06. September 2018

Der Chemie-Unfall: Basiswissen für Notärzte

In der chemischen Industrie, der Landwirtschaft und in der Abfallwirtschaft existiert ein erhebliches Risikopotenzial durch giftige Gase. Umso wichtiger ist für den Notarzt ein Basiswissen über die Einsatzstrategie bei Chemie-Unfällen, um in sehr komplexen Einsatzsituationen, rational entscheiden zu können.

Lesedauer: 3 Minuten

Der folgende Beitrag von Ralf Blomeyer stammt aus dem Praxisbuch „Notfallmedizin in Extremsituationen“ und erscheint hier in gekürzter Fassung mit freundlicher Genehmigung der Medizinisch Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft (MWV). Redaktionelle Umsetzung: Dr. Nina Mörsch.

Nicht immer wird beim Notruf in der Leitstelle klar, was an der Einsatzstelle wirklich passiert ist und noch passieren kann.  Ärzte können sich bei dem Einsatz an der sogenannten GAMS-Regel orientieren:

  • Gefahr erkennen: Informationen von anwesenden Personen, Kennzeichnungen wie Warntafeln oder Gefahrenzettel, auffälliger Geruch und sichtbare Dämpfe, objektivierbare Symptome bei mehreren Patienten, die sich am gleichen Ort aufgehalten haben.
  • Absperren: Sofort wird von einem Gefahrenbereich von 50 m um die Einsatzstelle ausgegangen und im Umkreis von 100 m abgesperrt – eine Anpassung kann im weiteren Verlauf notwendig sein. 
  • Menschenrettung durchführen: Das Betreten des Gefahrenbereichs darf nur unter einer geeigneten Schutzausrüstung erfolgen (Atemschutz, Chemikalienschutzhandschuhe, Feuerwehr-Gummistiefel).
  • Spezialkräfte alarmieren: Diese verfügen über Messgeräte, weitere Schutzausrüstung sowie Sonderfahrzeuge. Überregionale Hilfe kann bei TUIS (Transport-Unfall-Informations- und Hilfeleistungssystem der chemischen Industrie) oder den Analytischen Task Forces von Bund und Ländern angefordert werden. 

Gefährdungsbeurteilung

Zur Beurteilung der Gefährdung stehen den Einsatzkräften eine Vielzahl an Informationsquellen zur Verfügung. Dazu gehören Transportpapiere bei einem Gefahrgutunfall, Nachschlagewerke (z.B. Hommel) und Giftinformationszentralen. Für den Notarzt besonders hilfreich ist zudem die Gestis-Stofffdatenbank, daneben bietet auch die GisChem nützliche Informationem.

Aufbau der Einsatzstelle: 4 Schritte

Folgende vier Schritte sind für das Einrichten einer Einsatzstelle wichtig:

  1. ausreichender Abstand zum Schadensort unter Berücksichtigung der Windrichtung
  2. frühe Kontaktaufnahme mit dem Einsatzleiter der Feuerwehr
  3. Patienten vor Verbringen in den RTW entkleiden/dekontaminieren
  4. Fahrzeugaufstellung unter dem Blickwinkel eines raschen Rückzugs festlegen

Dekontamination: Gefahr eindämmen

Die frühzeitige Dekontamination verkürzt die Expositionszeit für die Betroffenen und verhindert die Kontamination der Rettungskräfte etwa durch Inhalation giftiger Stoffe. Vor der eigentlichen Dekontaminationsstelle wird eine Patientenablage gebildet, um eine erste medizinische Sichtung durchzuführen und so den Umfang der Dekontamination und einer möglichen notfallmedizinischen Behandlung festzulegen.

Sonderfall Notdekontamination: In bestimmten Notfallsituationen, etwa um die Einwirkzeit eines Giftstoffes frühzeitig zu reduzieren, ist es  zwingend erforderlich, nicht bis zur Verfügbarkeit der Dekontaminationseinrichtungen zu warten, sondern Patienten und Betroffene schnell und vorsichtig von ihrer kontaminierten Kleidung zu befreien und den Körper mit Wasser zu reinigen.

Wichtig: Bevor Patienten in den RTW verbracht werden, ist eine Notdekontamination dringend angeraten! Der enge Raum und die unzureichende Luftzirkulation gefährden die Retter!

Erfahren Sie im zweiten Teil des Beitrags, welche therapeutischen Strategien bei einem Unfall mit Chemikalien in Erwägung zu ziehen sind.

Bildnachweis: © iStock.com/kasto80

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