfehlenswert, bei Operationen in Bauchlage die Allgemeinanästhesie ausreichend lange und tief genug aufrecht zu erhalten.
  • Die Sicherungsgurte dürfen erst unmittelbar vor der eigentlichen Umlagerung gelöst werden und erst, wenn genügend Personal anwesend ist.

„Aufgrund einer zu späten Extubation ist so gut wie noch nie ein Patient zu Schaden gekommen“

Eine Allgemeinanästhesie wird oft möglichst zeitnah nach dem Schnitt beendet. Hierbei darf jedoch nicht vergessen werden, dass die Patientensicherheit an erster Stelle stehen muss. Gerade bei Patienten (auch, wenn sie nicht adipös sind), die in Bauchlage operiert werden, kann ein zu frühes Beenden der Anästhetikazufuhr fatale Folgen haben. Aufgrund einer zu späten Extubation ist so gut wie noch nie ein Patient zu Schaden gekommen und vor einem falschen Ehrgeiz ist deshalb zu warnen.

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  1. Heinrichs W., Biermann E., Schleppers A., Rhaiem T. Patient wird in Bauchlage zu früh wach und fällt vom OP-Tisch. CIRSmedical Anästhesiologie – Berichten und Lernen. 
  2. Bock, Rolf-Werner in Ulsenheimer, Klaus: Arztstrafrecht in der Praxis, 5. Auflage 2015, RN 229.
  3. Verantwortung für die prä-, intra- und post operative Lagerung des Patienten. Vereinbarung des Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten und des Berufsverbandes der Deutschen Chirurgen.

Bildquelle: © istock.com/kupicoo.

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