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Kardiologie

28. Feb. 2024
Herzinsuffizienz

6-Minuten-Gehstrecke: Referenzwerte veröffentlicht

Der 6-Minuten-Gehtest ist günstig, sicher und leicht durchzuführen – die Ergebnisse aber mangels Referenzwerten nicht leicht zu interpretieren. Wissenschaftler aus Würzburg haben nun Abhilfe geschaffen.1 

Lesedauer: ca. 5 Minuten

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Neue Referenzwerte ermöglichen zukünftig eine leichtere Interpretation der 6-Minuten-Gehstrecke. Symbolbild (Foto: Dreamstime.com | Microgen)

Autorin: Dr. Brit Neuhaus

Die Ermittlung der 6-Minuten-Gehstrecke (6MWD) ist ein einfacher Test zur Bestimmung der körperlichen Leistungsfähigkeit, beispielsweise bei Patientinnen und Patienten mit chronischen Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems wie einer Herzinsuffizienz. Allerdings werden die Testergebnisse durch methodische Unterschiede beeinflusst, so zum Beispiel durch die Länge der Teststrecke. Auch individuelle Faktoren wie Alter und Geschlecht können sich auf das Testergebnis auswirken. Um die zurückgelegte Gehstrecke richtig zu interpretieren, wären entsprechende Referenzwerte erforderlich – doch diese existierten bislang nicht.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Würzburg untersuchten nun im Rahmen einer Kohorten-Studie, welche Faktoren das Ergebnis des 6-Minuten-Gehtests positiv oder negativ beeinflussen können. Basierend auf 6MWD-Daten aus einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe ermittelten sie zudem altersabhängige Referenzwerte, die Ärztinnen und Ärzten zukünftig bei der Interpretation der Testergebnisse helfen sollen.

Studiendesign und Patientencharakteristika im Überblick

Die Studienpopulation

Die Population-based-Characteristics and Course of Heart Failure Stages A-B and Determinants of Progression (STAAB) Kohorten-Studie wurde an einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe aus Würzburg durchgeführt. Bei keinem der Teilnehmenden war eine Herzinsuffizienz bekannt. Die Altersgruppen 30–39, 40–49, 50–59, 60–69 und 70–79 waren im Verhältnis 10:27:27:27:10 vertreten, 52 % der Teilnehmenden waren Frauen.

Follow-up-Untersuchung

Nach der Rekrutierung unterzogen sich die Teilnehmenden einer umfassenden körperlichen Follow-up-Untersuchung, einschließlich einer Blutentnahme, eines Echokardiogramms, der Dokumentation der Körpermaße, einer Blutdruckmessung und einer transthorakalen Echokardiographie.

6-Minuten-Gehtest

Alle Teilnehmenden ohne Kontraindikationen absolvierten unter der Aufsicht geschulter Mitarbeitender einmalig den 6-Minuten-Gehtest gemäß einem standardisierten Protokoll auf einer 15 Meter langen, geraden und ebenen Teststrecke. Vor und nach dem Test wurden Blutdruck, Puls und Atmung (Borg-Skala „Rating of Perceived Dyspnea“) überprüft sowie das Maß der körperlichen Anstrengung ermittelt (Borg-Skala „Rating of Perceived Exertion“). Personen, die den Test vorzeitig abbrechen mussten, wurden von der weiteren Auswertung ausgeschlossen.

Eine Subgruppe von Teilnehmenden ohne kardiovaskuläre Erkrankungen oder kardiovaskuläre Risikofaktoren (z. B. Blutdruck > 140/90 mmHg, Einnahme von Antihypertensiva, Nikotinkonsum, Body-Mass-Index BMI > 30 kg/m2, Dyslipidämie, Diabetes mellitus) wurde als augenscheinlich gesund definiert und ihre Daten zur Herleitung der Referenzwerte verwendet.

Maßgebliche Determinanten: Alter und Körpergröße

Insgesamt schlossen 2.762 Teilnehmende einen validen 6-Minuten-Gehtest ab. Die mittlere absolvierte 6-Minuten-Gehstrecke in dieser Kohorte belief sich auf 542 ± 86 m, der Blutdruck vor und nach dem Test betrug 130 ± 17 zu 77 ± 10 mmHg bzw. 156 ± 22 zu 83 ± 10 mmHg. Der durchschnittliche Dyspnoe-Wert auf der Borg-Skala erhöhte sich von 0 vor dem Test auf 1 nach dem Test, die empfundene Anstrengung nach dem Test lag bei 10 Punkten.

