25. März 2017

Neue psychoaktive Substanzen

Badesalz, Spice & Co: Effekte und Risiken neuer Drogen

Getarnt als harmlose „Kräutermischungen“ oder „Badesalze“ bergen neue Drogen ein gefährliches Risiko. Diese fälschlicherweise als „legal highs“ bezeichneten Substanzen wirken oftmals stärker und unberechenbarer als klassische Drogen – dabei fallen sie bislang aufgrund ihrer Neuartigkeit oftmals nicht unter das Betäubungsmittelgesetz.

Dieser Beitrag basiert auf einem Artikel im British Medical Journal 2017; 356: i6848.1 Die Übersicht hat Christoph Renninger, coliquio-Redaktion, für Sie erstellt.

Experten warnen vor den Gefahren

Im aktuellem europäischen Drogenbericht 2 tauchen über 560 neue psychoaktive Substanzen (NPS) auf. Neben „Spice“ oder Mephedron zählen auch Benzodiazepine dazu. Experten aus den Bereichen Toxikologie, Psychiatrie und Suchtmedizin warnen vor den neuen Partydrogen: Sie schätzen die Gefahr dieser vermeintlich legalen Rauschmittel als besonders gefährlich ein: Die Inhaltsstoffe sind für den Konsumenten unklar, Depressionen und Psychosen treten auf und sogar Todesfälle wurden festgestellt. 3

Unterteilen lassen sich die Stoffe in vier große Substanzklassen:

Stimulanzien: Mit am weitesten verbreitet

Mephedron
Mephedron

Unter den Bezeichnungen “Badesalz” oder “Pflanzendünger” werden Substanzen vertrieben, die strukturell mit Ecstasy (MDMA), Kokain und Amphetaminen verwandt sind. Meist werden sie in Pulverform nasal oder als Pillen konsumiert. Am weitesten verbreitet ist die Droge Mephedron (Meow, M-CAT), ein Cathinon-Derivat.

Wirkung: Durch die Hemmung der Wiederaufnahme oder durch aktive Freisetzung der Neurotransmitter Dopamin, Serotonin und Noradrenalin wird ein Zustand der Euphorie und des Wohlbefindens (“High”) hervorgerufen. Wobei serotonerge Substanzen eher empathogen wirken und zu einer emotionalen Offenheit führen. Dopaminerge Stoffe lösen indes euphorische und “aufgeputschte” Zustände aus.

Risiken: Akute Nebenwirkungen sind häufig psychotische Symptome, Angstgefühle, Arrhythmie, Bluthochdruck und Hyperthermie. Vereinzelt wird auch von Delirium, Atemproblemen und Nierenversagen berichtet. Auch ein lebensbedrohliches Serotoninsyndrom (autonom vegetative und zentralnervöse Symptome, neuromuskuläre Probleme) kann auftreten, insbesondere wenn mehrere Substanzen konsumiert werden, die das serotonerge System beeinflussen. Darunter fallen auch Antidepressiva oder Arzneimittel wie Johanniskraut.

Langzeiteffekte von Stimulanzien sind impulsives Verhalten und Abhängigkeit, sowie Depressionen, kognitive Beeinträchtigungen und Psychosen. Besonders bei längerem Konsum sind Entzugssymptome wie Stimmungsschwankungen, Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und grippeähnliche Anzeichen möglich.

Cannabinoide: Von wegen Kräuter

Spice
Spice

Cannabis ist noch immer die am häufigsten konsumierte illegale Droge. 2 Doch daneben gibt es über 150 synthetische Cannabinoidrezeptoragonisten (SCRA). Häufig werden diese als “Kräutermischungen” (Spice) vertrieben und geraucht. Flüssige SCRAs können auch über E-Zigaretten inhaliert werden.

Wirkung: Während Tetrahydrocannabinol (THC) als psychoaktive Substanz in Cannabis nur als partieller Agonist an den Cannabinoidrezeptoren wirkt, agieren diese meisten synthetischen Cannabinoide als volle Agonisten. Dadurch ist der Effekt eines Gefühls der Entspannung (“stoned”) ausgeprägter als beim Konsum von natürlichem Cannabis. Zudem ist bei SCRAs kein Cannabidiol enthalten, das anxiolytische und antipsychotische Effekte von Cannabis vermittelt.

Risiken: Der Konsum von Cannabinoiden kann Angstgefühle, Paranoia und psychotische Symptome auslösen. Besonders synthetische Substanzen können eine starke Agitation hervorrufen. Außerdem werden weitere akute Nebenwirkungen berichtet, darunter Verwirrung, kognitive Probleme, eine verwaschene Sprache und exzessives Schwitzen. Zudem gibt es Fallberichte von Tachykardie, Nierenversagen, Herzinfarkten, epileptischen Anfällen und Schlaganfällen.

Beim Langzeitkonsum von Cannabis kommt es zu keiner physischen Abhängigkeit. Synthetische Wirkstoffe bergen jedoch ein höheres Potential für Abhängigkeiten und damit verbundene Entzugserscheinungen.

Halluzinogene: Dissoziativ oder psychedelisch

Blotter
Blotter

Die Klasse der halluzinogenen NPS lässt sich in zwei Gruppen unterteilen: klassische, psychedelische Substanzen und Dissoziativa, welche oftmals schädliche Nebenwirkungen haben. Konsumiert werden sie meist oral, als Pillen oder Papierblättchen (Blotter).

