03. Juli 2017

Bakterielle Meningitis: Wichtiger Fallstrick bei der Differenzialdiagnose

Bei einem 47-jährigen Patienten mit Verdacht auf bakterielle Meningitis gibt es zwei voneinander abweichende Laborbefunde. Erfahren Sie hier, wie es den Ärzten gelang, den Erreger schließlich zu identifizieren. (Lesedauer: 3 Minuten)

Dieser Fallbericht erschien im Epidemiologischen Bulletin des Robert-Koch-Instituts 1 und wurde von Christoph Renninger für Sie aufbereitet.

Diagnose: Bakterielle Meningitis, aber welcher Erreger?

Mit Brechdurchfall, schlechtem Allgemeinzustand, Fieber (bis 40°C) und zunehmender Somnolenz wird ein 47-jähriger Mann in die Klinik eingewiesen. Die Infektionsparameter sind erhöht und ein Meningismus angedeutet. Es wird eine sofortige Liquorpunktion durchgeführt und die Proben an zwei Untersuchungsstellen geschickt, zur Mikroskopie für die umgehende Schnelldiagnose innerhalb der Klinik und an ein Zentral(fremd)labor für die kulturelle Anzüchtung.

Aufgrund des Verdachts auf eine bakterielle Meningitis und entsprechender Kriterien (Eiweiß im Liquor 500 mg/dl [Normbereich 15-45 mg/dl], Blutzucker <10 mg/dl [50-90 mg/dl], Laktat 21 mmol/l [1,1-2,4 mmol/l] neutrophile Granulozyten 73% [<5%]) wird der Patient stationär aufgenommen und mit einer kalkulierten Antibiotikatherapie mit Cefriaxon und Ampicillin behandelt.

Doch bei der Diagnose des Erregers der Meningitis machen die beiden Labore unterschiedliche Angaben.

Meldung beim Gesundheitsamt und Postexpositionsprophylaxe

Das Kliniklabor stellt nach der Gram-Färbung und mikroskopischen Untersuchung des Liquors die Diagnose “Gram-negative Diplokokken, teils intrazellulär, V.a. Meningokokken-Meningitis“. Das mikrobiologische Zentrallabor stellt hingegen “massenhaft Gram-positive Kettenkokken, morphologische Pneumokokken, V.a. Pneumokokken-Sepsis“ fest.

Aufgrund der Meldepflicht nach §6 Abs.1 Nr.1 des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) bei Verdacht auf eine Meningokokken-Meningitis wird das Gesundheitsamt informiert. Außerdem werden die Angehörigen und das unmittelbar betroffene medizinische Personal der Klinik zur Chemoprophylaxe aufgefordert. Bei einer Pneumokokken-Meningitis wären diese Maßnahmen nicht notwendig.

In diesem Beitrag erfahren Sie mehr über das Handeln bei bakterieller Meningitis >>

Da divergierende Laborergebnisse vorliegen, fordert das Gesundheitsamt weitere Untersuchungen und eine erneute Begutachtung des mikroskopischen Präparates an. Eine gleichzeitige Infektion mit beiden Erregern ist sehr unwahrscheinlich.

Weitere Untersuchungen bringen Klarheit

Der Latex-Agglutinations-Test ist negativ für Meningokokken-Antigene. Dieser Test hat eine Sensitivität von 50-90%, ist jedoch auch nach Beginn der antibiotischen Therapie durchführbar. Auch die typischen Hautsymptome einer Meningokokken-Infektion (petechiale oder ekchymosenhafte Hauterscheinungen) weist der Patient nicht auf.

Da allein der mikroskopische Befund für eine Infektion mit Meningokokken spricht, wird das Präparat nochmals analysiert. Dabei wird festgestellt, dass beim alkoholischen Verfahrensschritt der Gram-Färbung das Präparat “überentfärbt” worden ist. Die dargestellten Bakterien sind daher fälschlicherweise als gram-negativ und damit als Meningokokken (Neisseria meningitidis) interpretiert worden.
Lesen Sie in diesem Beitrag mehr über die Bedeutung der Liquordiagnostik >>

Der Verdacht einer Meningitis durch Streptococcus pneumoniae bestätigt sich in der Blut- und Liquorkultur.

Alkoholentfärbung als möglichen Fallstrick beachten

Wenn zu kurz oder zu lange mit Alkohol entfärbt wird, kann die Gram-Färbung falsch-positiv bzw. falsch-negativ ausfallen. Deshalb sollte zur Identifizierung der Erreger einer bakteriellen Meningitis immer eine kulturelle Anzüchtung erfolgen, ebenso ein Latex-Agglutinationstest. Bei Verdacht auf Meningokokken kann eine kostenfreie PCR-Diagnostik am Nationalen Referenzzentrum (NRZ) für Meningokokken und Haemophilus influenzae unternommen werden. Eine Serotypisierung ist aus Blut, Liquor oder primär sterilen Materialien möglich.

Diese Themen könnten Sie auch interessieren

Weigl LB et al. Fallbericht: Ein möglicher Fallstrick in der akuten Differenzialdiagnose einer bakteriellen Meningitis. Epidemiologisches Bulletin 2017; 25: 223-225.

Bildquelle: © nicolas_-istockphoto.com

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG.

coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653