23. November 2018

Anästhesist vs. Chirurg

Wer hat im OP die Hosen an?

Teamplay unter Zeitdruck und auf engem Raum – im OP ist reichlich Zündstoff für Konflikte vorhanden. Lesen Sie hier, wie die fachliche Zusammenarbeit auf kollegialer Basis gelingen kann.1

Lesedauer: 2 Minuten

Die Zusammenarbeit zwischen Anästhesist und Chirurg ist nicht immer konfliktarm, hier überschneiden sich schließlich die Kompetenzbereiche zweier Spezialisten. Wer entscheidet über das Anästhesieverfahren? Wer ist für die Überwachung zuständig? Ist die OP unter den vorliegenden Bedingungen durchführbar? Fragen, die Kontroversen aufwerfen können. Angeheizt werden diese sachlichen Fragen aber auch durch Klischees über die Rolle des jeweils anderen:2

Wer leistet mehr? Einträge aus einer Forumsdiskussion.<sup>2</sup>
Wer leistet mehr? Einträge aus einer Forumsdiskussion.2

Dass diese Spannungen bis hin zu Handgreiflichkeiten im OP führen können, berichtete 2010 eine Pressemeldung vom tätlichen Übergriff eines Kollegen.3 Auch wenn dies ganz klar Ausnahmevorkommnisse sind — auch weniger drastische Auseinandersetzungen gehen letztlich immer zu Lasten des Patienten und auf Kosten eines guten Arbeitsklimas.

Berufsverbände setzen Leitplanken für eine bessere Zusammenarbeit

Mit dieser Problematik sahen sich auch die Berufsverbände Deutscher Anästhesisten und Deutscher Chirurgen (BDA und BDC) konfrontiert und einigten sich 2016 auf eine gemeinsame Vereinbarung, die die interdisziplinäre Zusammenarbeit auf eine kollegialere Basis stellen soll.1

Die wichtigsten Eckpunkte finden Sie hier zusammengefasst.1

Knackpunkt 1: präoperative Zusammenarbeit

  • Der Chirurg entscheidet über die Indikation sowie über Art und Zeitpunkt des Eingriffs.
  • Der Anästhesist teilt dem Chirurgen umgehend mit, wenn aus seiner Sicht Bedenken gegen den Eingriff oder den OP-Zeitpunkt bestehen.
  • Entscheidet sich der Chirurg dennoch für den Eingriff, übernimmt er die ärztliche und rechtliche Verantwortung.
  • Das präoperative Untersuchungsprogramm soll zwischen Chirurg und Anästhesist abgestimmt werden. Damit dem Anästhesisten für präoperative Maßnahmen genügend Zeit verbleibt, sollte der Chirurg den Anästhesisten frühzeitig über dem OP-Termin in Kenntnis setzen.
  • Das Operationsprogramm für den nächsten Tag sollte dem Anästhesisten spätestens am frühen Nachmittag bekannt sein.
  • Chirurg und Anästhesist klären jeweils innerhalb ihres Verantwortungsbereichs auf. Die gemeinsame Aufklärung des Patienten kann bei Risikosituationen sinnvoll sein.

Bitte nicht vor dem Patienten

Eine der wichtigsten Regeln für das Zusammenspiel: Fachliche Diskussionen sollten zwischen Chirurg und Anästhesist stattfinden, nicht vor dem Patienten.

Knackpunkt 2: Wahl des Anästhesieverfahrens

  • Der Chirurg kann Verfahren der Lokal- und Regionalanästhesie sowie Analgesierungs- und Sedierungsmaßnahmen eigenverantwortlich durchführen.
  • Ein Anästhesist muss hinzugezogen werden, wenn der Eingriff oder das Anästhesieverfahren die Vitalfunktionen und Schutzreflexe des Patienten gefährden können, d.h. bei allen Allgemeinanästhesien mit Verlust von Bewusstsein und Schutzreflexen sowie bei rückenmarksnahen Leitungsanästhesien wegen der Sympathikolyse.
  • Der Chirurg entscheidet, ob er einen Anästhesisten für den geplanten Eingriff hinzuzieht.
  • Der Anästhesist entscheidet über die Art des Anästhesieverfahrens. Dabei sollen Anästhesist und Chirurg die Vorstellungen Ihres Kollegen möglichst gegenseitig berücksichtigen.

Knackpunkt 3: Postoperative Phase

  • Bei der Überwachung, Aufrechterhaltung und Wiederherstellung der Vitalfunktionen sind beide Fachärzte gefragt: Der Anästhesist bei der Überwachung und Behandlung von Nebenwirkungen der Anästhesie, der Chirurg bei der Überwachung und Behandlung von chirurgischen Komplikationen.
  • Anästhesist und Chirurg tragen die Verantwortung für das ihnen jeweils unterstellte Pflegepersonal.
  • Der Patient muss vor der Verlegung auf Station so lange unter überwacht werden, bis seine Schutzreflexe vollständig wiederhergestellt sind.
  • Der Anästhesist übergibt den Patienten an die weiterbehandelnde chirurgische Einheit; ab hier trägt der Chirurg mit seinem Personal die Verantwortung für die weitere Überwachung.

Teamplay im OP: Miteinander statt gegeneinander

Letztlich gibt es im OP keine "untergeordnete" Fachdisziplin. Im Gegenteil: Alle beteiligten Ärzte sitzen im selben Boot und sind auf die gelungene Zusammenarbeit angewiesen. Störfaktoren und Fehlerquellen, die die OP-Abläufe behindern, können deshalb nur gemeinsam ermittelt und offen erörtert werden.1

  1. Zusammenarbeit bei der operativen Patientenversorgung. Vereinbarung des Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten und des Berufsverbandes der Deutschen Chirurgen. Beschluss des Präsidiums des BDA vom 30.11.2015. Konsentiert im gemeinsamen Präsidialgespräch Anästhesiologie/Chirurgie am 18.01.2016. Anästh Intensivmed 2016; 57: 213-215
  2. Internet-Forumseinträge unter: https://www.medi-learn.de/foren/archive/index.php/t-49845.html. Zugriffsdatum 05.10.2018.
  3. Bei OP: Chirurg schlägt Anästhesisten Faust ins Gesicht. Meldung unter: https://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article9808725/Chirurg-schlaegt-Anaesthesisten-Faust-ins-Gesicht.html. Zugriffsdatum 05.10.2018.

Bildquelle: ©iStock.com/Wavebreakmedia

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