05. Juli 2021

Präeklampsie als Risikofaktor für Schlaganfall

Bei Frauen mit Präeklampsie in der Vorgeschichte ist zusätzlich – unabhängig von anderen Faktoren wie Gewicht, Rauchen, Bluthochdruck – das Lebenszeit-Risiko für einen Schlaganfall fast um das Vierfache erhöht. Diese Assoziation zeigen kürzlich veröffentlichte Ergebnisse der Framingham Heart Study. 1

Lesedauer: 4 Minuten

Autorin: Dr. Susanna Kramarz

Bei einer Präeklampsie sind die Angiogenese und die Anti-Angiogenese nicht mehr im Gleichgewicht. Folge der gestörten Gefäß-Neubildung in der Plazenta sind intrauterine Wachstumsstörungen des Kindes, eine kompensatorische Erhöhung des Blutdrucks und im ungünstigsten Fall eine Entgleisung der Blutdruck-Regulierung im 3. Trimenon.

Neue Daten der Framingham Heart Study von über 1400 Frauen

Zum Hintergrund: Seit 1946 wird in der Stadt Framingham im US-Bundesstaat Massachusetts die Bevölkerung systematisch und regelmäßig auf Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, auf mögliche Ursachen und Risiken, Lebensstil, familiäre und berufliche Faktoren und vieles mehr untersucht. Die Framingham Heart Study (FHS) ist deshalb seit Jahrzehnten wegweisend für Erkenntnisse zu kardio- und zerebrovaskulären Erkrankungen. Nun hat ein interdisziplinäres Autorenteam aus den Schwerpunkten der Neurologie, Epidemiologie, Chirurgie und Gynäkologie eine neue Auswertung von Framingham-Daten vorgelegt.

In die Kohortenstudie wurden Datensätze von 1.435 Frauen einbezogen, die bei der Aufnahme in die FHS keinen Schlaganfall hatten. Sie mussten das Studienzentrum mindestens zweimal besucht haben und mindestens einmal schwanger gewesen sein, bevor die Menopause eingetreten ist, bevor eine Hysterektomie durchgeführt worden ist oder bevor Frauen das 45. Lebensjahr erreicht haben.

Die kardio- und zerebrovaskulären Risikofaktoren und Erkrankungen ebenso wie Präeklampsie-Ereignisse wurden nach Angaben der Patientinnen alle zwei Jahre evaluiert. In die Auswertung gingen Rauchen, Körpergewicht, Blutdruck, die Einnahme von Cholesterinsenkern, Blutzucker und Blutlipide ein.

Präeklampsie erhöhte das Schlaganfallrisiko um das Vierfache

169 Frauen erkrankten während Laufzeit der Längsschnitt-Untersuchung an einer Präeklampsie, und 231 erlitten einen Schlaganfall. Frauen, bei denen sich eine Präeklampsie entwickelte, hatten bereits frühzeitig einen höheren Cholesterin- und Blutzuckerspiegel und erhielten deutlich häufiger eine antihypertensive Therapie als Frauen ohne Präeklampsie. Zu Studienbeginn waren sie deutlich häufiger auch Raucherinnen.

Wurde die Statistik um alle diese Faktoren bereinigt, so zeigte sich, dass das Risiko, nach einer Präeklampsie im Verlauf des weiteren Lebens einen ischämischen oder einen hämorrhagischen Insult zu erleiden, jeweils um das Vierfache erhöht war (RR=4,13 bzw. 4,12). Unklar bleibt dabei, ob und wie die Präeklampsien therapiert wurden.

Neue Daten nutzen, um vaskuläre Ereignisse vorzubeugen

Dass Präeklampsien das kardiovaskuläre Lebenszeit-Risiko erheblich erhöhen, ist bekannt. Eine so starke Korrelation zwischen präeklamptischen und zerebrovaskulären Ereignissen dagegen hat keine andere Studie bisher gezeigt, weder die „Stroke Prevention in Young Women Study“ noch die „Million Women Study“.

„Die Herausforderung ist es jetzt, Wege zu finden, um diese Information zu nutzen und vaskulären Ereignissen vorzubeugen“, schreiben Jamie Kitt und Kolleginnen und Kollegen von der University of Oxford in einem begleitenden Editorial.

