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Gynäkologie

20. Nov. 2023
Nabelschnur nicht sofort abklemmen

Späteres Abnabeln senkt Frühchen-Sterblichkeit

Warten Ärzte bei Frühgeborenen mit dem Abklemmen der Nabelschnur 2 Minuten oder länger, scheint sich das Risiko, kurz nach der Geburt zu sterben, im Vergleich zum früheren Abklemmen zu verringern. Das geht aus 2 systematischen Übersichten und Metaanalysen hervor, die in The Lancet veröffentlicht worden sind.1,2

Lesedauer: ca. 5 Minuten

 Später Abnabeln senkt die Frühchen-Sterblichkeit
Das Abklemmen der Nabelschnur sollte bei Frühchen um mindestens 2 Minuten aufgeschoben werden. (Foto: Patricia Smith | Dreamstime.com)

Autor: Michael van den Heuvel | Redaktion: Dr. Nina Mörsch

Dank des späteren Abklemmens der Nabelschnur kann Blut weiterhin von der Plazenta zum Baby fließen, während sich die Lungen des Babys mit Luft füllen. Die Forscher vermuten, mit dieser Strategie den Übergang zur Lungenatmung zu erleichtern und einen möglichen Eisenmangel beim Säugling zu verringern.

Sofortige Abklemmung nicht mehr gerechtfertigt

„Bis vor kurzem war es gängige Praxis, die Nabelschnur bei Frühgeborenen sofort nach der Geburt abzuklemmen, damit sie problemlos abgetrocknet, gewickelt und gegebenenfalls wiederbelebt werden konnten“, sagt Dr. Sol Libesman. Sie ist Koautorin der Studie und forscht am NHMRC Clinical Trials Centre der Universität Sydney, Australien.

Libesman: „Unsere Studie zeigt, dass die sofortige Abklemmung nicht mehr gerechtfertigt ist. Stattdessen deuten die verfügbaren Daten darauf hin, dass ein Aufschub der Nabelschnurabklemmung um mindestens 2 Minuten wahrscheinlich die beste Strategie (…) ist, um das Risiko zu verringern, dass Frühgeborene kurz nach der Geburt sterben.“

„Unsere neuen Erkenntnisse sind der bisher beste Beweis dafür, dass ein Abwarten vor dem Abklemmen der Nabelschnur das Leben einiger Frühgeborener retten kann“, sagt die Erstautorin der Studie Dr. Anna Lene Seidler vom NHMRC Clinical Trials Centre an der Universität Sydney, Australien. Ihr Team arbeite bereits mit internationalen Leitlinienkommissionen zusammen, um sicherzustellen, dass die Studienergebnisse rasch in aktualisierte Richtlinien und in die klinische Praxis einflössen.

Keine konkrete Zeitvorgabe bislang in Deutschland

In Deutschland stehe bisher keine konkrete Zeitvorgabe in den Leitlinien, erklärt Richard Berger, Sektionssprecher Frühgeburt bei der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). Üblich sei aber, mindestens 1 Minute abzuwarten.

Einfache Strategie, um die Moralität von Frühchen zu verringern

„Weltweit werden jedes Jahr fast 13 Millionen Babys zu früh geboren und leider sterben fast 1 Million kurz nach der Geburt“, erklärt Seidler. Zusammen mit Kollegen hat sie die wissenschaftliche Literatur systematisch überprüft. Ihr Ziel war, Studien zum Nabelschnur-Management bei Frühgeborenen aufzuspüren – und im besten Fall Möglichkeiten zu finden, die Mortalität zu verringern.

Die Autoren von mehr als 60 Studien mit über 10.000 Babys stellten dem Team ihre vollständigen Rohdatensätze zur Verfügung. Seidler und Kollegen nutzten diese großen, kombinierten Datensätze, um zunächst eine Metaanalyse durchzuführen, in der die Auswirkungen verschiedener Arten des Abnabelns auf die Frühgeborenen-Sterblichkeit verglichen. In der 2. Metaanalyse untersuchten sie mögliche Effekte verschiedener Zeitpunkte der Abnabelung.

Studie 1: Spätere Abnabelung mit geringerer Mortalität des Babys assoziiert

Die 1. Metaanalyse umfasste Daten aus 21 randomisierten, kontrollierten Studien aus Ländern mit hohem und mittlerem Einkommen. Forscher haben bei insgesamt 3.292 Babys die zeitlich verzögerte mit der sofortigen Abnabelung verglichen.

In den Gruppen mit späterer Abnabelung lag die Wartezeit zwischen 30 Sekunden und mehr als 180 Sekunden. Zum Vergleich: In den Gruppen mit sofortigem Abklemmen wurde ein Abklemmen meist innerhalb von 10 Sekunden empfohlen. Von allen Säuglingen wurden 61% (1.950/3.292) per Kaiserschnitt geboren.

