18. November 2017

Großeinsatz an Gymnasium: Über 40 vergiftete Schüler?

Nach einer Abiturfeier melden sich mehrere Schüler mit Übelkeit, Schmerzen, Schwindel und weiteren Symptomen im Sekretariat. Die eingetroffenen Rettungskräfte rufen den Alarm “Massenanfall von Verletzten” aus. Erfahren Sie hier, welche Ursache für die Vergiftungserscheinungen verantwortlich war. (Lesedauer: 3 Minuten)

Dieser Beitrag basiert auf einem Artikel in der Fachzeitschrift Der Notarzt und wurde von Christoph Renninger, coliquio-Redaktion, für Sie aufbereitet.1

Abiturfeier mit drastischen Konsequenzen

In der Aula des Hamburger Gymnasiums findet die jährliche Abiturfeier statt, es gibt Würstchen und Kartoffelsalat, sowie verschiedene alkoholfreie Getränke. Doch die fröhliche Feier findet ein jähes Ende, als ein Lehrer eine Schnapsflasche auf dem Schulhof findet. Gemäß der Schulregularien wird die Feier ohne Angabe von Gründen abgebrochen und die Schüler gehen zurück in die Klassenzimmer.

Kurz darauf meldet sich ein Kind mit Zittern, Kaltschweißigkeit, Blässe und Mydriasis im Sekretariat. Als zwei weitere Kinder die gleichen Symptome berichten, alarmiert die Schulsekretärin den Rettungsdienst mit dem Verdacht auf eine Alkoholintoxikation. Die eingetroffenen Rettungskräfte schließen diese jedoch zunächst aus, da kein entsprechender Geruch vorhanden ist.

Weitere Schüler klagen über Symptome, wie Übelkeit, Schwindel, Bauch- oder Kopfschmerzen und Mydriasis. Selbst ein zweiter gerufener Rettungswagen reicht für die Versorgung der Kinder nicht aus. Die Rettungsleitstelle löst daraufhin den Alarm “Massenanfall von Verletzten” aus und mehrere Einsatzfahrzeuge von Rettungsdienst, Polizei und Feuerwehr treffen an der Schule ein. Auch erste Medienvertreter verfolgen das Geschehen vor Ort.

Großeinsatz und Klinikeinweisung

Im Laufe des Einsatzes melden sich insgesamt 48 Kinder zwischen neun und 15 Jahren mit unterschiedlichen Symptomen. Die Vitalparameter sind, bis auf eine Ausnahme (11-Jährige mit einer Atemfrequenz von 25/Min), im altersgerechten Normbereich. Die Schüler werden in erster Linie beruhigend betreut, sechs von ihnen erhalten eine Infusion mit einer Vollelektrolytlösung.

32 Schüler werden mit insgesamt neun Rettungswagen in die Notaufnahmen umliegender Kliniken mit pädiatrischer Abteilung gebracht. Dort werden vor allem Bauchschmerzen, Kopfschmerzen und Schwindel festgestellt. Bis auf zwei Jungen mit einer leichten Tachykardie, sind die Vitalparameter unauffällig und es werden Blutproben für eine toxikologische Analyse entnommen.

In der Notaufnahme kommt es bei den meisten Kindern zu einem Rückgang der Symptome und sie können nach Hause entlassen werden. Lediglich vier Kinder bleiben noch eine Nacht in der Klinik. Einen Tag später können jedoch auch sie wieder die Schule besuchen.

Herausforderungen für die Einsatzkräfte

Der leitende Notarzt muss in diesem unklaren Fall mit mehreren Dutzend betroffenen Kindern verschiedene Verdachtsdiagnosen abwägen. Bei der zunächst vermuteten Alkoholintoxikation wären neben den beschriebenen Symptomen zudem mit Gangunsicherheiten, Bewusstseinsstörungen, Unruhe oder verwaschener Sprache zu rechnen. Bei Lebensmittelvergiftungen steht meist eine gastrointestinale Symptomatik im Vordergrund, die sich durch Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö und Bauchkrämpfe auszeichnet.

