28. Januar 2017

Cannabis: Seine guten, schlechten und noch unbekannten Effekte

Nach einem Bundestagsbeschluss kann Cannabis ab März bei schwer kranken Patienten auf Rezept verordnet werden. 1 Zu den therapeutischen Effekten und möglichen Risiken ist die Studienlage jedoch oft nicht ausreichend.

Die National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine haben nun in einem ausführlichen Report alle in diesem Jahrhundert veröffentlichten wissenschaftlichen Studien zu Cannabis analysiert und knapp 100 Schlussfolgerungen gezogen. coliquio-Redakteur Christoph Renninger fasst die wichtigsten Ergebnisse hier für Sie zusammen.

Positive therapeutische Effekte

Chronische Schmerzen: Marihuana und Cannabinoide werden vor allem bei Patienten mit chronischen Schmerzen eingesetzt. Für eine signifikante Minderung der Schmerzsymptome gibt es eine sichere wissenschaftliche Grundlage.

Multiple Sklerose: Auch bei Multiple-Sklerose-Patienten mit Muskelspasmen führen orale Cannabinoide zu einer Symptomverbesserung.

Übelkeit: Mit Cannabinoiden können außerdem chemotherapie-induzierte Übelkeit und Erbrechen effektiv behandelt werden.

Schlafstörungen: Mittelmäßige Evidenz gibt es für eine Verbesserung von Schlafstörungen durch Cannabinoide, vor allem durch Nabiximols.

HIV/AIDS: Limitierte Evidenz liegt für Cannabis zur Appetitanregung von HIV/AIDS-Patienten und zur Anxiolyse bei Angsterkrankungen vor.

Risiken & unbekannte Effekte

Krebserkrankungen: Die Studienlage spricht dafür, dass das Rauchen von Cannabis sich nicht wie Tabakrauchen auf das Risiko für Lungenkrebs oder Kopf-Hals-Tumoren auswirkt. Jedoch gibt es eingeschränkte Hinweise für eine Verbindung mit einer Art von Hodenkrebs (Nicht-seminomatöse Keimzelltumore).

Geistige Gesundheit: Es ist sehr wahrscheinlich, dass Cannabis das Risiko für die Entwicklung von Schizophrenie oder anderen Psychosen, sowie sozialen Ängsten und in geringerem Ausmaß Depressionen erhöht. coliquio hat bereits vor einem Jahr berichtet, warum Cannabiskonsum zu Psychosen führen kann.

Ein hoher Konsum löst häufiger Suizidgedanken aus und verschlechtert die Symptomatik bipolarer Patienten. Allerdings führt Cannabis möglicherweise zu besseren Gedächtnis- und Lernleistungen bei Schizophrenie-Patienten. Zu posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) liegt noch keine Evidenz vor.

Atemwegserkrankungen: Chronische Bronchitis und schlechtere Atemwegssymptome, wie chronischer Husten und eine erhöhte Schleimproduktion treten bei regelmäßigen Cannabiskonsumenten häufiger auf. Die Symptome sind jedoch reversibel und bessern sich nach Beendigung des Konsums. Unklar ist, ob eine Verbindung zwischen Cannabis und weiteren Atemwegserkrankungen wie COPD oder Asthma besteht.

Psychosoziale Auswirkungen: Lernfähigkeit, Gedächtnis und Aufmerksamkeit werden unmittelbar durch Cannabiskonsum beeinträchtigt. Hinweise deuten darauf hin, dass diese Beeinträchtigung auch nach dem Ende des Konsums fortbesteht. Außerdem spricht die Studienlage in begrenzter Weise für verschlechterte schulische Leistungen und Problemen mit sozialen Rollen und Beziehungen. Hierbei sind vor allem Jugendliche betroffen, da sich bestimmte Gehirnareale während der Adoleszenz noch entwickeln.

Schwangerschaft: Das Rauchen von Marihuana oder anderen Cannabisprodukten während der Schwangerschaft ist mit einem geringeren Geburtsgewicht assoziiert. Allerdings können keine Aussagen zum Krebsrisiko von Kindern getroffen werden, wenn während der Schwangerschaft Cannabis konsumiert wird. Auch weitere Auswirkungen mütterlichen Konsums auf das ungeborene Kind oder die frühe Kindheit sind unklar.

Herzinfarkt, Schlaganfall & Diabetes: Das Komitee kam zu dem Schluss, dass noch weitere Forschung notwendig ist, um Aussagen darüber zu treffen, ob und wie Cannabiskonsum mit Herzinfarkten, Schlaganfällen oder Diabetes assoziiert ist. Manche Studien legen jedoch die Vermutung nahe, dass Marihuana bei Risikopatienten einen Herzinfarkt auslösen kann.

Immunsystem: Die Studienlage ist nicht ausreichend, um Schlussfolgerungen über den Einfluss von Cannabinoiden auf das Immunsystem zu treffen. Begrenzte Evidenz besteht, dass das Rauchen von Cannabis anti-inflammatorische Effekte hat.

Auswirkungen auf Konsum anderer Substanzen: Limitierte Evidenz spricht dafür, dass Cannabiskonsum die Rate der Anwendung anderer Drogen steigert, vor allem gilt dies für Tabak. Mehr Hinweise finden sich für eine Verbindung zwischen Cannabis und der Entwicklung von Alkohol-, Nikotin- und weiteren Drogenabhängigkeiten.

Weitere Forschung notwendig

Mangels Studien können über mögliche therapeutische Effekte bei Krankheiten wie Magersucht, Epilepsie, Gliomen oder Amyotropher Lateralsklerose (ALS) noch keine wissenschaftlich begründeten Aussagen getroffen werden.

Die Notwendigkeit weiterer Forschungsarbeiten steht außer Frage. Allerdings ist dies oftmals mit Hürden verbunden. Durch strenge Regularien und Schwierigkeiten Cannabis in der notwendigen Menge und Qualität zu beziehen, wird die Forschung erschwert.

Hier finden Sie weitere Beiträge zum Thema Drogen- und Alkoholkonsum:

Crystal-Meth-Abhängigkeit erkennen und behandeln

Methamphetamin (Crystal Meth) verbreitet sich in den vergangenen Jahren zunehmend in Deutschland. Doch erst jetzt liegen erste evidenzbasierte Behandlungskonzepte vor. Hier stellen wir Ihnen vor, an welchen Symptomen Sie Methamphetaminkonsum und -abhängigkeit erkennen können. Hier zum Beitrag>>

Alkoholentzug beim Hausarzt: So können Sie vorgehen

Der ambulante Alkoholentzug bietet Patienten und ihren Hausärzten viele Vorteile. Lesen Sie hier, worauf es in der Praxis dabei zu achten gilt. Hier zum Beitrag>>

  1. Bundestagsbeschluss: Cannabis kann auf Rezept verordnet werden. coliquio Med-News, 20. Januar 2017
  2. National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine. The Health Effects of Cannabis and Cannabinoids: The Current State of Evidence and Recommendations for Research. 2017 Washington, DC: The National Academies Press
  3. The Health Effects of Cannabis and Cannabinoids: Committee´s Conclusions. National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine 2017

Bildquelle: © druvo-istockphoto.com

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG.

coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigter Geschäftsführer:
Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653