26. November 2016

Octenisept®: Schwere Folgen nach unsachgemäßer Anwendung

Das Wundantiseptikum Octenisept® darf gemäß der Fachinformation nicht unter Druck ins Gewebe injiziert werden, um möglichen Gewebeschäden vorzubeugen.  Auch muss bei Wundkavitäten ein Abfluss jederzeit gewährleistet sein. Trotz dieses Warnhinweises kommt es immer wieder zu falscher Anwendung des Antiseptikums – mit schweren Folgen, wie folgender Fallbericht einer Schweizer Klinik zeigt.

Dieser Beitrag basiert auf einer Publikation des Schweizerischen Medizin-Forums 2016 ; 16(32): 642–644. coliquio-Redakteurin Dr. Nina Mörsch fasst die Einzelheiten zusammen.

Hundebiss: Nach Erstversorgung tritt Gewebeschwellung auf

Ein 71-jähriger Jäger erlitt eine Hundebissverletzung in der Thenarregion der linken Hand. Zehn Tage nach dem Ereignis stellt sich der Patient aufgrund zunehmender Schwellung und Schmerzen auf der Notfallstation vor.

Es wurde ein Debridement im Operationssaal durchgeführt und eine Antibiotikatherapie mit Amoxicillin/Clavulansäure begonnen. Abstriche und Gewebeproben wurden entnommen – doch die mikrobiologische Untersuchung ergab kein Zeichen von Keimwachstum. Histologisch zeigten sich eine granulierende Entzündung und Nekrosen.

Unwahrscheinliche infektiöse Genese führt zu neuem Verdacht

Bei postoperativer erneuter Schwellungszunahme erfolgte eine Magnetresonanztomographie. Darin zeigte sich eine ubiquitäre Weichteilentzündung an den Faszien, Sehnenscheiden und in der Thenarmuskulatur. Nach Wechsel der Antibiotikatherapie auf Piperacillin/Tazobactam und weiterhin ausbleibendem Ansprechen wurde eine infektiöse Genese unwahrscheinlich und die Antibiotikatherapie abgesetzt.

Nachdem die Ärzte eruieren konnten, dass ein Desinfektionsmittel in die Wunde injiziert worden war, stellten sie die Verdachtsdiagnose einer toxischen Reaktion im Rahmen einer Wundspülung. Dieser Verdacht erwies sich nach Rücksprache mit dem erstversorgenden Arzt als richtig: Dieser hatte wiederholt Octenisept® mit Druck in die Penetrationsverletzung injiziert.

Die Autoren geben an, dass der Patient sich aktuell in der Rehabilitationsphase und in ergotherapeutischer Behandlung befindet. Ob jedoch eine vollständige Wiederherstellung der Handfunktion erreicht werden kann, bleibe noch abzuwarten.

Plädoyer der Autoren: Indikation zur Desinfektion häufiger hinterfragen

Obwohl verschiedene Studien für einige im klinischen Alltag häufig gebrauchte Desinfektionsmittel hohe Toxizitätswerte nachweisen konnten, wird bei frischen Verletzungen und Wunden die Indikation zur Desinfektion selten in Frage gestellt, schreiben die Schweizer Autoren. Dabei würde oftmals auch die einfache Wundspülung mit Debridement genügen. Sie plädieren aufgrund der fehlerhaften Anwendung dafür, dass

  • die Indikationsstellung zur Wunddesinfektion eine ärztliche Aufgabe bleiben sollte, und
  • Wunden mit kleinen Eintrittspforten grundsätzlich nicht ausgespült, sondern im Operationsaal debridiert werden.

  1. M. Greminger et al. Über die unsachgemässe Anwendung von Octenisept® bei Handverletzungen. Schweizerisches Medizin-Forum 2016; 16(32): 642-644.

Bildquelle: ©vgajic – istockphoto.com

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