24. November 2017

Aus dem Kollegenkreis

Gewalt in der Notfallmedizin: So häufig trifft es Ärzte

Attacken gegen Notärzte und Rettungssanitäter sind längst keine Ausnahme mehr, wie eine Befragung von Einsatzkräften zeigt. Prof. Dr. Dr. med. Sabine Wicker, Leiterin der Studie, stellte auf dem diesjährigen HAI-Kongress die alarmierenden Ergebnisse vor. Die coliquio-Redaktion sprach mit der Arbeitsmedizinerin über Konsequenzen und Schutzmaßnahmen. (Lesedauer: 2 Minuten)

Interview und Redaktion: Dr. Nina Mörsch, Marina Urbanietz.

Prof. Sabine Wicker hat als Arbeitsmedizinerin bislang vor allem Beiträge zu arbeitsmedizinischen Infektionen und Impfungen publiziert, wie sie zu Beginn ihres Vortrags auf dem Hauptstadtkongress der DGAI für Anästhesiologie und Intensivtherapie (HAI) schildert.1 Doch dann hätten Kollegen im Rahmen einer notfallmedizinischen Fortbildung von ihren Erlebnissen auf Noteinsätzen berichtet.

„Ich dachte, das kann doch gar nicht sein“, erinnert sich die Betriebsärztin am Universitätsklinikum Frankfurt, die vor wenigen Jahren noch selbst Noteinsätze gefahren ist. Das Ausmaß des Gewalterlebens der Einsatzkräfte habe sie aber dann dazu veranlasst, sich diesem „ebenso wichtigen arbeitsmedizinischen Thema“ zu nähern.

Studie: Wie häufig erleben Einsatzkräfte Gewalt?

Mit ihrer Arbeitsgruppe führte Prof. Wicker im September 2015 unter Teilnehmern des HAI-Kongresses eine anonyme Fragebogenerhebung zu Art und Häufigkeit von Gewalttaten in der Notfallmedizin durch.2 Zudem erhob sie das subjektive Sicherheitsgefühl im Noteinsatz hinsichtlich der fachlichen sowie der persönlichen Sicherheit der Studienteilnehmer.  

Insgesamt 903 Kongressteilnehmer haben den Fragebogen ausgefüllt, davon waren mehr als 80% Anästhesisten. Über 60% der Teilnehmer hatten eine Berufserfahrung von über 10 Jahren.

Die wichtigsten Ergebnisse der Befragung:  

  • Jeder vierte Studienteilnehmer (25,2%) hat in den letzten 12 Monaten körperliche Gewalt am Arbeitsplatz erfahren. Berichtet wurde etwa von Schlägen ins Gesicht, Tritten in Bauch, Oberkörper und Oberschenkel.

  • Verbale Bedrohungen oder Beleidigungen gaben 58,2% der Befragten innerhalb der letzten 12 Monate an. Drei medizinische Beschäftigte haben in den vergangenen 12 Monaten Morddrohungen erhalten.

  • Während sich bei einem Notfalleinsatz fast 80% der Studienteilnehmer in fachlicher Hinsicht „vollkommen“ bzw. „überwiegend“ sicher fühlen, wird die persönliche Sicherheit nur von 9,3% „vollkommen“ und von 46,4% „überwiegend“ bejaht.

  • Fast jeder dritte Studienteilnehmer (31,8%) fühlte sich persönlich bei einem Notfalleinsatz nur „teilweise“ und jeder achte Studienteilnehmer „eher nicht“ bis „gar nicht“ sicher. Männer schätzten sich fachlich sicherer ein und fühlen sich ebenso persönlich sicherer als Frauen.

Schutz vor Gewalt: Prof. Wicker im Gespräch mit coliquio

Im Interview spricht die Ärztin über die im April 2017 beschlossene Strafmaßerhöhung für Angriffe auf Rettungskräfte und erläutert außerdem, wie sich betroffene Ärzte vor Aggressionen schützen können und was sie nach einem Übergriff tun sollten.

Videodauer: 3 Minuten.

Schulungen für Ärzte und Rettungsteam unbedingt erforderlich

Das vom Bundestag beschlossene höhere Strafmaß für Angriffe auf Rettungskräfte bewertet Prof. Wicker sehr positiv. Dennoch: Zum Schutz der Ärzte reicht es aus Ihrer Sicht alleine nicht aus. “Schwer alkoholisierte, unter Drogeneinfluss stehende oder psychisch kranke Menschen lassen sich durch ein Gesetz nicht beruhigen”, so die Ärztin. Sie plädiert deshalb für entsprechende Deeskalationsfortbildungen schon während des Studiums oder spätestens innerhalb der Facharztweiterbildung, im Rahmen des Erwerbs der Zusatzbezeichnung Notfallmedizin.

Im Extremfall gehe aber immer Eigenschutz vor, betont Prof. Wicker zum Abschluss. Dies müsse in manchen Situationen leider berücksichtigt werden, auch wenn es insbesondere Ärzten angesichts ihres Berufsethos häufig schwer fällt.

Über die Referentin:  

Prof. Dr. Dr. med. Sabine Wicker ist Arbeits- und Notfallmedizinerin und leitet den betriebsärztlichen Dienst des Universitätsklinikums sowie den Fachbereich Medizin der Goethe-Universität Frankfurt. Sie ist Mitglied der Ständigen Impfkommission (STIKO) am RKI, Vorsitzende der Nationalen Verifizierungskommission für die Elimination der Masern und Röteln in Deutschland sowie Mitglied im Ärztlichen Sachverständigenbeirat „Berufskrankheiten“ beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Sabine.Wicker@kgu.de

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1. HAI-Kongress Berlin 2017, Sabine Wicker: Vortrag “Gewalt gegen Notärzte und Rettungsdienstpersonal”

2. Petersen S, Scheller B, Wutzler S, Zacharowski K, Wicker S (2016): Aggression und subjektive Gefährdung in der Notfallmedizin – eine Umfrage. Der Anästhesist 65(8):580-584

Bildquelle: istockphoto,com, Bildnachweis: no_limit_pictures

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