07. Februar 2018

Aus dem Kollegenkreis

Nadelstichverletzungen: Tipps zur Postexpositionsprophylaxe 

Nach einer Nadelstichverletzung ist das Zeitfenster für eine effektive Postexpositionsprophylaxe (PEP) gegen Hepatitis B-Viren (HBV), Hepatitis C-Viren (HCV) oder HIV begrenzt. Deshalb gilt es, betroffene Mitarbeiter vorrangig zu behandeln. (Lesedauer: 3 Minuten)

Der Beitrag wird vertreten von Prof. Dr. Dr. Sabine Wicker, Leiterin des Betriebsärztlichen Dienstes am Uniklinikum Frankfurt. Redaktion: Dr. Nina Mörsch

Die Infektionswahrscheinlichkeit mit HBV, HCV oder HIV ist nach einem solchen Vorfall abhängig von der Schwere der Verletzung und der Viruslast des Spenders (Indexpatienten): Bei Hepatitis B Ungeimpften wird das Transmissionsrisiko auf ca. 18 – 30%, bei HCV auf ca. 1% und bei HIV auf unter 0,3% geschätzt.

Zur Therapieentscheidung kann es deshalb hilfreich sein, wenn bei dem Indexpatienten ein HIV- und Hepatitistests durchgeführt wird, erklärt die Betriebsärztin Prof. Dr. Dr. Sabine Wicker 1.

Hepatitis B

Alle Mitarbeiter mit direktem Patientenkontakt oder Kontakt zu Patientenmaterialien sollten eine sichere Immunität gegenüber Hepatitis B aufweisen. Der Impfstatus gilt als sicher, wenn 4-8 Wochen nach der dritten Impfung ein anti-HBs-Wert von 100 IE/l oder höher erreicht wurde. Diese Personen sind für mindestens 10 Jahre geschützt und im Fall einer Nadelstichverletzung sind keine weiteren Maßnahmen in Bezug auf eine HBV-PEP notwendig. Auch eine Testung auf HBsAg des Spenders ist in solch einem Fall nicht erforderlich.

Bei unklarem Impfstatus des Exponierten sollten hingegen der aktuelle Anti-HBs-Status und gegebenenfalls weitere serologische Parameter beim Mitarbeiter und möglichst HBsAg beim Indexpatienten bestimmt werden. Abhängig vom Ergebnis wird die Indikation zur postexpositionellen Impfung und eventuellen Gabe von HB-Immunglobulin gemäß den aktuellen STIKO-Empfehlungen gestellt.

Hepatitis C

Im Falle einer HCV-Exposition durch Nadelstichverletzung wird keine Postexpositionsprophylaxe empfohlen.2 Unmittelbar nach der Verletzung oder Kontamination sollten beim Exponierten HCV-Antikörper und Transaminasen bestimmt werden (Ausgangswert). Bei HCV-Exposition sollte nach zwei Wochen eine HCV-PCR beim Verletzten durchgeführt werden.

Falls die Testung negativ ausfällt, sollte die Untersuchung 6 Wochen nach Exposition wiederholt werden. Aufgrund der unter Umständen langen Inkubationszeit der HCV-Infektion wird ein Anti-HCV-Nachweis bis zu 26 Wochen nach der Exposition empfohlen.

Sollte HCV-RNA nachweisbar sein, ermöglicht eine Frühtherapie der HCV-Infektion gute Behandlungsoptionen. Eine Chronifizierung der Hepatitis C kann so in den allermeisten Fällen verhindert werden.

HIV

Eine HIV-Postexpositionsprophylaxe  (HIV-PEP) senkt nach Verletzungen mit kontaminierten Instrumenten nachweislich das Infektionsrisiko. Das mittlere Übertragungsrisiko einer HIV-Infektion durch eine perkutane Verletzung (bei gesichert positivem Indexfall) liegt bei 1:330. Empfehlungen zum Vorgehen und zur Kostenübernahme enthält die jeweils aktuelle Fassung der Deutsch-Österreichischen Leitlinien zur Postexpositionellen Prophylaxe der HIV-Infektion.3

Besteht eine Indikation zur Einleitung einer PEP, sollte die entsprechende Medikamentenkombination gemäß der oben genannten Leitlinien über einen Zeitraum von normalerweise vier Wochen eingenommen werden. Nachuntersuchungen der verletzten Person sollten gemäß den aktuellen Empfehlungen der Fachgesellschaften erfolgen – hierbei ergeben sich unterschiedliche Nachuntersuchungsintervalle für Beschäftigte abhängig davon, ob eine HIV-PEP eingenommen wird oder nicht.

Wichtig: Verletzung als Arbeitsunfall melden und dokumentieren!
Jede Verletzung sollte dokumentiert werden und notwendige Maßnahmen sollten unverzüglich eingeleitet werden, empfiehlt Prof. Dr. Dr. Wicker. Statistisch gesehen ist das Risiko einer Infektionsübertragung nicht groß – die Konsequenzen einer Virustransmission können jedoch schwerwiegend sein, ergänzt die Arbeitsmedizinerin.

Zur Person:  Prof. Dr. Dr. med. Sabine Wicker ist Arbeits- und Notfallmedizinerin und leitet den Betriebsärztlichen Dienst des Universitätsklinikums Frankfurt. Sie ist Mitglied der Ständigen Impfkommission (STIKO) am RKI, Vorsitzende der Nationalen Verifizierungskommission für die Elimination der Masern und Röteln in Deutschland sowie Mitglied im Ärztlichen Sachverständigenbeirat „Berufskrankheiten“ beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales.
Auf coliquio hat Prof. Wicker außerdem folgenden Beitrag veröffentlicht: Gewalt in der Notfallmedizin: So häufig trifft es Ärzte.

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1. Himmelreich H, Rabenau HF, Rindermann M, Stephan C, Bickel M, Marzi I, Wicker S (2013): Management von Nadelstichverletzungen. Dtsch Arztebl Int 110:61-67

2. Robert-Koch-Institut: RKI-Ratgeber Ärzte HCV

3. Robert-Koch-Institut: Ratgeber HIV-Infektion/AIDS

4. Deutsch-Österreichische Leitlinien zur Postexpositionellen Prophylaxe der HIV-Infektion

Bildquelle: istockphoto.com, Bildnachweis: YakobchukOlena

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