Insgesamt starben 6,0% (98/1622) der Säuglinge, bei denen die Abnabelung aufgeschoben wurde, noch im Krankenhaus, verglichen mit 8,2% (134/1.641), deren Nabelschnur sofort durchtrennt wurde. Damit scheint die verzögerte Abklemmung der Nabelschnur das Sterberisiko bei Frühgeborenen im Vergleich zur sofortigen Abklemmung um 1 Drittel verringert zu haben (Odds Ratio 0,68).

In einer Subgruppe von Frühgeborenen, die vor der 32. Schwangerschaftswoche geboren wurden, kam es bei 44,9% (449/1.001) der Babys mit sofortiger Nabelschnur-Abklemmung zu einer Unterkühlung nach der Geburt, verglichen mit 51,2% (509/994) der Babys mit verzögerter Abklemmung. Der durchschnittliche Temperaturunterschied zwischen Babys aus beiden Gruppen betrug -0,13°C.

Bei verzögerter Abnabelung müssen Babys warmgehalten werden

„Unsere Ergebnisse unterstreichen, dass bei Frühgeborenen, bei denen das Abklemmen der Nabelschnur aufgeschoben wird, besonders darauf geachtet werden sollte, dass sie nicht auskühlen“, sagt Prof. Dr. Lisa Askie, Letztautorin der Studie und Forscherin am NHMRC Clinical Trials Centre der Universität Sydney. „Eine Möglichkeit ist, dass das Baby mit intakter Nabelschnur abgetrocknet und eingewickelt wird und dann direkt auf die nackte Brust der Mutter unter eine Decke gelegt wird.“ Alternativ könne ein Wärmewagen am Bett verwendet werden.

Studie 2: Ideale Wartezeit bis zur Abnabelung

Die 2. Netzwerk-Metaanalyse umfasste 47 Studien mit insgesamt 6.094 Säuglingen. Seidler und Kollegen bildeten – je nach Verzögerung der Abnabelung – 3 Gruppen:

  • kurz (15-45 Sekunden),
  • mittel (45-120 Sekunden),
  • lang (120 Sekunden oder mehr).

Im Vergleich zum sofortigen Abklemmen der Nabelschnur verringerte ein Abklemmen nach 2 Minuten oder mehr das Sterberisiko bei Frühgeborenen um 2 Drittel (OR: 0,31). Die statistische Analyse ergab, dass 2 Minuten Versatz mit einer Wahrscheinlichkeit von 91% die beste Intervention war, um den Tod kurz nach der Geburt bei Frühgeborenen zu verhindern. Das sofortige Abklemmen der Nabelschnur hatte eine sehr geringe (< 1%) Wahrscheinlichkeit, die beste Intervention zu sein.

Offene Fragen

Doch was sollten Ärztinnen und Ärzte bei der Umsetzung in die Praxis beachten? Das Autoren-Team betont, diese Ergebnisse könnten nicht auf Babys übertragen werden, die eine sofortige Wiederbelebung benötigten, es sei denn, das Krankenhaus sei in der Lage, eine sichere Erstbeatmung bei intakter Nabelschnur zu gewährleisten.

„Wir müssen erforschen, wie wir die kränksten Frühgeborenen bei intakter Nabelschnur am besten sofort versorgen können“, erklärt Seidler. „Selbst bei gesünderen Frühgeborenen mag es einigen Ärzten wenig sinnvoll erscheinen, die Abnabelung aufzuschieben, wenn das Baby versorgt werden muss.“

Aber mit entsprechender Ausbildung und Ausrüstung sowie mit einem umfassenden Teamansatz, an dem Hebammen, Ärzte und Eltern beteiligt seien, gelinge es, die Abnabelung hinauszuzögern und gleichzeitig sicherzustellen, dass das Baby warm sei, atmet und versorgt werde.

Limitationen der Studie

Die Autorinnen und Autoren weisen auf weitere Einschränkungen ihrer Veröffentlichung hin. So wurden zwar mehrere Studien in Ländern mit mittlerem Einkommen durchgeführt – jedoch nur in Krankenhäusern mit neonatologischen Intensivstationen. Ob die Resultate auf Länder mit niedrigem Einkommen und mit schlechter medizinischer Infrastruktur übertragbar sind, bleibt unklar.

Darüber hinaus gab es nur wenige Daten darüber, ob Ärztinnen und Ärzte, die das Nabelschnurmanagement laut Studiendesign wirklich befolgt haben, auf die Babys randomisiert worden war.

Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape.de erschienen.

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