15. Dezember 2021

Frühgeburten erhöhen Hypertonie-Risiko für Mütter

Bei Frauen, die eine Frühgeburt hatten, war die Wahrscheinlichkeit, in den darauffolgenden 10 Jahren an Hypertonie zu erkranken, mindestens 1,6-mal so hoch wie bei Frauen, die termingerecht entbinden konnten. Dies geht aus den Daten einer nationalen Kohortenstudie mit über 2 Millionen Frauen hervor.1

Lesedauer: 5,5 Minuten

Autorin: Heidi Splete

Schwangerschaftskomplikationen wie Präeklampsie und andere hypertensive Schwangerschaftsstörungen wurden sowohl mit chronischem Bluthochdruck als auch mit Frühgeburten in Verbindung gebracht. Die Rolle der Frühgeburt allein für das Hypertonierisiko bleibt jedoch unklar, schreiben Dr. Casey Crump und sein Team von der Icahn School of Medicine am Mount Sinai Hospital in New York. „Um die Risikostratifizierung, die klinische Überwachung und die Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen zu verbessern, müssen wir die langfristigen Hypertonierisiken im Zusammenhang mit Frühgeburten verstehen.“

In einer in JAMA Cardiology veröffentlichten Studie untersuchte die Autoren die Daten von 2.195.989 Frauen in Schweden mit 4.308.286 Einzelgeburten zwischen dem 1. Januar 1973 und dem 31. Dezember 2015 1. Frauen mit einem bereits vor der ersten Schwangerschaft bestehendem Bluthochdruck wurden ausgeschlossen.

Erste Daten aus den 1970er-Jahren

Die Schwangerschaftsdauer wurde bei den Daten aus den 1970er-Jahren anhand der Angaben der Frauen zur letzten Menstruation geschätzt. Ab den 1980er-Jahren ermittelte man den Schwangerschaftsfortgang dann durch eine sonografische Einschätzung. Die Geburten wurden nach vollendeten Schwangerschaftswochen in 6 Gruppen eingeteilt:

  • extreme Frühgeburt (22 bis 27 Wochen),
  • mäßige Frühgeburt (28 bis 33 Wochen),
  • späte Frühgeburt (34 bis 36 Wochen),
  • Frühgeburt (37 bis 38 Wochen),
  • Termin- oder Reifgeburt (39 bis 41 Wochen) und
  • Spätgeburt (≥ 42 Wochen).

Als Referenz wurde die Termingeburt herangezogen. Die 3 Frühgeburtengruppen (< 37 Wochen) wurden zu einer zusammengefasst.

Insgesamt hatten Frauen, die vor Vollendung der 37. Woche entbunden hatten, ein 1,6-fach höheres Risiko, in den folgenden 10 Jahren eine Hypertonie zu entwickeln (adjustierte Hazard Ratio, aHR: 1,67), als Frauen, die eine Termingeburt hatten (nach Ausschluss von Präeklampsie, anderen hypertensiven Schwangerschaftsstörungen und mütterlichen Faktoren).

Bei einer weiteren Stratifizierung nach Schwangerschaftsdauer betrugen die aHRs für das mittlere Hypertonierisiko nach extremer, mäßiger, später und einfacher Frühgeburt im Vergleich zur Termingeburt 2,23, 1,85, 1,55 bzw. 1,26 in der ersten postpartalen Dekade. Mit jeder zusätzlichen Schwangerschaftswoche sank das Risiko um 7% (aHR: 0,93).

Das erhöhte Hypertonierisiko nach einer Frühgeburt (< 37 Wochen) blieb auch nach 10 bis 19 Jahren, 20 bis 29 Jahren und 30 bis 43 Jahren mit aHRs von 1,40, 1,20 bzw. 1,12 bestehen. Eine Frühgeburt nach 37 bis 38 Wochen war im Vergleich zu einer Termingeburt ebenfalls mit einem erhöhten Hypertonierisiko verbunden (aHR 1,12 im Alter von 20–29 Jahren bzw. 1,06 im Alter von 30 bis 43 Jahren).

„Nach einer Geschwisteranalyse hat es den Anschein, dass diese Ergebnisse nur teilweise durch familiäre (genetische und/oder umweltbedingte) Faktoren, die sowohl für Frühgeburten als auch für Bluthochdruck verantwortlich sind, erklärt werden können“, so die Forscher. Demnach trage die Frühgeburt selbst zur kardiovaskulären Pathophysiologie bei bzw. beeinflusse diese, fügten sie hinzu. Sie stellten dazu die Hypothese auf, dass die durch die Frühgeburt verursachte endotheliale Dysfunktion funktionelle Beeinträchtigungen im Mikrogefäßsystem nach sich ziehen könne.

Aussagekraft der Studie

Die Aussagekraft der Studienergebnisse wurde durch verschiedene Faktoren eingeschränkt. Dazu zählen das Fehlen detaillierter Aufzeichnungen der Blutdruckmessungen und die Verwendung von Daten aus einem einzigen Land, so die Untersucher. Die Ergebnisse wurden jedoch durch die große Studienpopulation, die Verwendung sehr vollständiger pränataler und geburtsbezogener Aufzeichnungen zur Minimierung einer Stichprobenverzerrung und den langfristigen Nachbeobachtungszeitraum gestärkt.

