29. November 2016

Schichtdienst in der Klinik: 5 potentielle Gesundheitsrisiken

Wochenenddienste, lange Schichten und Nachtarbeit sind für viele Klinikärzte Alltag. Doch wechselnde Arbeitszeiten können sich negativ auf die Gesundheit auswirken. Lesen Sie hier, mit welchen Gesundheits- und Sicherheitsproblemen Schichtdienste aktuellen Studien zufolge assoziiert sind.

Christoph Renninger, coliquio-Redaktion, fasst wichtige Punkte aus einem aktuellen State-of-the-Art-Review im British Medical Journal 2016; 355: i5210 für Sie zusammen.1

Schichtarbeit wird als Arbeitszeit definiert, die außerhalb der konventionellen Tageszeiten (6 bis 18 Uhr) liegt, darunter fallen Zeiten am frühen Morgen, späten Abend und nachts. In der EU kommt Nachtarbeit bei etwa jedem Fünften mindestens einmal im Monat vor. Die Übersichtsarbeit im BMJ listet folgende mögliche Auswirkungen auf die Gesundheit und Sicherheit durch Schichtdienst auf:

1. Schlafprobleme

Schlafmangel und schlechte Schlafqualität sind vermutlich der Auslöser für die gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch Schichtarbeit. Bei unregelmäßigen Arbeitszeiten besteht ein um 16% erhöhtes Risiko für chronische Schlafstörungen, wie Insomnie. Besonders Schlaf während der Tageszeit nach Nachtschichten ist auf vier bis sechs Stunden verkürzt. Auch eine Erholungszeit von weniger als elf Stunden wirkt sich dramatisch auf Schlafdauer und -qualität aus. Häufig wird von starker Müdigkeit während der Arbeit berichtet, besonders bei Schichten am frühen Morgen oder bei Nacht.

Wenn Schlafstörungen über drei Monate anhalten, kann das chronische Krankheitsbild der „Shift Work Sleep Disorder“ (SWSD) vorliegen. Es besteht ein Zusammenhang zwischen SWD und häufigen Nachtschichten.

2. Arbeitsunfälle

Arbeitsunfälle kommen signifikant häufiger vor, wenn in wechselnden Schichten oder dauerhaft nachts gearbeitet wird. Auch bei der Heimfahrt nach Nachtschichten besteht ein erhöhtes Unfallrisiko. Eine Studie bestätigte dies gerade bei jungen Klinikärzten. Schlafmangel kann, besonders bei monotonen Aufgaben, zu Konzentrationsmängeln und schwerwiegenden Fehlern führen.

3. Kardiovaskuläre Krankheiten

Eine Vielzahl von Studien konnte zeigen, dass Schichtarbeit das Risiko für Herzinfarkte (+23%) und Schlaganfälle (+5%) erhöht. Das höchste Risiko besteht bei Nachtschichten (+41%), während für Arbeit am Abend keine signifikante Verbindung zu koronaren Herzkrankheiten gefunden wurde.

4. Krebserkrankungen

Die International Agency for Research on Cancer hat Schichtarbeit 2007 als möglicherweise krebserregend eingestuft. Mehr über die Ergebnisse zweier Studien zum Krebsrisiko lesen Sie im Beitrag “Erhöhtes Krebsrisiko durch Schichtdienst”.

5. Stoffwechselveränderungen

Schichtarbeiter haben ein erhöhtes Risiko für Übergewicht und Adipositas. Auch das Risiko Typ-2-Diabetes zu entwickeln ist um 12-15 Prozent erhöht.

Gesamtsterblichkeit durch Schichtarbeit nicht beeinflusst

Die Übersichtsstudie zeigt aber auch: Schichtarbeit hat keinen Einfluss auf die Gesamtmortalität . Auch treten Todesfälle mit kardiovaskulären Ursachen oder aufgrund von Krebserkrankungen  nicht häufiger auf.

Physiologische Mechanismen und psychosoziale Folgen

Schichtarbeit hat Auswirkungen auf der Verhaltensebene, mit physiologischen und psychosozialen Folgen. Eine veränderte Lichtexposition und irreguläre Essenszeiten beeinflussen die zirkadiane Rhythmik. Im Zusammenspiel mit einem gestörten Schlafverhalten kann sich dies negativ auf eine Reihe von regulatorische Mechanismen auswirken. Diese beeinflussen neuroendokrine Kreisläufe, haben Auswirkungen auf kardiometabolische Faktoren, führen zu einem veränderten Immunsystem und zellulärem Stress. 

Oftmals lässt sich Schichtarbeit nur schwer mit dem Familienleben und Freizeitaktivitäten vereinbaren. Eine schlechte Work-Life-Balance kann psychosozialen Stress bedeuten, der sich auf das subjektive Wohlbefinden, aber auch chronische Erkrankungen auswirkt.

Tipps im Umgang mit Schichtarbeit

Um den Schlaf bei Schichtarbeit zu verbessern,

  • sollte ein vorwärts rotierender Schichtplan (Früh-, Spät- und Nachtschichten) angewandt werden und,
  • eine Erholungsphase von mindestens elf Stunden zwischen zwei Schichten eingehalten werden.

Für pharmakologische Interventionen liegen wenige wissenschaftliche Belege vor. Es gibt Hinweise, dass Melatonin bei Schlafprobleme nach Nachtschichten helfen kann. Zu Hypnotika liegen durch Koffein und andere Substanzen, wie Modafinil (Vigil®), gibt es nur eine schwache Evidenz.

Bei regelmäßiger Schichtarbeit kann ein Screening auf Schlafprobleme und deren Behandlung die Gesundheit und Sicherheit verbessern.  

  1. Kecklund G & Axelsson J. Health consequences of shift work and insufficient sleep. BMJ 2016; 355: i5210.

Bildquelle: © KatarzynaBialasiewicz – istockphoto.com

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