Nützt Wein doch der Herzgesundheit?
Während die Deutsche Gesellschaft für Ernährung jüngst ihre Empfehlungen für den Alkoholkonsum geändert hat und nun grundsätzlich davon abrät, alkoholische Getränke zu konsumieren1, hat jetzt eine neue Publikation die alte Diskussion um eine mögliche kardioprotektive Wirkung von Wein erneut angefacht.2
Lesedauer: ca. 6 Minuten

Autorin: Dr. Annukka Aho-Ritter
Dass Alkohol in größeren Mengen der Gesundheit schadet, ist unbestritten. Doch ob eine geringe bis moderate Menge unschädlich ist oder, zumindest im Fall von Wein, womöglich sogar vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützt, daran scheiden sich trotz zahlreicher Untersuchungen weiterhin die Geister. Denn: Die bisherige Evidenz stammt vor allem aus Beobachtungsstudien, in denen die Teilnehmenden selbst Auskunft über ihren Alkoholkonsum gaben. Eine spanische Studie hat nun einen neuen Biomarker-basierten Ansatz verfolgt und versucht, den Weinkonsum über die Mengen an Weinsäure im Urin objektiv zu quantifizieren. Das Ergebnis: Bei der untersuchten Gruppe aus älteren Personen mit hohem kardiovaskulären Risiko, die an einer Studie zur Mittelmeerdiät teilnahmen, war ein geringer bis moderater Weinkonsum mit einem um bis zu 50 % reduzierten Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen assoziiert.2 Zeit also, gleich mit einem Gläschen Rotwein darauf anzustoßen? Mitnichten, denn an der Studie gibt es auch Kritik.
Biomarker-basierter Ansatz bewährt sich, aber …
Das Forschungsteam aus Spanien führte seine Untersuchung an einer Subgruppe der PREDIMED-Studie durch, einer randomisierten, kontrollierten Studie zur Wirksamkeit der Mittelmeerdiät. Trotzdem handelt es sich bei der aktuellen Analyse um eine Beobachtungsstudie, denn die Teilnehmenden wurden nicht gemäß ihres Weinkonsums randomisiert. Stattdessen wurde der Weinkonsum lediglich mithilfe von Fragebögen und der Urinuntersuchung dokumentiert und post hoc 5 Gruppen basierend auf den Weinsäurespiegeln zum Studienbeginn gebildet.
Das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse (kardiovaskulär bedingter Tod, Myokardinfarkt, Schlaganfall oder Herzinsuffizienz) nahm J-förmig zuerst mit steigendem Weinkonsum ab, stieg dann aber bei mehr als moderatem Konsum wieder an; das geringste Risiko fand sich in der Gruppe mit moderatem Weinkonsum:
- < 1 µg/ml (entspricht < 1 Glas Wein pro Monat): Referenzgruppe, Hazard Ratio (HR) = 1
- 1–3 µg/ml (ca. 1–3 Gläser/Monat): HR: 0,89; p = 0,637
- 3–12 µg/ml (ca. 3–12 Gläser/Monat): HR: 0,62; p = 0,050
- 12–28 µg/ml (ca. 12–35 Gläser/Monat): HR: 0,50; p = 0,035
- > 28 µg/ml (> 35 Gläser/Monat): HR: 0,89; p = 0,723
… Signifikanz bedeutet nicht unbedingt auch Relevanz …
Zwar erscheinen die statistisch signifikanten Risikoreduktionen von 38 % bzw. 50 % in den Gruppen mit 3–12 µg/ml bzw. 12–28 µg/ml Weinsäure im Urin beträchtlich, betrachtet man jedoch die Konfidenzintervalle (KI), sieht man, dass die Schwankungen sehr groß ausfallen:
- 3–12 µg/ml: 95 %-KI 0,38–1,00
- 12–28 µg/ml: 95 %-KI 0,27–0,95
Rachel Richardson von der Cochrane Methods Support Unit hat daher Zweifel daran, ob die beobachteten Risikoreduktionen tatsächlich groß genug sind, um relevant zu sein: „Die Studie ergab zwar eine Verringerung der Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die Fehlerspannen bei der Schätzung waren jedoch sehr hoch. Das bedeutet, dass es zwar einen schützenden Effekt [von Wein, Anm. d. Red.] geben könnte, es aber auch sein könnte, dass es so gut wie gar keinen Effekt gibt.“3
… und Assoziation ist keine Kausalität
Der größte Schwachpunkt der Studie ist jedoch, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handelt und damit naturgemäß Bias und Confounder die Ergebnisse beeinflusst haben könnten. „Obwohl in der Studie die Ergebnisse um einige Faktoren bereinigt wurden, die den Zusammenhang zwischen dem Weinkonsum und dem Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen verfälscht haben könnten, wurden einige wichtige Faktoren nicht berücksichtigt – zum Beispiel die psychische Gesundheit. Das Team berücksichtigte auch nicht den Konsum anderer alkoholischer Getränke, wie z. B. Spirituosen oder Bier“, meint Rachel Richardson.3 Und so sieht es auch Prof. Paul Leeson von der Universität Oxford (Vereinigtes Königreich): „Die Studie belegt lediglich eine Assoziation. Es kann sein, dass Menschen, die diese Mengen Wein konsumierten, in der Studie andere Dinge getan haben, die dazu beigetragen haben, ihr Risiko zu senken.“
Nutzen nur in Kombination mit Mittelmeer-Diät?