Die Ergebnisse stimmen mit denen aus früheren Studien überein und unterstützen die Hypothese, wonach eine Frühgeburt einen lebenslangen Risikofaktor für eine Hypertonie darstellt. Künftige Studien sollten sich jedoch auch ethnische Subpopulationen, die bereits ein erhöhtes Risiko sowohl für Frühgeburten als auch für Bluthochdruck haben, zuwenden, fügten sie hinzu.

„Es sind weitere Folgeuntersuchungen erforderlich, um derartige Assoziationen im höheren Erwachsenenalter zu bewerten, wenn der Bluthochdruck zunehmend und überproportional Frauen betrifft“, schlussfolgerten die Autoren.

Daten zeigen Aufklärungsbedarf

„Diese Studie erweitert unser Verständnis für die langfristigen Komplikationen, die mit einer Frühgeburt als häufiger Schwangerschaftskomplikation verbunden sind“, sagte Dr. Stephen S. Crane, Gynäkologe in einer Privatpraxis in Orlando, in einem Interview. „Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache und bleiben bei Frauen oft unerkannt. Es gibt für beide Geschlechter gemeinsame kardiovaskuläre Risikofaktoren, und der häufigste ist die Hypertonie. Bei Frauen kommt jedoch der einzigartige Risikofaktor der Schwangerschaft und der damit einhergehenden Komplikationen wie Präeklampsie, Glukoseintoleranz und Frühgeburtlichkeit hinzu.“

Hypertonische Störungen in der Schwangerschaft führen häufig zu Frühgeburten und stehen im Zusammenhang mit der Entwicklung einer chronischen Hypertonie mit nachfolgenden kardiovaskulären Erkrankungen. Frühere Daten deuten jedoch darauf hin, dass die Frühgeburt selbst ein Risikofaktor für die Entwicklung von chronischem Bluthochdruck im späteren Leben ist.

„Die aktuelle Studie umfasst einen der vollständigsten Bevölkerungsdatensätze mit einer Nachbeobachtungszeit von bis zu 43 Jahren. Sie ist die erste, die familiäre Determinanten durch eine Geschwisteranalyse untersucht und die Frühgeburt als unabhängigen Hypertonierisikofaktor bestätigt“, sagte Crane. Die Studienergebnisse zeigen, dass es sich um ein lang anhaltendes Risiko handelt und dass wiederholte Frühgeburten das Hypertonierisiko weiter erhöhen.

Ergebnisse nicht überraschend

Crane zeigt sich von den Studienergebnissen nicht überrascht, da Entzündungsprozesse mit der Hypertonieentwicklung und Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht worden seien. „In ähnlicher Weise wurden Entzündungsprozesse auch mit der Pathophysiologie der Frühgeburt in Verbindung gebracht, und Entzündungszytokine können auch bei normalen Wehen eine Rolle spielen.“

Daher sei es nicht überraschend, dass die Frühgeburt einen Risikofaktor für die Hypertonieentwicklung darstellt, da beides Reaktionen auf zugrunde liegende Entzündungsprozesse sein können. „Die Identifizierung derartiger Prozesse und Methoden zu ihrer Vermeidung sind von entscheidender Bedeutung, wenn man sowohl die Frühgeburtenrate als auch die Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen verringern will“, so Crane.

Mütter über langfristiges Hypertonierisiko aufklären

„Da die pränatale Betreuung möglicherweise die einzige medizinische Versorgung ist, die Frauen in Anspruch nehmen, ist es wichtig, sie bei dieser Gelegenheit über ihr langfristiges Hypertonierisiko und die Notwendigkeit einer entsprechend langen Nachsorge aufzuklären. Mögliche Ansätze zur Reduzierung der Frühgeburtlichkeit und damit auch der Senkung des langfristigen Hypertonierisikos sind die Gewichtsreduktion, vermehrte körperliche Bewegung und der Verzicht auf das Rauchen. Solche Wege müssen zur Erreichung der Ziele den Patientinnen vermittelt werden“, sagte der Gynäkologe.

„Wissensdefizite können sowohl auf Seiten der Ärzte als auch der Patientinnen ein erhebliches Hindernis für eine Intervention darstellen, das sich durch verbesserte Aufklärung überwinden ließe“, so Crane – und weiter: „Beide Seiten müssen besser über die langfristigen Risiken einer Frühgeburt in der Vergangenheit aufgeklärt werden, damit geeignete vorbeugende Maßnahmen gegen eine neuerliche Frühgeburt und die Entwicklung einer Hypertonie und von Herz-Kreislauf-Erkrankungen getroffen werden können. Der sozioökonomische Status, das Bildungsniveau und Schwierigkeiten, weitere medizinische Versorgung in Anspruch zu nehmen, stehen jedoch bei vielen Frauen geeigneten Interventionen im Weg.“

„Es braucht weitere Untersuchungen, um die Ursachen von Entzündungsprozessen zu ermitteln, die zu Frühgeburten und einem erhöhten Risiko für Hypertonie und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen“, so Crane. „Erst wenn diese Ursachen bekannt sind, lassen sich Behandlungsmöglichkeiten entwickeln, um diesen Erkrankungen wirksam entgegentreten zu können.“

Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape.com erschienen.

  1. Crump C, et al: JAMA Cardiol (online) 13. Oktober 2021

Bildquelle: © gettyImages/Jill Lehmann Photography

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