Wirkung: Psychedelische Substanzen, traditionelle Mittel sind LSD oder Psilocybin, produzieren meist keine Halluzinationen, sondern führen zu einer veränderten Wahrnehmung und quasi-mystischen Erfahrungen. Vermittelt werden diese Effekte vor allem über die agonistische Wirkung am 5-HT 2A Rezeptor. Die meisten psychedelischen NPS, wie 5-MeO-DALT oder Drogen der NBOMe-Serie, haben zudem stimulierende Eigenschaften.
Dissoziativa rufen einen euphorischen, dissoziierten Zustand hervor, bei dem eine Wahrnehmung der Schwerelosigkeit, Unendlichkeit und einer Trennung vom physischen Körper auftritt. Die ersten Substanzen dieser Klasse, wie Ketamin (Special K) und Phencyclidin (PCP, Angel Dust) wurden zunächst als Anästhetika eingesetzt. Das weit verbreitete Methoxetamin (Mexxy) hat stärkere und längere anhaltende dissoziative Effekte als Ketamin. Hauptsächlich wirken die Substanzen als nicht-kompetitive Antagonisten am glutamatergen NMDA-Rezeptor, binden aber auch an Opioid- und Monoamin-Rezeptoren.

Risiken: Im Vergleich zu anderen Substanzen haben Psychedelika generell eher geringe Nebenwirkungen. Allerdings erhöhen psychedelische NPS das Risiko für Hypertonie, Tachykardie, Rhabdomyolyse und epileptische Anfälle.
Dagegen gibt es bei dissoziativen Substanzen sogar Berichte von Todesfällen aufgrund der Toxizität von Methoxetamin. Auch aggressive, psychotische und katatonische Zustände wurden beschrieben. Ebenfalls möglich sind akute zerebelläre Toxizität, kardiovaskuläre Ereignisse, Nierenversagen und respiratorische Ausfälle.

Über die Langzeiteffekte und Suchtwirkung von Psychedelika liegen nur geringe wissenschaftliche Erkenntnisse vor.
Der langfristige Konsum von Dissoziativa führt zu Suchtverhalten mit starkem Verlangen (Craving) nach der Substanz. Außerdem können neurokognitive Defizite und Stimmungsschwankungen auftreten. Physische Langzeiteffekte sind Bauchkrämpfe, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall. Zudem treten schwere Schäden von Nieren und Blase.

Benzodiazepine & Opioide: Nicht nur gegen Schmerzen

Opioid zur Injektion
Opioid zur Injektion

Zu den neurodepressiven Drogen zählen Benzodiazepine und Opioide. Vertrieben werden sie meist in Pulver- oder Pillenform und sind die wohl am wenigsten untersuchte Gruppe der NPS. Neue Substanzen wie Diclazepam, Flubromazepam oder das synthetische Opioid AH-7921 ähneln in ihrer Wirkung bekannten Arzneimitteln.

Wirkung: Benzodiazepine wirken an inhibitorischen GABA-Rezeptoren und haben sedative, anxiolytische und hypnotische Eigenschaften. Dabei haben NPS eine längere Wirkungsdauer und Halbwertszeit (Flubromazepam: etwa 100 Stunden). Dadurch treten auch Nebenwirkungen länger auf und es besteht die Gefahr einer versehentlichen Überdosierung.
Auch NPS Opioide agieren ähnlich wie bekannte Substanzen, allerdings haben auch sie das Potenzial einer längeren Wirkung. Vermittelt werden die analgetischen und euphorischen Effekte über präsynaptische µ-Opioid-Rezeptoren.

Risiken: Verwirrtheitszustände, die mehrere Tage andauern, wurden unter NPS Benzodiazepinen berichtet. Ein akuter Entzug kann zu epileptischen Anfällen führen.
Für AH-7921 besteht ein Risiko der Überdosierung, welche mit Naloxon behandelt werden kann. Dabei sind höhere Dosen notwendig als bei einer Morphinüberdosis. Beim synthetischen Opioid MT-45 treten kurz- bis mittelfristige Hörverluste auf.

Wie bei traditionellen Benzodiazepinen ist der Langzeitgebrauch mit einer Beeinträchtigung der Kognition und weiteren mentalen Folgen assoziiert.
Zur Langzeitwirkung der NPS Opioide gibt es noch keine Daten, jedoch legen Tierstudien ein hohes Abhängigkeitspotenzial und Entzugserscheinungen nahe.

Rechtliche Situation in Deutschland
Ende 2016 ist das Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG) 4 in Kraft getreten. Dieses bezieht sich auf von 2-Phenethylamin abgeleitete Verbindungen (darunter Cathinone) und synthetische Cannabinoide. Der Handel, das in Verkehr bringen, die Herstellung, Lagerung, Erwerb und Besitz der definierten Stoffe ist verboten. Bei Zuwiderhandlung sind Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren oder Geldstrafen möglich. Bei gewerbsmäßiger Handlung oder einer Abgabe an Minderjährige sind Freiheitsstrafen bis zu zehn Jahren möglich. Ausgenommen ist die anerkannte Verwendung zu wissenschaftlichen, gewerblichen oder industriellen Zwecken.

Übersicht zum Herunterladen

Eine (englischsprachige) Übersicht über die im Artikel beschriebenen Klassen der neuen psychoaktiven Stoffe können Sie als pdf-Datei herunterladen.

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  1. Tracy DK et al. Novel psychoactive substances: types, mechanisms of action, and effects. BMJ 2017; 3556: i6848
  2. Europäischer Drogenbericht 2016, Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht, Mai 2016
  3. Kerzdörfer K. Neues Gesetz: Stoppt es Legal Highs? BR Fernsehen, 13.3.2017
  4. Gesetz zur Bekämpfung der Verbreitung neuer psychoaktiver Stoffe. Bundesgesetzblatt, 21. November 2016

Bildquellen: © CreativaImages-istockphoto.com
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