06. September 2018

Teil 2

Der Chemie-Unfall: Therapeutische Strategien im Überblick

Insbesondere in der frühen Phase des Einsatzes, wenn der freigesetzte Stoff noch unbekannt ist, gilt es zunächst symptomatische Maßnahmen zu ergreifen. Sind nähere Informationen über die Art des freigesetzten Schadstoffes bekannt, kann der Notarzt eine spezifische Therapie beginnen.

Lesedauer: 3 Minuten

Der folgende Beitrag von Ralf Blomeyer stammt aus dem Praxisbuch „Notfallmedizin in Extremsituationen“ und erscheint hier in gekürzter Fassung mit freundlicher Genehmigung der Medizinisch Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft (MWV). Redaktionelle Umsetzung: Dr. Nina Mörsch.

Neben den Maßnahmen zur Unterstützung des Kreislaufs und zur Sicherung der Atmung, sollte soweit möglich körperliche Ruhe eingehalten werden. Um die Inkorporation zu verhindern, ist zunächst orale Nahrungsaufnahme und Flüssigkeitszufuhr zu unterbinden. Venöse Zugänge sind streng zu indizieren und ausschließlich an dekontaminierter Haut durchzuführen. 

Therapie hängt von der Art des Gefahrstoffs ab

Ist die freigesetzte Substanz bekannt, werden je nach Stoffart folgende spezifische Therapien empfohlen:

  • Anilin

Anilin wird u.a. bei der Herstellung von Farbstoffen, Medikamenten und Kunststoffen eingesetzt. Es wird inhalativ und transdermal aufgenommen und führt in der akuten Phase zu einer MetHB-Bildung und die Sauerstofftransportkapazität wird eingeschränkt. Zunächst entwickeln sich Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Bei Fortschreiten kommt es zu Atemnot, Bewusstlosigkeit und letztlich zum Kreislaufstillstand.

Symptomatische Therapie: Sauerstoffinhalation. Als Antidot kann Toluidinblau in einer Dosierung von 2-4 mg/ kg KG eingesetzt werden. Als Zeichen des Therapieerfolges kann der Rückgang der Zyanose gesehen werden. Ferner kann man an der Einsatzstelle pulsoxymetrische Verfahren einsetzen oder man entnimmt eine Blutprobe und bestimmt den MetHb-Wert in einem Krankenhaus, das über ein Hämoxymeter verfügt.

  • Blausäure: Große Gefahr auch für Einsatzkräfte

Die akzidenzielle Aufnahme der Blausäure erfolgt über den Atemweg. Der typische Bittermandelgeruch ist aber nur bei niedrigen Konzentrationen wahrnehmbar. Große Gefahr, auch für die Einsatzkräfte, geht von der kontaminierten Kleidung der Betroffenen aus, sodass frühzeitig und konsequent dekontaminiert werden muss. Bei niedrigen Konzentrationen treten Schwindel, Übelkeit, Erbrechen und Sehstörungen auf. Bei höherer Konzentration kommt es zu Bewusstseinsverlust, Krampfanfällen, Arrhythmien und letztlich zum Atem- und Kreislaufstillstand. Haut und Schleimhäute sind bei schweren Vergiftungen immer rosig.

Erste therapeutische Maßnahmen: Sauerstoffinhalation und Anlage eines venösen Zugangs sowie die Sicherung der Vitalfunktionen. Bei niedrigen Konzentrationen, also allen Patienten ohne Vigilanzminderung, wird Natriumthiosulfat in einer Dosierung von 100 mg/kg KG verabreicht. Bei schweren Vergiftungssymptomen besteht die sofortige Therapie in der Gabe von 4-Dimethylaminophenol (4-DMAP) in einer Dosis von 3-5 mg/ kg KG. Als indirektes Zeichen des Therapieerfolges kann beim intubierten Patienten der Anstieg des endexspiratorischen CO 2 -Wertes gesehen werden.

Nach der Therapie mit 4-DMAP wird zusätzlich Natriumthiosulfat in einer Dosis von 100 mg/kg KG verabreicht, um die Ausscheidung der Blausäure zu beschleunigen. Sofern eine schwere Mischintoxikation aus Kohlenmonoxid und Blausäure nachgewiesen ist, ist der Einsatz von 4-DMAP problematisch. Als Alternative kann hier Hydroxocobalamin in Erwägung gezogen werden.

  • Chlorgas: Reizgas vom Soforttyp

Reizgase vom Soforttyp verursachen an den Schleimhäuten Symptome wie Tränenfluss und Reizhusten. Betroffene müssten sofort aus der belasteten Umgebung herausgebracht werden. Bei hohen Konzentration besteht ein Risiko eines toxischen Lungenödems. Während die einer geringen Konzentration ausgesetzten Betroffenen unter Sauerstofftherapie und inhalativen β2-Mimetika rasch symptomfrei werden, müssen die einer hohen Konzentration ausgesetzten Patienten mit Glucocorticoiden intravenös behandelt und zur Überwachung stationär aufgenommen werden.

  • Phosgen: Sofortige nicht-invasive Beatmung

Phosgen gelangt wegen schlechter Wasserlöslichkeit, ohne Reizungen an den Schleimhäuten zu verursachen, in die Alveolen. Dort entstehen schwere Schäden, u.a. durch die Spaltung des Phosgens in Salzsäure und Kohlendioxid. Nach einem symptomfreien Intervall kommt es zu einem ausgeprägten toxischen Lungenödem. Therapiemaßnahmen: Sofortiges und striktes Einhalten von Ruhe, keinerlei körperliche Aktivität, topische und intravenöse Applikation von Glukokortikoiden sowie die frühe Beatmung mit hohem PEEP (Positiver endexspiratorischer Druck). 

  • Schwefelwasserstoff: Schlagartiger Wirkungseintritt verhindert jeden Selbstrettungsversuch

Schwefelwasserstoff ist ein farbloses, aber sehr intensiv nach faulen Eiern riechendes Gas, das bei Fäulnisprozesse auftreten kann. Hier müssen Rettungsdienste in besonderem Maße sensibilisiert werden, denn der Wirkungseintritt der Schwefelwasserstoffe ist schlagartig („knockdown“). Bei höherer Konzentration kommt es zu einer Lähmung der Geruchsnerven und die Warnwirkung der Substanz entfällt sehr rasch. Möglich sind außerdem sofortige Atemlähmungen und toxische Lungenödeme nach deutlicher Latenz.

Nach der Notdekontamination gilt es sofort, die symptomatische Therapie zu beginnen. Eine evidente spezifische Therapie existiert nicht. Während im angloamerikanischen Raum der Einsatz von Natriumnitrit empfohlen wird, gibt es in der deutschen Literatur Hinweise auf die Wirksamkeit von 4-DMAP.

Das Praxisbuch Notfallmedizin in Extremsituationen wurde herausgegeben von Matthias Ruppert und Jochen Hinkelbein in der Medizinisch Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft (MWV). Mehr Informationen zu weiteren Extremsituationen und Einsätzen unter besonderen Gegebenheiten finden Sie im Buch.

Bildnachweis: © iStock.com/Antoine2K

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