23. Juli 2018

Ärzte mit Tattoos und Piercings

Patienten toleranter als gedacht?

In Kliniken sind sichtbare Tattoos und Piercings bei Ärzten verboten und müssen unter der Kleidung versteckt oder im Dienst abgenommen werden. Stören sich Patienten aber tatsächlich an solchen Formen des Körperschmucks bei ihrem Arzt?

Lesedauer: 3 Minuten

Dieser Beitrag basiert auf einer Publikation im British Medical Journal und auf einer Zusamenfassung von Medscape Deutschland. 1,2 Redaktionelle Umsetzung: Marie-Theres Karla.

Tattoos sind längst keine alleinige Sache von Seeleuten oder Strafgefangenen mehr: Im Jahr 2016 gaben 30 % aller US-Amerikaner zwischen 18 und 25 Jahren und 40 % aller 26- bis 40-Jährigen an, mindestens ein Tattoo zu haben – 14% schmücken sich mit mindestens einem Piercing. In Deutschland ist inzwischen jeder vierte tätowiert und jeder 15. trägt ein Piercing. Dieser Trend macht auch vor Ärzten und Pflegepersonal nicht halt.

Bekleidungsvorschriften: Keine sichtbaren Tattoos und Piercings

Trotzdem verbieten Bekleidungsvorschriften und Richtlinien in den meisten Krankenhäusern medizinischen Fachkräften, sichtbare Tattoos oder Piercings zu tragen. Begründet wird dies meist mit früheren Untersuchungen, nach denen Patienten ein eher traditionelles konservatives Erscheinungsbild bei Ärzten bevorzugen. Bei diesen Untersuchungen wurden den Patienten aber meist nur Fotos gezeigt und es bestand kein persönlicher Kontakt zu den Ärzten.

Studie im Crossover-Design befragt 924 Patienten

Dr. Rebecca Jeanmonod und ihre Kollegen aus Pennsylvania, USA, wollten jetzt genauer untersuchen welchen Eindruck der ärztliche Körperschmuck im klinischen Alltag tatsächlich auf die Patienten macht. Dazu führten sie eine prospektive Studie im Crossover-Design mit 7 Ärzten (4 Männern, 3 Frauen) durch. Jeden Tag änderten die Kollegen ihr Erscheinungsbild: Einen Tag trugen sie (temporäre) Tribal-Tattoos am Arm und/oder Piercings an der Nase (Frauen) bzw. am Ohr (Männer). An manchen Tagen waren die Ärzte aber auch frei von jeglichem Körperschmuck.

Danach wurden 924 Patienten (369 Männer und 544 Frauen) nach der Behandlung in einer Notfallambulanz befragt – nur 11 machten keine Angaben. Die Patienten erhielten vorgegebene Aussagen zur Arztbewertung – die Zustimmung konnte mit 1-5 Punkten bewertet werden. Hier die Ergebnisse (Anteil der Patienten mit 5 Punkten für maximale Zustimmung):

„Der Arzt kümmert sich um mich als Menschen“:

  • 77,3% (Kontrolle ohne Tattoo/Piercing)
  • 75,5% (Tattoo)
  • 80,4% (Piercing)
  • 76,0% (Tattoo und Piercing)

 „Ich habe mich wohl gefühlt, mit dem Arzt zu sprechen“

  • 82,1% (Kontrolle ohne Tattoo/Piercing)
  • 81,1% (Tattoo)
  • 85,9% (Piercing)
  • 81,7% (Tattoo und Piercing)

„Der Arzt war Fragen gegenüber zugänglich“

  • 78,5% (Kontrolle ohne Tattoo/Piercing)
  • 76,8% (Tattoo)
  • 82,3% (Piercing)
  • 81,0% (Tattoo und Piercing)

„Der Arzt war sehr kompetent“

  • 77,5% (Kontrolle ohne Tattoo/Piercing)
  • 73,9% (Tattoo)
  • 79,4% (Piercing)
  • 80,3% (Tattoo und Piercing)

„Ich habe mich wohl gefühlt angesichts der medizinischen Betreuung“

  • 83,5% (Kontrolle ohne Tattoo/Piercing)
  • 85,9% (Tattoo)
  • 85,3% (Piercing)
  • 82,6% (Tattoo und Piercing)

„Der Arzt hat sich sehr professionell verhalten“

  • 90,3% (Kontrolle ohne Tattoo/Piercing)
  • 88,0% (Tattoo)
  • 91,8% (Piercing)
  • 89,9% (Tattoo und Piercing)

„Eine weitere Behandlung beim gleichen Arzt halte ich in Zukunft sehr wahrscheinlich“

  • 83,6% (Kontrolle ohne Tattoo/Piercing)
  • 78,6% (Tattoo)
  • 85,2% (Piercing)
  • 85,9% (Tattoo und Piercing)

Wie sich unschwer erkennen lässt, haben Tätowierungen und Piercings keinerlei Einfluss auf die Bewertung durch die Patienten. Dies galt quer durch alle Patientengruppen – unabhängig von Alter, Geschlecht, Bildungsstand oder ethnischer Zugehörigkeit.

Kleidungsvorschriften überdenken

Bestehende Regelungen zum Tragen von sichtbarem Körperschmuck bei Ärzten sollten daher überdacht werden, schreiben die Autoren. Das Argument, dass sich die Patienten dadurch in irgendeiner Weise gestört fühlen, lasse sich nach den Ergebnissen der Studie nicht aufrechterhalten.

Nicht herausfinden ließ sich in der Studie, ob die Patienten den ärztlichen Körperschmuck im besonderen Setting der Notfallambulanz überhaupt wahrgenommen haben. Auch die Gewissheit an einer wissenschaftlichen Studie teilzunehmen, könnte sich im Sinne des Hawthorne-Effektes auf die Toleranz gegenüber Tattoos und Piercings ausgewirkt haben. Ebenfalls unklar ist, ob sich diese Ergebnisse auch auf Deutschland übertragen lassen.

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1. Marissa Cohen et al. An observational study of patients’ attitudes to tattoos and piercings on their physicians: the ART study. British Medical Journal 2018. DOI: http://dx.doi.org/10.1136/emermed-2017-206887

2. Medscape Deutschland. Ärzte mit Tattoos und Piercings: Patienten scheint die Körperkunst in keiner Weise zu stören – neue Kleidervorschriften?

Bild: ©iStock.com/Vesnaandijic

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