Als maßgebliche Einflussfaktoren erwiesen sich Alter und Körpergröße, nicht jedoch das Geschlecht. Eine positive Assoziation wurde auch für höhere Cholesterin-Spiegel, ein höheres linksventrikuläres enddiastolisches Volumen, eine höhere linksventrikuläre Ejektionsfraktion sowie – bei Männern – eine höhere linksventrikuläre Relaxationsgeschwindigkeit gezeigt. Eine negative Assoziation bestand bei einer Erhöhung von Ruhepuls, geschätzter glomerulärer Filtrationsrate (eGFR), BMI, Triglyzeriden, Hämoglobin A1c, Nüchtern-Glukose, NT-proBNP (N-terminales pro Brain natriuretisches Peptid) sowie erhöhtem linksventrikulärem Füllungsdruck.

Ableitung von Referenzwerten

In die Ableitung der alters- und größenabhängigen Referenzwerte flossen Daten von 681 Teilnehmenden mit einem Durchschnittsalter von 52 ± 10 Jahren ein, davon 60 % Frauen. Die mittlere 6MWD dieser Kohorte betrug 578 ± 72 m, der Blutdruck vor und nach dem Test lag bei 122 ± 12 zu 74 ± 8 mmHg bzw. 150 ± 20 zu 82 ± 9 mmHg. Die wahrgenommene Dyspnoe erhöhte sich von 0,0 auf 0,7, die Anstrengung nach dem 6MWT betrug 9,0 auf der Borg-Skala.

Zur Berechnung der vorhergesagten 6MWD haben die Autorinnen und Autoren einen Online-Rechner zur Verfügung gestellt. Dort gibt man das Alter und die Körpergröße ein und erhält die vorhergesagte 6MWD-Werte für verschiedene Leistungskategorien. Zudem kann man auch die im 6MWT zurückgelegte Distanz eingeben und direkt sehen, wie das Ergebnis im Vergleich zur Normalbevölkerung abschneidet.

„Die Leistungsfähigkeit wird in Prozent angeben. Das heißt, man kann ablesen, ob man 40 oder 80 oder sogar 110 Prozent der erwarteten Leistung erreicht hat“, erläutert Prof. Dr. Dr. Götz Gelbrich, Mitautor der Studie und Professor für Biometrie am Institut für Klinische Epidemiologie und Biometrie (IKE-B) der Universität Würzburg.2 „Wer den Test nach den Standards regelmäßig wiederholt, kann prüfen, ob und wie sich die Belastbarkeit mit der Zeit verändert. Das kann zum Beispiel nach einer Operation interessant sein, aber auch zur Dokumentation eines Trainingseffekts.“  

Zum Online-Rechner

6MWD – auch eine Frage der Erfahrung

Insgesamt 11 Teilnehmende mit einem Durchschnittsalter von 32 ± 8 Jahren nahmen im Rahmen der Studie an einem seriellen 6-Minuten-Gehtest teil. Während sie beim ersten Test eine durchschnittliche 6MWD von 727 ± 57 m erreichten, lag die zurückgelegte Wegstrecke beim 2. Test bereits bei 755 ± 71 m, beim 3. Test bei 800 ± 78 m. Die ersten beiden Tests wurden auf einer 15-Meter-Teststrecke durchgeführt, der letzte auf einer 30-Meter-Teststrecke. Die Abhängigkeit der erreichten 6MWD sowohl von der Länge der Teststrecke als auch von vorausgegangenen Tests untermauert den Autorinnen und Autoren zufolge die Notwendigkeit einer standardisierten Testmethode. 

Fazit für die Praxis

Die Autorinnen und Autoren konnten in der Studie die Körpergröße und das Alter als maßgebliche Determinanten für das Outcome des 6-Minuten-Gehtests ermitteln und alters- und größenbasierte Referenzwerte ableiten. Das darauf basierende Onlinetool erlaubt behandelnden Ärztinnen und Ärzten, die tatsächlich erzielten Ergebnisse ihrer Patientinnen und Patienten mit der theoretisch zu erwartenden Gehstrecke abzugleichen und ist für Personen zwischen 30 und 85 Jahren geeignet. Auch die Identifizierung weiterer Determinanten wie BMI und Stoffwechselparameter kann die Einschätzung der körperlichen Leistungsfähigkeit anhand der 6MWD verbessern. Zudem untermauert die Studie die Bedeutung standardisierter Testbedingungen. Die Tatsache, dass sich die neuen Referenzwerte auf eine nur 15 Meter lange Teststrecke beziehen – die in vielen Praxen deutlich leichter zu realisieren sein sollte als die sonst empfohlenen 30 Meter – dürfte Ärztinnen und Ärzten dabei entgegenkommen.

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