Darüber hinaus ist fraglich, ob sich die Ergebnisse der Studie auf andere Populationen als die untersuchte übertragen lassen, wie Prof. Kevin McConway von der Open University (Vereinigtes Königreich) erklärt: „Die Teilnehmenden in dieser Studie lebten alle in Spanien. Und sie hatten sich bereit erklärt, an einer randomisierten Studie zur Mittelmeerdiät teilzunehmen. Außerdem waren sie zu Beginn der Studie nicht mehr jung (Männer: 55–75 Jahre, Frauen: 60–80 Jahre), und alle hatten ein relativ hohes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, denn sie hatten entweder Typ-2-Diabetes oder mindestens 3 bekannte Risikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen. Das macht es schwierig zu wissen, inwiefern die Ergebnisse auf Menschen in anderen Ländern und Kulturen zutreffen.“3
Gerade die Kombination von Wein mit der besonderen Ernährung der Teilnehmenden könnte relevant für die beobachtete Wirkung sein, so Prof. Leeson: „Die Studie wurde mit Menschen durchgeführt, die auf eine herzgesunde Ernährung geachtet haben. Vielleicht zeigen sich die gesundheitlichen Vorteile eines Glases Wein also nur, wenn es zusammen mit einem Teller mediterraner Speisen getrunken wird.“3 Ähnlich scheint das auch einer der Studienautoren zu sehen, denn in einer Pressemitteilung zur Publikation betont er, dass es wichtig sei, Wein zusammen mit einer Mahlzeit zu sich zu nehmen.4 Ein Gläschen Rotwein in der Badewanne oder vor dem Fernseher scheidet damit als kardioprotektive Therapie also wohl aus.
Einfluss von Alkohol geht über kardiovaskuläre Erkrankungen hinaus
Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass das spanische Team nur den Effekt von Wein auf das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen untersucht hat. Alkohol hat aber darüber hinaus auch noch zahlreiche weitere schädliche Wirkungen: „Es ist enttäuschend, solche Forschung zu sehen, wenn es doch so viele eindeutige Belege dafür gibt, dass jegliche Menge an Alkohol das Risiko für eine Vielzahl von Komplikationen erhöht, darunter Hypertonie, Herzinsuffizienz, verschiedene Krebsarten, akute Verletzungen und so weiter. Es ist also ziemlich bedauerlich, sich nur eine davon herauszupicken“, meint Prof. Dr. Naveed Sattar von der Universität Glasgow (Vereinigtes Königreich). Auch Rachel Richardson weist auf diese Limitation der Studie hin: „Andere potenziell wichtige Outcomes, zum Beispiel gesundheitliche Probleme, wurden nicht untersucht. Menschen, die geringe bis moderate Mengen Wein konsumieren, könnten trotz eines geringeren Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen einen schlechteren Gesundheitszustand aufweisen.“
Aus Sicht von Prof. Sattar ist zudem die Kontrollgruppe schlecht gewählt: „Unter den Personen, die nicht trinken (der Referenzgruppe, mit der die Risiken von weintrinkenden Personen verglichen wurden), könnten viele aufgrund einer Krankheit ihren Alkoholkonsum eingeschränkt oder ganz aufgegeben haben, da manche Krankheiten Menschen vom Alkoholkonsum abhalten. Das bedeutet, dass die Referenzgruppe ungeeignet war, denn Infektionen/Krankheiten können ebenfalls das Risiko für Herzerkrankungen erhöhen. Und das führt dann unter denjenigen, die selbst moderate Mengen trinken, fälschlicherweise zum Eindruck eines ‚geringeren Risiko‘“.
Prof. Sattar rät daher weiterhin vom Alkoholkonsum ab und lässt kein gutes Haar an der spanischen Studie: „Ich möchte die Menschen dringend bitten, so wenig wie möglich zu trinken, wenn sie gesünder leben wollen. Das ‚Weinparadoxon“ ist ein Mythos und diese Studie fügt dem, was bereits bekannt ist, nichts Neues hinzu.“
Fazit für die Praxis
In einer spanischen Studie ging bei älteren Personen mit hohem kardiovaskulärem Risiko der Konsum von geringen bis moderaten Mengen Wein mit einem verringerten Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse einher. Neu an der Studie ist, dass der Weinkonsum objektiv mithilfe eines Urin-Biomarkers quantifiziert wurde. Weitere Untersuchungen sind jedoch nötig, um beispielsweise zu klären, ob der Wein tatsächlich ursächlich für die Risikoreduktion war, ob er nur in Kombination mit einer Mittelmeerdiät kardioprotektiv wirkt und ob der beobachtete Zusammenhang auch bei anderen Personengruppen auftritt.

