25. Oktober 2016

Händehygiene: Die wichtigsten Neuerungen im Überblick

Im September dieses Jahres hat die Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) ihre neuen Empfehlungen zur Händehygiene vorgestellt, die nun auch im Bundesgesundheitsblatt veröffentlicht wurden. In diesen Empfehlungen haben die Experten die Leitlinien zur Händehygiene erstmals seit dem Jahr 2000 aktualisiert.

Erfahren Sie im folgenden Beitrag von Prof. Dr. med. Axel Kramer, coliquio-Mitglied und Mitautor der neuen Empfehlungen, was sich geändert hat und worauf Ärzte ab jetzt besonders achten sollten. Die wichtigsten Punkte hat coliquio-Redakteurin Marina Urbanietz für Sie zusammengestellt.

Voraussetzungen für die Händehygiene

  • Kurzärmlige Berufskleidung: Bei kurzärmliger Berufs- und Bereichskleidung sind entsprechend den neuen Empfehlungen im Fall des Kontakts mit potentiell infektiösem Material auch die Unterarme zu desinfizieren [Kat. II*].
  • Künstliche Nägel: Dass Nagellack unzulässig ist, wurde bereits in den Leitlinien aus dem Jahr 2000 festgehalten. Nach den neuen Empfehlungen werden nun auch künstliche und gegelte Nägel untersagt, weil die Bakteriendichte auf künstlichen Nägeln höher als auf natürlichen ist: „Das Tragen künstlicher und gegelter Fingernägel ist unzulässig [Kat. IB]“.
  • Piercings: An Händen und Unterarmen dürfen keine Ringe, Armbänder oder Armbanduhren getragen werden. In den neuen Empfehlungen wird außerdem das Tragen von Piercings in diesen Bereichen untersagt [Kat. IB/ IV].
  • Ringdosimeter außerhalb von OP-Einheiten: Sofern Ringdosimeter außerhalb von OP-Einheiten getragen werden müssen, sollten diese nach jedem Patientenkontakt abgelegt und erst nach erfolgter Desinfektion der Hände und Ringe wieder angelegt werden [Kat. II].
  • Ausstattung: Neu sind auch die Mindestausstattungsanforderungen für Desinfektionsmittelspender (DM-Spender). Patientenzimmer auf Intensiv- und Dialysestationen sollten mindestens über einen DM-Spender pro Bett verfügen. Auf Nicht-Intensivstationen ist ein DM-Spender zwischen zwei Betten sowie in der Sanitärzelle erforderlich [Kat. II].

Auswahl des Händedesinfektionsmittels (HDM)

Alkohol-basierte Formulierungen: Die neuen Empfehlungen weisen ausdrücklich darauf hin, dass ausschließlich Alkohol-basierte Formulierungen ohne Zusatz antimikrobiell remanent wirksamer Wirkstoffe wie Chlorhexidin oder Octenidin als HDM zu verwenden sind [Kat. IB]. Die alkoholischen HDM sind innerhalb von 15- 30 Sekunden hoch wirksam gegenüber Bakterien einschließlich MRE, Hefepilzen und behüllten Viren.

Wirksamkeit gegen Viren: Nach Versorgung von Patienten mit Viruserkrankungen bzw. nach Umgang mit virushaltigem Material ist in Abhängigkeit von der Art der zu erwartenden Viren ein begrenzt viruzides (wirksam gegen behüllte Viren), ein begrenzt viruzid Plus wirksames (wirksam gegen Adeno-, Noro- und Rotaviren) oder ein viruzides (wirksam gegen behüllte und unbehüllte Viren) anzuwenden. Sobald unbehüllte Viren im Stationsbereich oder bei zu versorgenden Patienten auftreten, z. B. Noroviren, ist die Umstellung vorzunehmen.

Chirurgische Händedesinfektion und OP-Handschuhe

Seifenwaschung: Sie ist nur vor der ersten Operation oder bei Verschmutzung der Hände erforderlich, möglichst mit 10 min Abstand zur chirurgischen Händedesinfektion [Kat IB].

Sterile Operationshandschuhe: Sterile OP-Handschuhe sollten erst nach vollständiger Trocknung des HDM angelegt werden, andernfalls warnen Experten vor erhöhter Perforationsrate sowie Risiko der Hautirritation [Kat IB].

