06. April 2017

Deutsche Gesellschaft für Infektiologie

Antibiotika, Antiinfektiva & Impfungen: Experten-Empfehlungen für die Kitteltasche

Eine 56-jährige Patientin unterzieht sich wegen eines Mammakarzinoms einer Chemotherapie. Bei der Patientin manifestiert sich ein atemabhängiges pektorales Druckgefühl und Fieber bis 39 Grad, weshalb sie stationär aufgenommen wird. Der Röntgen-Thorax zeigt sichtbare Infiltrate. Nach Anlegen von Blutkulturen wird eine Pneumonie diagnostiziert. Obwohl sofort eine empirische Therapie eingeleitet wird, kommt es zur prolongierten Bakteriämie. Erfahren Sie hier, wie es der Patientin im weiteren Verlauf erging und welche aktuellen Empfehlungen die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) aus Fällen wie diesem ableitetet, um künftig ein optimales Management bei Infektionen zu gewährleisten.

Die Empfehlungen der DGI hat Dr. Katrin Marquardt, coliquio-Redaktion, für Sie zusammengefasst.

So erging es der Patientin im weiteren Verlauf

In den Blutkulturen der Patientin wurde S. aureus nachgewiesen. Im Rahmen des Therapiemanagements erfolgte, wie von der DGI empfohlen, die konsequente Fokussuche und -sanierung. Nur so konnte die ursprüngliche ambulante Pneumonie als abszedierende Pneumonie diagnostiziert werden und antibiotisch mit hochdosiertem Flucloxacilin (i.v. 12 g) über 4 Wochen behandelt werden.

Das Ziel, die hohe Mortalität der S. aureus-Bakteriämie zu senken, ist nur eines der Ziele der DGI, durch die die Qualität von Diagnose und Therapie in der Infektiologie gesichert werden soll. Im Rahmen der DGIM-Initiative „Klug entscheiden“ hat die DGI insgesamt 10 Empfehlungen (5 Positiv- und 5 Negativ-Empfehlungen) erarbeitet, die darauf abzielen den spezifischen Einsatz von Antibiotika zu verbessern und Präventionsmaßnahmen umzusetzen.2 Wir stellen Ihnen hier, die für Kliniker relevanten Empfehlungen vor.

Empfehlungen der DGI

Bei einer Staphylococcus (S.) aureus-Blutstrominfektion soll eine konsequente Therapie sowie Fokussuche und Fokussanierung erfolgen.

Die S. aureus-Bakteriämie ist eine häufige, ambulant-erworbene Blutstrominfektion und verläuft in bis zu 30 Prozent der Fälle tödlich. Die DGI rät daher zur Durchführung von Verlaufskontrollen (Kontrollblutkulturen) und Dokumentation des Therapieverlaufs. Bei kompliziertem Verlauf, ist die schnelle Fokussuche (z.B. Endokarditis) und -sanierung (z.B. umgehende Katheterentfernung oder Abszessdrainage) unerlässlich. Zur Therapie wird ein Schmalspektrum β-Laktam-Antibiotika (Cefazolin oder Flucloxacillin) empfohlen. Bei einer Methicillin-suszeptiblen S. aureus-Infektion sollte dies mindestens 14 Tage i.v. verabreicht werden.2

Bei dem klinischen Bild einer schweren bakteriellen Infektion sollen rasch Antibiotika nach der Probenasservierung verabreicht und das Regime regelmäßig reevaluiert werden.

Besteht der klinische Verdacht auf Meningitis, schwere Sepsis oder septischen Schock rät die DGI zum schnellen Beginn einer empirischen Antibiotikatherapie. Zeitgleich sollen Proben zur Erregerbestimmung gesichert werden (einschließlich ≥ 2 Blutkulturen, aerob und anaerob). Die empirische Therapie ist wiederholt zu reevaluieren, nach Bestimmung des Erregers anzupassen oder ggf. bei fehlendem Nachweis auf eine bakterielle Infektion abzusetzen.2

Bei fehlender klinischer Kontraindikation sollen orale statt intravenöse Antibiotika mit guter oraler Bioverfügbarkeit appliziert werden.

Die perorale Antibiotikagabe (z.B. Cotrimoxazol, Clindamycin oder Fluorchinolone) zu Therapiebeginn oder im weiteren Krankheitsverlauf senkt das Risiko infusionsbedingter Komplikationen und schont das Budget. Achtung bei Resorptionsstörungen oder Erkrankungen, die die orale Antibiotikagabe nicht zulassen wie Meningitis, S. aureus, Bakteriämie, Endokarditis oder schwerer Sepsis: Hier ist das Antibiotikum parenteral zu verabreichen.2

Patienten mit asymptomatischer Bakteriurie sollen nicht mit Antibiotika behandelt werden.

Der alleinige Nachweis von Bakterien im Urin, ohne dass klinische Symptome einer Harnwegsinfektion bestehen, hat keinen Krankheitswert. Die DGI empfiehlt in diesen Fällen aufgrund unerwünschter Wirkungen von einer Antibiotikatherapie Abstand zu nehmen. Ausnahmen sind eine Bakteriurie während der Schwangerschaft oder nach urologischen Eingriffen mit Schleimhautverletzung.2

Der Nachweis von Candida im Bronchialsekret oder in Stuhlproben stellt keine Indikation zur antimykotischen Therapie dar.

Eine Besiedlung von Candida im Bronchialsekret oder des Stuhls tritt häufig in Folge einer Behandlung mit einem Breitspektrumantibiotika auf. Sie ist von der invasiven Candia-Infektion der Lunge klar abzugrenzen und erfordert keine antimykotische Behandlung.2

Die perioperative Antibiotikaprophylaxe soll nicht verlängert (d.h. nach der Operation) fortgeführt werden.

Eine mehrmalige Gabe der perioperativen Antibiotikaprophylaxe kann nach längeren Operationszeiten und hohem Blutverlust indiziert sein. Ansonsten ist die Verlängerung (über 24 Stunden postoperativ) wegen des Risiko von unerwünschten Wirkungen und der Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen nicht indiziert.2

Der Nachweis erhöhter Entzündungswerte wie CRP oder Procalcitonin (PCT) allein soll keine Indikation für eine Antibiotikatherapie darstellen.

Entzündungsparameter sind nie spezifisch für bakterielle Infektionen und müssen daher im klinischen Kontext gesehen werden. Liegen keine klinischen Symptome für eine spezifische Infektion vor wie Pneumonie, Harnwegsinfektion oder Blutstrominfektion rät die DGI vor einer Antibiotikatherapie ab.2

Alle Positiv- und Negativ-Entscheidungen der DGI im Überblick finden Sie im Infocenter Pädiatrie.

  1. Jung N., Videopräsentation DEGIM 2016: Klug entscheiden in der Infektiologie
  2. Jung N et al.: Deutsches Ärzteblatt, Jg. 113, Heft 13, April 2016: Klug entscheiden in der Infektiologie

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