29. Mai 2018

Alkoholkranker Belegarzt verklagt: Zahlt die Klinik?

Ein Neurochirurg mit bekannter Alkoholabhängigkeit führt als Belegarzt in der Klinik einen Eingriff durch – mit schweren Folgen für die 55-jährige Patientin. Wer haftet nun für die Schäden?

Lesedauer: 3 Minuten

Der folgende Beitrag wird vertreten durch Alexa Frey, Rechtsanwältin und Fachanwältin für Medizinrecht.

55-Jährige mit Bandscheibenvorfall: Der Eingriff läuft schief

Die 55-jährige Klägerin litt seit acht Jahren an Kopfschmerzen, Nackenschmerzen mit Ausstrahlung in den Hinterkopf sowie Armschmerzen bis in den Bereichen von Schulter und Oberarm (Zerviko-Zepahlgien). Daraufhin begab sie sich zu dem niedergelassenen Arzt Dr. K., der nach Anfertigung von MRT-Aufnahmen einen Bandscheibenvorfall C5/6 und C6/7 mit rechtsbetonten beidseitigen Zerviko-Brachialgien diagnostizierte. Er stellte die Indikation für eine Operation der Bandscheiben in den betroffenen Segmenten. Dr. K. führte die Operation als Belegarzt im Krankenhaus durch.

Schwerwiegende Folgen nach der Operation

Dabei kam es zu einer Verletzung des Rückenmarks; es zeigte sich eine ödematöse Auftreibung des Rückenmarks in Höhe HWK 6/7 mit begleitender Einblutung. In einem weiteren Eingriff erfolgte eine Rückenmarksverlegung. Die Klägerin war seit dem Eingriff weitestgehend auf einen Rollstuhl angewiesen. Neben einer Blasen- und Mastdarminkontinenz bestand eine Taubheit des Rumpfes und des linken Beines. Die rechte Hand war gelähmt.

Das Krankenhaus kündigt den Belegarztvertrag

Der Belegarzt K. litt an einer Alkoholabhängigkeit: Er hatte sich im Zeitraum des Bestehens des Belegarztvertrags mit dem Krankenhaus zweimal in stationärer Behandlung zum Alkoholentzug befunden. Nach dem Vorfall kündigte das Krankenhaus den Belegarztvertrag, u. a. aufgrund kursierender Gerüchte über den Alkoholkonsum des Belegarztes.

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Dr. K. zu 250.000 Euro Schmerzensgeld verurteilt

Die Klägerin erhob gegen den Belegarzt und den Krankenhausträger Klage und forderte 250.000 Euro Schmerzensgeld und die Übernahme der weiteren Behandlungskosten. Neben Aufklärungsfehler rügte die Klägerin, dass der Belegarzt aufgrund der Alkoholabhängigkeit gesundheitlich nicht in der Lage gewesen wäre die Operation durchzuführen und daher der Facharztstandard nicht eingehalten worden sei. Das Landgericht Münster (Urteil LG Münster vom 01.03.3018, Az.: 111 O 25/14) 1 verurteilte den Beklagten zur Zahlung des Schmerzensgeldes und der weiteren materiellen Schäden. Der Belegarzt hafte, da der Eingriff aufgrund der fehlerhaften Aufklärung, rechtswidrig gewesen sei. Er habe den Eingriff als absolut indiziert dargestellt, über das tatsächliche Vorliegen einer relativen Operationsindikation sei nicht aufgeklärt worden.

Auch das Krankenhaus haftet

Das Krankenhaus hafte aufgrund eines Organisationsverschuldens. Es habe eine jahrelange Kooperation zwischen dem Krankenhaus und dem Belegarzt bestanden, so dass das Krankenhaus Einblick in die belegärztliche Tätigkeit gehabt habe. Die Schutzpflichten des Krankenhausträgers seien nach der Art der belegärztlichen Tätigkeit zu bestimmen; da es sich um die Tätigkeit eines Neurochirurgen gehandelt habe, seien bereits geringfügige Abweichungen vom gebotenen Standard bei der Operation mit möglichen gravierenden körperlichen Folgen für die Patienten verbunden.

„Es habe in Bezug auf die Alkoholerkrankung konkrete Auffälligkeiten gegeben“

Zweifel daran, dass der Belegarzt die erforderliche Eignung eines praktisch tätigen Neurochirurgen hatte, hätte der Krankenhausträger vor dem Eingriff aufgrund entsprechender Anhaltspunkte haben müssen. Es habe in Bezug auf die Alkoholerkrankung konkrete Auffälligkeiten – in Form übereinstimmender Berichte über Gangunsicherheiten, Schwindelattacken usw. – gegeben. Die stationären Aufenthalte zum Alkoholentzug seien dem Krankenhausträger bekannt gewesen und waren durch den Krankenhausträger eingeleitet worden, da der Belegarzt unter Alkoholeinfluss operiert hatte. Durch die Entzugsklinik sei die Empfehlung zur regelmäßigen Blutuntersuchung ausgesprochen worden. Die Krankenhausleitung sei zudem durch das ärztliche und nichtärztliche Personal wiederholt über Unregelmäßigkeiten des Belegarztes informiert worden. Konsequenzen für die Zusammenarbeit mit dem Belegarzt seien durch den Geschäftsführer des Krankenhauses jedoch nicht gezogen worden. Die empfohlenen Blutkontrollen seien nicht durchgeführt worden.

Klinik hätte den Belegarztvertrag weit früher kündigen müssen

Die Geschäftsführung des Krankenhauses habe die im Verkehr erforderliche Sorgfalt in besonders schwerwiegendem Maße verletzt. Angesichts der Gefährlichkeit des Handels eines potenziell unzuverlässigen Neurochirurgen, hätte der Geschäftsführer die ihm bekannten Umstände aufgrund des bedrohten Patientenwohls mehr Gewicht beimessen und den Belegarztvertrag weit früher kündigen müssen.

Empfehlungen für die Praxis:

  • Krankenhausträger sind gehalten, Auffälligkeiten (bspw. Hinweise von Mitarbeitern) in Bezug auf eine mögliche Alkoholerkrankung seiner Ärzte nachzugehen
  • Bei einer bekannten Alkoholerkrankung muss der Krankenhausträger sich in regelmäßigen Abständen davon versichern, dass der erkrankte Arzt abstinent bleibt, bspw. durch regelmäßige Blutuntersuchungen
  • Diese Pflicht bezieht sich nicht nur auf im Krankenhaus angestellte Ärzte, sondern auch auf niedergelassene Ärzte, mit denen das Krankenhaus kooperiert (Beleg- / Honorarärzte)
  • Krankenhausärzte sollten Auffälligkeiten – auch externer – Kollegen bei der Geschäftsführung des Krankenhauses melden. Mehr dazu in unserem Beitrag "Suchtkranker Kollege: 6 Tipps wie Sie bei Verdacht richtig reagieren"

Alexa Frey ist selbständige Rechtsanwältin und Fachanwältin für Medizinrecht. Sie ist neben dem Arzthaftungsrecht in den Bereichen des Vertragsarztrechts der Ärzte, des Vertrags- und Gesellschaftsrechts, des Berufsrechts, des Vergütungsrechts der Heilberufe sowie des Krankenhausrechts tätig. Kontakt: frey@wws-ulm.de

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1. Urteil LG Münster vom 01.03.3018, Az.: 111 O 25/14

Bildquelle: ©iStock.com/Ivan-balvan.

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