23. August 2017

Alkoholisierter Patient flieht aus der Klinik: Arzt in der Verantwortung?

Ein stark alkoholisierter und nicht geschäftsfähiger Patient befreit sich aus der Fixierung und flieht aus der IMC-Station. Sein Zustand stellt eine Eigen- und Fremdgefährdung dar. Kann nun der behandelnde Arzt dafür haftbar gemacht werden? Wie hätte er handeln müssen? Erfahren Sie hier die Antworten aus fachärztlicher sowie juristischer Sicht. (Lesedauer: 3 Minuten)

Der folgende Beitrag basiert auf einem aktuellen Fallbericht aus der CIRSmedical Anästhesiologie.1 Redaktionelle Aufbereitung: Marina Urbanietz.

Fixierung: 3-Punkt-System statt Leistengurt

Ein stark alkoholisierter Patient (2,0 Promille), bewusstlos durch Schlag auf den Kopf, wird vom Notarzt auf die IMC-Station gebracht. Nachdem der Patient wieder das Bewusstsein erlangt hat, ordnet der Arzt eine Bauchfixierung an. Doch die zuständige Pflegekraft fixiert den Patienten aufgrund zunehmender Aggressivität stattdessen mit einem 3-Punkt System (Bauch, linker Arm, rechtes Bein). Dabei wird der vorgeschriebene Leistengurt nicht angebracht, da der Patient handgreiflich wird und sowohl der Arzt, als auch die zweite Pflegekraft beim Anlegen nicht helfen wollen.

Nach einiger Zeit befreit sich der Patient selbst aus dem Bauchgurt und später auch aus der Handfixierung. Er holt eine am Platz standardmäßig gelagerte Schere, schneidet den Fußgurt durch und flieht aus dem Krankenhaus in einem nicht geschäftsfähigen Zustand.

  • Wer ist nun dafür verantwortlich, wenn der Patient einen Unfall verursacht oder auf eine andere Weise persönlich zu Schaden kommt? Wie hätte dieser Vorfall verhindert werden können? Antworten geben die Experten der CIRSmedical Anästhesiologie in der folgenden Fachanalyse.1

Die Analyse aus Sicht des Anästhesisten

Bei Fixierung medizinische Dokumentation erforderlich: Die Fixierung eines Patienten muss immer wohl überlegt sein und nur so kurz wie unbedingt erforderlich erfolgen. Vorbildlich an dem Fall ist, dass es initial eine Anordnung mit wahrscheinlich entsprechend dokumentierter medizinischer Begründung gab. Die Fixierung eines Patienten muss in der Regel richterlich bestätigt werden. Das ist in der Akutsituation selbstverständlich nicht umsetzbar. Aus diesem Grund ist die genaue medizinische Dokumentation des Krankheitsbildes und der Indikation zur Fixierung erforderlich, ebenso wie eine zeitnahe Unterrichtung des zuständigen Gerichtes in der Regel per Fax, um eine Fixierung anzuzeigen.

Warum wird Pflegekraft mit dem Problem allein gelassen?

Unverständlich ist, dass die Pflegekraft offensichtlich mit dem Problem allein gelassen wurde. Warum sowohl der Arzt als auch die anscheinend anwesende zweite Pflegekraft nicht halfen, bleibt unklar. Das Beste wäre wahrscheinlich mit den Betroffenen ein gemeinsames Gespräch zu führen, das Problem zu thematisieren und einen Konsens zu finden. Je nach Struktur der Persönlichkeiten, kann das Hinzuziehen eines neutralen Moderators sinnvoll sein.

Eigenschutz immer an erster Stelle

Bitte bedenken Sie jedoch ebenso, dass der Eigenschutz (besonders bei beschriebener unkalkulierbarer Situation) stets Vorrang haben muss. Um sowohl sich, dem Team als auch dem Patienten gerecht zu werden, ist das frühzeitige Hinzuziehen z.B. des Wachdienstes des Krankenhauses sinnvoll.

Patient verlässt das Krankenhaus: Arzt in der Verantwortung

Der Patient war aufgrund seines Alkoholspiegels und des SHT nicht geschäftsfähig. Verlässt ein solcher Patient gegen den ärztlichen Rat das Krankenhaus, ist der Arzt in der Verantwortung. Bei drohender Fremd- oder Selbstgefährdung muss er dafür sorgen, dass der Patient weiter überwacht wird. Verursacht der Patient nach dem Verlassen einen Unfall oder kommt sonst wie persönlich zu schaden, kann der Arzt hierfür haftbar gemacht werden. Wahrscheinlich wird in einem solchen Fall auch der Versicherungsschutz des Krankenhauses (falls dieser besteht) nicht greifen.

Polizei oder Wachdienst umgehend hinzuziehen

Die Gewaltenhoheit hat die Polizei. Es ist daher nicht erlaubt (und kann auch nicht verlangt werden), persönlich einzugreifen. Überlegt werden kann – in Abhängigkeit des medizinischen Sachverhalts – mit sedierenden Maßnahmen zu arbeiten. Ist dies keine Option, kann z.B. in der Akutsituation der hausinterne Wachdienst verständigt werden. Danach sollte die Polizei hinzugezogen werden. Diese muss auf jeden Fall verständigt werden, wenn der Patient das Krankenhaus nicht-geschäftsfähig verlassen hat.

Lesen Sie die Analyse dieses Falls aus juristischer Sicht im zweiten Teil des Beitrags.

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1. Frank P., Hübler M., Schmidtchen S.M., Schleppers A., Rhaem T. Fall des Monats – Mai 2017: Alkoholisierter Patient befreit sich aus Fixierung und flieht aus IMC-Station. CIRSmedical Anästhesiologie – Berichten und Lernen.

Autoren:
Dr. med. P. Frank, Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Medizinische Hochschule Hannover Prof. Dr. M. Hübler, Klinik für Anästhesiologie, Universitätsklinik Carl Gustav Carus, Dresden Rechtsanwältin S. M. Schmidtchen, Ulsenheimer – Friederich Rechtsanwälte, Berlin Prof. Dr. med. A. Schleppers, Berufsverband Deutscher Anästhesisten, Nürnberg Dipl.-Sozialw. T. Rhaiem, Berufsverband Deutscher Anästhesisten, Nürnberg

Weiterführende Literatur:
Hübler M., Biermann E., Bock R.-W., Schleppers A., Rhaem T. Fall des Monats – August 2014: Psychiatrischer Patient auf der Intensivstation gefährdet Personal. CIRSmedical Anästhesiologie – Berichten und Lernen.

Biermann, E.: Fixierung und richterliche Genehmigung, BDAktuell JUS-Letter Dezember 2012, Anästh Intensivmed 2012;53:701-704.

Titelbild: iStock. Bildnachweis: sudok1.

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