Die weitere Diagnostik erfolgt in der Klinik, gerade bei nicht lebensbedrohlichen, ungewöhnlichen Symptome mit unklarer Ursache. In der präklinischen Situation sind weitergehende Analysen oftmals nicht möglich.

Vor Ort besteht für die Rettungskräfte die Herausforderung der begrenzten Platzverhältnisse. Das Gymnasium liegt in einem Wohngebiet und hat nur eine schmale Zufahrtsstraße. Aufgrund der Vielzahl der Einsatzfahrzeuge war die An- und Abfahrt schwierig. Eine Positionierung außerhalb der Sichtweite der Schule ist nicht möglich.

Auch die bereits früh anwesenden Medienvertreter, die sich teilweise sehr offensiv positionieren und die Rettungskräfte behindern, stellen ein Problem dar. Die Schulleitung verweist die Journalisten vom Schulgelände. Doch werden Versuche unternommen, Schüler auf dem Nachhauseweg zu interviewen. Hierdurch werden Einsatzkräfte gebunden und können keinen anderen Aufgaben nachgehen.

Mehr über die Kooperation der Einsatzkräfte lesen Sie im Beitrag “Notarzt & Polizei: Experten-Tipps für reibungslose Zusammenarbeit”.

Toxikologische Analysen ohne Befund

Neben Drogenschnelltests (Speicheltests und inhalative Alkoholtests), die allesamt unauffällig sind, werden 20 Blut- und 27 Urinproben der Schüler analysiert. Untersuchungen auf Alkohol, Amphetamine/Ecstasy, Benzodiazepine, Cannabinoide, Kokain und weitere Substanzen fallen negativ aus. Zur weiteren Analyse werden die Proben aufgereinigt und mittels Gas-Chromatographie/Massenspektrometrie (General unknown screening) untersucht. Es können keine toxischen Substanzen nachgewiesen werden.

Proben der beiden Kinder mit den am stärksten ausgeprägten Symptomen werden an ein spezialisiertes Labor geschickt und gezielt auf neue psychoaktive Substanzen (NPS) untersucht. Auch hier fällt das Ergebnis negativ aus. Mehr über diese Substanzen lesen Sie im Beitrag “Badesalz, Spice & Co: Effekte und Risiken neuer Drogen”.

Diagnose: Mass anxiety hysteria

Retrospektiv lässt sich im geschilderten Fall die Ausschlussdiagnose einer Massenhysterie stellen. Defniert wird diese als plötzliches Auftreten von Krankheitszeichen oder Symptomen bei Menschen einer Gruppe, ohne eine feststellbare körperliche Ursache. Sie gehört zu den somatoformen Störungen, die Mechanismen der Entstehung sind allerdings noch weitgehend unbekannt.

Generell unterscheidet man zwischen primär von Angst (mass anxiety hysteria) und motorischer Unruhe (mass motor hysteria) geprägten Formen. Charakteristisch für die erste Form sind mit Angst assoziierte somatische Beschwerden. Aufgrund von Gerüchten und Schilderungen verbreiten sich die Symptome unter den Schülern und die Zahl der Betroffenen wächst rasch an. Allerdings ist bei dieser Art der Massenhysterie die Dauer der Symptome meist nur kurz.

In diesem Fall haben wahrscheinlich das aufsehenerregende Großaufgebot unmittelbar vor der Schule und das große Medieninteresse zusätzlich zur Verbreitung der Massenhysterie beigetragen.

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  1. Kahnenbley S et al. Massenanfall von Verletzten oder Massenhysterie? Intoxikationsverdacht bei 48 erkrankten Gymnasiasten. Notarzt 2017; 33: 63-67.

Bildquelle: © skynesher-istockphoto.com

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