22. August 2018

Seltener Notfall

Natriumhydroxid statt Kopfschmerzpille geschluckt

Ein gesunder 65-Jähriger verwechselt seine Kopfschmerzpillen mit einer Tablette Natriumhydroxid und kommt mit Verätzungen im Hals und Rachen in die Klinik. Dort verschlechtert sich sein Zustand dramatisch.

Lesedauer: 3 Minuten

Dieser Beitrag beruht auf einem Fallbericht in der Fachzeitschrift BMJ Case Reports, den Christoph Renninger für Sie zusammenfasst.1

Zunächst scheint alles harmlos

Der 65-Jährige leidet unter starken Kopfschmerzen und möchte eine Tablette Paracetamol einnehmen. Seine Medikamente und Reinigungsmittel lagert er unter der Spüle in der Küche. Da er aufgrund der Schmerzen verwirrt ist, greift er versehentlich zu einer Natriumhydroxidtablette (3,5 g) und schluckt sie mit einem Glas Wasser. Er verspürt sofort ein starkes Brennen in Mund und Rachen und muss heftig husten. Etwa eine Stunde später trifft er in der Notaufnahme ein.

Dort klagt der Mann über schmerzhafte Beschwerden beim Schlucken (Odynophagie) und eine leichte Stimmstörung (Dysphonie). Bei der Untersuchung hat er keine abdominellen Beschwerden, kein Fieber, einen Blutdruck von 168/82 mmHg, normale Atmung und unauffällige Blutwerte. Es sind keine Erytheme an den Lippen, der Mundhöhle und im Rachenraum zu sehen.

Plötzliche Verschlechterung des Zustands

Ein HNO-Arzt führt eine Nasofibroskopie durch und stellt ein leichtes Erythem ohne Ödeme im Larynx fest. Der Patient erhält zur Schmerztherapie ein intravenöses Opioid, worauf sich die Odynophagie verbessert. Der Mann soll noch sechs Stunden in der Notaufnahme bleiben und nach einer weiteren Kontrolluntersuchung wieder nach Hause entlassen werden. Doch in diesem Zeitraum verschlechtert sich der Zustand des Patienten dramatisch.

Weitere Behandlung wird notwendig

Abb.1 Ansicht des Larynx nach Intubation. Die Sterne markieren die Stimmlippen (schwarz: rechts, weiß: links). Es ist eine diffuse, oberflächliche Nekrose zu erkennen.

Der Patient entwickelt eine starke Dyspnoe und eine schwere Schluck- und Sprechstörung. Eine erneute Untersuchung des Rachens zeigt nekrotisiertes Gewebe oberhalb der Glottis und massive bilaterale Ödeme an den Stellknorpeln. Die Luftzufuhr ist um ca. 40% reduziert. Die Stimmlippen erscheinen unverändert. Die Ärzte verabreichen 250 mg Methylprednisolon und führen eine nasotracheale Intubation durch.

Abb. 2 Ansicht der Supraglottis nach Intubation. Der Stern markiert das gesunde Gewebe, die Pfeile weisen auf die massiven Ödeme der beiden Stellknorpel hin.

Bei einer Pharyngoskopie sehen die Ärzte eine oberflächliche Nekrose der Epiglottis, die bis zu den Stimmlippen reicht (Abb. 1), sowie durchscheinende Ödeme an beiden Stellknorpeln (Abb. 2). Die Gastroskopie offenbart einen 1 cm 2 großen Ulcus im oberen Ösophagus, jedoch keine weiteren Läsionen.

Am nächsten Tag wird aufgrund des langsamen Heilungsprozesses und um eine Synechie zu verhindern, eine Tracheotomie durchgeführt.

Langsame Genesung auf der Intensivstation

Über zwei Wochen verbleibt der Mann mit der Tracheotomie auf der Intensivstation und wird zusätzlich mit Protonenpumpeninhibitoren (Esomeprazol, 40 mg: erst zweimal täglich, später einmal am Tag) behandelt. Die Ernährung erfolgt über eine Nasensonde.

Der Klinikaufenthalt wird durch eine Infektion der Atemwege, die mit Antibiotika therapiert werden muss, verlängert. Nach 17 Tagen wird die Atemkanüle entfernt und der Patient kann wieder feste Nahrung zu sich nehmen. Einen Monat nach dem Vorfall kann er nach weiteren Kontrolluntersuchungen die Klinik verlassen.

Alkalische Verätzung: So können Sie vorgehen

Eine Ingestion alkalischer Substanzen, wie Natriumhydroxidtabletten oder Natronlauge, führt zu Läsionen der Schleimhäute. Aufgrund der verflüssigenden Nekrose wird ein tieferer Gewebeschaden angerichtet als bei sauren Substanzen.

Bislang gibt es keine Leitlinienempfehlungen zum Umgang mit Verätzungen des Larynx. Aufgrund der Ähnlichkeit zu alkalischen Läsionen des Ösophagus und Magens können die folgenden Maßnahmen initial ergriffen werden:

  • Therapie mit Protonenpumpeninhibitoren
  • Endoskopie innerhalb von 24 Stunden
  • medizinische Überwachung
  • Röntgenaufnahmen, um eine Perforation auszuschließen

Im beschriebenen Fall hatte die Kortikoidbehandlung positive Effekte. Es gibt keine Studien zur Auswirkung von Kortikoidbehandlung bei Verätzungen, sie wird jedoch auch bei Verbrennungen durch heiße Getränke oder Speisen angewandt.

Die Anwendung eines Nasopharyngealtubus war bei diesem Patienten angemessen. Beim verschluckten ätzenden Flüssigkeiten wird jedoch davon abgeraten, da es zu Erbrechen und Reexposition kommen kann.

Die Tracheotomie ist der finale Behandlungsschritt, um die Region zu entlasten.

  1. Boonekamp C et al. Accidental aspiration of a solid tablet of sodium hydroxide. BMJ Case Rep 2018;  doi:10.1136/bcr-2018-224213

Bildquellen: istock.com/smartstock
Boonekamp C et al. Accidental aspiration of a solid tablet of sodium hydroxide. BMJ Case Rep 2018;  doi:10.1136/bcr-2018-224213

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