Die S2k-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe  „Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen: Diagnostik und Therapie“ geht noch weiter und erwähnt auch vaskulär bedingte zentralnervöse Veränderungen im Sinn eines Morbus Alzheimer, die nach Präeklampsien häufiger sind.

Untersuchungen nach Präeklampsie bisher noch kein Standard

Die deutschsprachige Leitlinie schlägt bereits für alle Frauen nach einer Präeklampsie frühestens drei, spätestens sechs Monate postpartal eine große Untersuchung mit 24-Stunden-Blutdruck, Echokardiographie bei persistierender Hypertonie, Labor, und Evaluation der Nierenfunktion vor, und falls die Präeklampsie sehr früh aufgetreten ist, auch immunologische Parameter. Mindestens alle fünf Jahre sollten Blutdruck, Blutzucker, BMI und Lipidstatus überprüft werden.

„Das macht aber kaum jemand“, stellt der Kardiologe Prof. Dr. Ralf Dechend fest, Arbeitsgruppenleiter am Experimental and Clinical Research Center Charité, Campus Buch und Max-Delbrück-Zentrum, der als Delegierter der Deutschen Hochdruckliga an der Erarbeitung der Leitlinie beteiligt war. „Meine eigenen Präeklampsie-Patientinnen bekommen sechs bis neun Monate nach der Geburt eine solche umfassende Untersuchung und werden intensiv beraten hinsichtlich ihres Lebensstils. Aber das ist längst noch nicht Standard.“

Immunologische Prädisposition bereits vor der Schwangerschaft?

Es schließt sich als weitere Frage an, ob eine frühe Präeklampsie-Diagnostik mit Bestimmung des SFlT-1/PlGF-Quotienten, der eine mögliche Blockade der Angiogenese in der Plazenta anzeigen kann, und die Gabe von 100 mg ASS spätestens ab der 16. Schwangerschaftswoche bis kurz vor der Geburt das vaskuläre Langzeit-Risiko senken können.

Dazu kommentiert der Geburtsmediziner PD Dr. Dietmar Schlembach, Berlin, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Geburtsmedizin und federführender Koordinator der oben genannten Leitlinie: „Wahrscheinlich senkt es das kardio- und auch das zerebrovaskuläre Risiko erheblich, wenn in einer Schwangerschaft ein Präeklampsie-Risiko früh erkannt und behandelt wird. Denn mit der niedrig dosierten ASS-Gabe wird die Freisetzung des Antiangiogenese-Faktors SFlT-1 gedämpft, der in der maternalen Zirkulation zu den bekannten Gefäßschäden im Endothel führt.“

Dechend fügt hinzu: „Es ist denkbar, dass bereits vor der Schwangerschaft Risiken für eine spätere Präeklampsie bestehen. Denn die pathophysiologischen Veränderungen in der Plazenta und auch die Blutdrucksteigerungen sind immunologisch getriggert. Und es steht die Hypothese im Raum, dass diese immunologische Prädisposition bereits vor der Schwangerschaft existent ist, und dass dies gemeinsam mit den bekannten Risikofaktoren wie Rauchen, hoher BMI und höheres Alter die vaskulären Prozesse in der Plazenta aus dem empfindlichen Gleichgewicht bringen kann.“

Regelmäßige Checks, auch wenn Präeklampsie verhindert wurde

Diese pathophysiologischen Korrelate könnten dann später im Verlauf des Lebens auch dazu führen, dass die kardio- und auch die zerebrovaskuläre Stabilität verlorengehen. Eine Präeklampsie wäre damit sowohl ein Symptom für ein präexistentes Gefäßrisiko als auch ein Trigger für zusätzliche Endothelschäden. „Beides ist denkbar“, so Dechend. „Das bedeutet, dass Patientinnen, bei denen die Entwicklung einer Präeklampsie frühzeitig verhindert werden konnte, möglicherweise ebenfalls ein erhöhtes Risiko haben und einen regelmäßigen Herz-Kreislauf-Check brauchen.“

Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape erschienen.

Bildquelle: © gettyImages/AndreyPopov

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