26. Juli 2017

CIRS-Fall

Kritische Fehleinschätzung nach Fahrradunfall

Nach erfolgreicher Reanimation am Unfallort wird ein Patient mit Verdacht auf ein kardiales Ereignis auf die Intensivstation gebracht. Erst im weiteren Verlauf wird eine gefährliche Verletzung festgestellt. Erfahren Sie hier, was in diesem Fall schiefgelaufen ist. (Lesedauer: 2 Minuten)

Der folgende Beitrag basiert auf einem aktuellen Fall aus dem Fehlermeldesystem Krankenhaus-CIRS-Netz 1 und wurde von Christoph Renninger für Sie aufbereitet.

Bewusstloser Radfahrer wird reanimiert

Ein etwa 65-jähriger Mann stürzt mit seinem Fahrrad und ist bewusstlos. Passanten alarmieren den Notarzt und beginnen mit der Reanimation. Nach dem Eintreffen des Rettungsdienstes werden die Maßnahmen erfolgreich fortgesetzt. Anschließend wird der Patient wird in die nächste Klinik transportiert. Die Rettungskräfte melden dort eine “Reanimation bei Verdacht auf kardiales Geschehen” an. Nach 40-minütiger Fahrt wird der Patient auf der Intensivstation aufgenommen.

Doch kein internistischer Fall?

In der Klinik zeigen sich folgende Befunde nach dem ABCDE-Schema (Airway, Breathing, Circulation, Disability, Environment/Exposure):

A) Intubation
B) maschinelle Beatmung
C) stabiler Kreislauf unter Katecholamintherapie
D) Keine Analgosedierung, Pupillen nicht isokor
E) diverse Prellmarken am ganzen Körper, keine In-Line-Immobilisierung

Aus dem angemeldeten internistischen Fall wird ein Polytrauma, das völlig andere Untersuchungen erfordert. Erst 60 Minuten nach der Aufnahme wird eine Densfraktur festgestellt und es erfolgt eine Immobilisation der Halswirbelsäule.

Das ist in diesem Fall schiefgelaufen

Fokussierungsfehler im Rettungsdienst: Als Hauptproblem in diesem Fall sehen die Experten einen Fokussierungsfehler im Rettungsdienst, der sich auch bei der weiteren Behandlung fortsetzt. Aufgrund der angenommenen kardialen Ursache konzentrieren sich die Rettungskräfte auf die Reanimation. Mögliche traumatische (Begleit-)Ereignisse werden nicht berücksichtigt. Erst im Verlauf des Klinikaufenthalts ziehen die Ärzte auch ein mögliches Trauma in Betracht.

Notaufnahme statt Intensivstation: Zudem verzögerte die sofortige Aufnahme des Patienten auf der Intensivstation die rechtzeitige Diagnosestellung. Stattdessen wäre die initiale Einlieferung aller Notfallpatienten in die Notaufnahme sinnvoll und im gegebenen Fall eine weitere Behandlung im Schockraum, betonen die CIRS-Experten.

Fachkommentar: Initial richtig gehandelt, es fand jedoch keine Reevaluation statt

Dr. Michael St. Pierre vom Berufsverband Deutscher Anästhesisten (BDA) betont den Aspekt des Fixierungsfehlers. Aufgrund der initialen Diagnose und keine stattgefundenen Reevaluation wurde das gleichzeitige Vorliegen einer internistischen Erkrankung und einer traumatischen Verletzung übersehen. Vollkommen richtig handelte das Rettungsteam, da es sich zunächst um die vital bedrohliche Ereignisse kümmerte (“treat first, what kills first”).

Allerdings hätte nach der erfolgreichen Reanimation und während des Transports eine Überprüfung der Anfangsdiagnose erfolgen sollen. Dies hätte zu einer Änderung bei der Übergabe geführt und der Patient wäre im chirurgischen Schockraum und nicht auf der Intensivstation aufgenommen worden.

Priorisierte Abarbeitung des ABCDE-Schemas: Außerdem sollte in Notfallsituationen eine priorisierte Abarbeitung des ABCDE-Schemas erfolgen. Dadurch soll verhindert werden, dass die offensichtlichste Verletzung als das bedrohlichste oder das einzige Problem angesehen wird. Im beschriebenen Fall hätte bei Überprüfung der Punkte “D” und “E” der Unfallhergang analysiert und neurologisch gefährdende Faktoren (wie Verletzungen der Halswirbelsäule) beurteilt werden sollen.

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Bildquelle: © GregorBister-istockphoto.com

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