25. November 2015

Kind mit Kopftrauma – röntgen oder nicht?

Die meisten Schädeltraumata von Kindern sind harmlos. Doch auch wenn äußerlich nicht viel fehlt – wer weiß schon, wie es drinnen aussieht? Auf die Frage, wann eine CT angezeigt ist, glauben kanadische Mediziner die Antwort zu kennen.

Dieser Beitrag von Robert Bublak erscheint mit freundlicher Genehmigung von Springer Medizin. Weitere Beiträge aus dem Fachgebiet AINS finden Sie auf
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Kopfverletzungen, meist durch Stürze hervorgerufen, sind ein häufiger Grund, weshalb Eltern mit ihren Kindern eine Notaufnahme aufsuchen. In den meisten Fällen handelt es sich um harmlose Befunde. Doch auch hinter scheinbar Harmlosem kann sich Gefährliches verbergen. Schädelfrakturen zum Beispiel kommen laut Literaturangaben bei Kindern unter zwei Jahren, die ein Schädeltrauma erleiden, mit einer Häufigkeit zwischen 6 Prozent und 30 Prozent vor. Solche Frakturen rasch zu erkennen ist wichtig, um Komplikationen wie einer Leptomeningealzyste oder einer zerebralen Hernie vorzubeugen.

Zielgenaue Kriterien gefragt

Andererseits existieren aufgrund des gering, aber signifikant erhöhten Krebsrisikos durch Röntgenstrahlung Vorbehalte, Kinder mit Verletzungen des Kopfes routinemäßig einer Computertomografie zu unterziehen. Gefragt wären Kriterien, die einen zielgenaueren Einsatz der radiologischen Diagnostik ermöglichen und die Zahl unnötiger Untersuchungen senken würden. Solche Kriterien zu finden, hatten sich Notfallmediziner, Radiologen und Pädiater um Jocelyn Gravel von der Universität Montreal vorgenommen.

An drei Notaufnahmezentren untersuchten die Forscher zunächst 811 Kinder unter zwei Jahren, die ein Schädeltrauma erlitten hatten. Aufgenommen wurden nur solche Kinder, deren Risiko für eine klinisch bedeutsame Hirnverletzung gering war und bei denen keine unmittelbare Indikation für eine CT bestand: Die Punktzahl auf der Glasgow-Koma-Skala musste 15 Punkte (Maximum) betragen, das Bewusstsein durfte nicht verändert sein und es durfte keine Schädelfraktur tastbar sein.

Hämatome und Alter

49 (6 Prozent) der 811 Kinder wiesen einen Schädelbruch auf. Konzentrierte man sich auf den Befund parietaler oder okzipitaler Hämatome, wurden 94 Kinder erfasst, von denen 38 (40,4 Prozent) eine Schädelfraktur hatten. Übrig blieben 717 Kinder, elf (1,5 Prozent) davon mit gebrochenem Schädel. Wählte man hier jene Kinder aus, die jünger waren als zwei Monate, blieben 56 übrig – und acht der elf Frakturen wurden identifiziert. 661 Kinder erfüllten keines der beiden Kriterien. Drei von ihnen hatten eine Schädelfraktur, was einem Anteil von 0,5 Prozent gleichkommt.

Anders ausgedrückt: Die Kombination der Kriterien „parietales oder okzipitales Hämatom“ und „Alter unter zwei Monaten“ erfasste 150 von 811 Kindern und 46 der 49 Schädelfrakturen. Das Frakturrisiko betrug bei Vorliegen beider Befunde 30,7 Prozent und war damit fünfmal so hoch wie in der ursprünglichen Gruppe.

Sensitivität von knapp 90 Prozent

Anschließend validierten Gravel und Kollegen ihre Entscheidungsregel pro und kontra Schädelfraktur bzw. für und wider eine CT, beteiligt waren 856 Kinder. Die Sensitivität der beiden Kriterien erreichte 89 Prozent und die Spezifität 87%. Umgerechnet hätte sich die Zahl der CT-Indikationen in der Validierungsgruppe unter Heranziehung der Kriterien von 354 auf 148 reduzieren lassen.

Die kanadischen Ärzte sehen ihre klinische Entscheidungsregel im Vorteil gegenüber starren Empfehlungen, die darauf hinauslaufen, Kinder ab einem mittleren Risiko für eine Schädelfraktur zu röntgen – also nach Einwirken einer größeren Kraft, bei großen Hämatomen, Stürzen auf hartem Untergrund, Unfällen ohne Zeugen oder mit unklarem Hergang. „Mit der Entscheidungsregel, die wir im Zuge dieser Studie entwickelt haben, wurden 90 Prozent der Schädelfrakturen von Kindern nach leichtem Trauma ohne CT-Indikation erkannt“, so Gravel und sein Team. Die Zahl der radiologischen Untersuchungen wäre damit um 60 Prozent gesenkt worden.

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