Latexarme und latexfreie OP-Handschuhe: Es werden generell ungepuderte latexarme OP-Handschuhe empfohlen [Kat. II]. In den neuen Empfehlungen wird das jedoch um die Anmerkung bezüglich der Patienten mit hohem Risiko einer Latexallergie ergänzt: „Bei Operationen von Patienten aus Hochrisikogruppen zur Entwicklung einer Latexallergie (insbesondere Spina bifida, urogenitale Fehlbildungen und Ösophagusatresie) sollten latexfreie OP-Handschuhe verwendet werden [Kat. IB].

Zwei Paar Handschuhe: Das Tragen von zwei Paar übereinander gezogenen OP-Handschuhen (sog. double gloving) wird bei chirurgischen Eingriffen mit erhöhtem Perforationsrisiko empfohlen [Kat. IB].

Viszeralchirurgie: Beim Tragen von einem Paar Handschuhen empfiehlt sich in der Viszeralchirugie wegen der über die OP-Dauer ansteigenden Perforationsrate für Operateur und 1. Assistenten ein Wechsel nach spätestens 90 min, für den 2. Assistenten und OP-Schwestern nach 150 min [Kat. II].

Endoprothetik: Im Bereich der Endoprothetik wird der Handschuhwechsel vor Annahme des Implantats empfohlen [Kat. II].

Textile Unterziehhandschuhe: Nach wie vor werden feuchtigkeitsabsorbierende textile Unterziehhandschuhe zur Reduktion des Handschweißes empfohlen [Kat. II].

Medizinische Einmalhandschuhe & Schutzhandschuhe

Medizinische Einmalhandschuhe eignen sich in erster Linie für den Infektionsschutz des Patienten und nur nachgeordnet für den Schutz des Trägers. Sie sind bei vorhersehbarem oder wahrscheinlichem Kontakt mit kritischen Krankheitserregern sowie bei möglicher Verunreinigung mit Körperausscheidungen, Sekreten und Exkreten indiziert [Kat. IB/IV].

Schutzhandschuhe (PSA) hingegen schützen vor allem den Träger und bieten je nach Deklarierung Schutz vor Biostoffen, Chemikalienwirkung, Zytostatika und Strahlen.

Desinfektion der behandschuhten Hände: Behandschuhte Hände sollten nur im Ausnahmefällen desinfiziert werden, wenn andernfalls der Arbeitsablauf nicht gewährleistet werden kann [Kat. IB].

Verbesserung der Compliance

Interventionen zur Verbesserung der Compliance der Händehygiene, insbesondere die regelmäßige Evaluation mit Feedback, sind unverzichtbar, damit die Indikationen der Händedesinfektion im Arbeitsalltag eingehalten werden. Als Voraussetzung sind neue Mitarbeiter zur Händehygiene zu schulen, bevor sie mit patientennaher Tätigkeit beginnen [Kat. IA/IV].

Multimodale Interventionsprogramme haben sich als besonders effektiv zur Förderung der Compliance [Kat. IA] erwiesen und beinhalten folgende Bausteine: regelmäßige Personalfortbildungen, Verbrauchsmessung mit Ergebnisrückmeldung, Verbesserung der Verfügbarkeit von HDM, Nutzung von Erinnerungs- und Werbematerialien sowie sichtbare Unterstützung durch die administrativen Ebenen.

Wichtig: Die Empfehlung der KRINKO zur Händehygiene sollte allen Mitarbeitern (z.B. in elektronischer Form als im Intranet abrufbare Datei) jederzeit zur Verfügung stehen [Kat. II].

Dieser Beitrag wird vertreten durch Prof. Dr. med. Axel Kramer, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin. Er leitet seit 1990 das Institut für Hygiene und Umweltmedizin an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, ist Gründungsmitglied (1990) der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene und war bis 2010 ihr Präsident. Seit 1993 ist er Mitglied der Kommission für „Krankenhaushygiene und Infektionsprävention am Robert Koch-Institut“, seit 2006 Herausgeber des German Medical Science (GMS) Journals „Hygiene and Infection Control“, seit 2009 Invited Professor an der Postgraduate School der Tokyo Healthcare University und seit 2012 Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für Krankenhaushygiene. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen Krankenhaushygiene, antimikrobielle Wirkstoffforschung, Plasmamedizin, medizinische Bedeutung von Thiocyanat und Community Medicine relevante Aspekte der Umweltmedizin.

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