29. April 2020

Naturheilkunde in der Frauenarztpraxis

Für welche Phytotherapeutika gibt es evidenzbasierte Daten?

Auch in der Frauenarztpraxis ist die Nachfrage nach naturheilkundlichen Alternativen oder Ergänzungen zur Schulmedizin hoch. Bei manchen Krankheitsbildern kann man Patientinnen einiges anbieten, ohne den Boden der evidenzbasierten Medizin verlassen zu müssen. 1

Lesedauer: 3 Minuten

Der folgende Beitrag basiert auf einem Übersichtsartikel in der Zeitschrift Klinikarzt 2019; 48: 22-26. 1 Redaktion: Dr. Maria Weiß

Zur klassischen Naturheilkunde gehören Phytotherapie, Hydrotherapie, Bewegungs- und Ernährungsmedizin sowie die Ordnungstherapie. Auch im Bereich der Gynäkologie lassen sich solche Ansätze oft sinnvoll in die Therapie integrieren, auch wenn die Datenlage hier noch spärlich ist, da es an klinischen Studien auf diesem Gebiet fehlt.

Basis jeder naturheilkundlichen Therapie sind regelmäßige Bewegung, ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf und eine Mäßigung beim Genuss von Kaffee und Alkohol, schreibt Dr. Birthe Osorio von der Frauenklinik des Ortenau Klinikums Offenburg-Gengenbach in einem Übersichtsartikel. 1

Uterusmyome ausbremsen

Die Daten aus der Naturheilkunde sind hier relativ spärlich. Als sinnvolle Methoden zur Begrenzung des Myomwachstums und Größenreduktion nennt Dr. Osorio Traubensilberkerze (Actaea racemosa), grünen Tee und Curcumin. Für Vitamin D wurde gezeigt, dass es die Proliferation von Leiomyomzellen verringern kann. Die chinesische Kräutermischung Guizhi-Fuling kann, so das Ergebnis eines systematischen Reviews, eingesetzt werden, um die Effizienz einer Behandlung mit Mifepriston zu steigern.

Menopausebeschwerden lindern

Besonders Hitzewallungen machen Frauen in der Menopause zu schaffen. Eine Gewichtsabnahme um mindestens 10 % des Ausgangsgewichts kann hier oft schon Linderung bringen. Unter den Phytotherapeutika ist die Wirksamkeit für die Traubensilberkerze am besten belegt. Auch für Granatapfelsamenöl konnte in einer randomisierten Studie eine Verbesserung von Hitzewallungen und Schlafstörungen im Vergleich zu Placebo gezeigt werden. Johanniskraut hat seinen Schwerpunkt bei der Besserung von Stimmungsschwankungen und depressiven Symptomen, die ebenfalls häufig im Zusammenhang mit den Wechseljahren auftreten.

Viele andere häufig vorgeschlagene Phytotherapeutika wie Hopfen, Baldrian, Salbei und Soja haben sich in placebokontrollierten Studien als unwirksam bei klimakterischen Beschwerden erwiesen. Außerdem verweist die Autorin auf das Risko einer längerfristigen Einnahme von Soja: So wird eine Erhöhung des Brustkrebsrisikos durch die darin enthaltenen Isoflavone immer wieder diskutiert.

Dysmenorrhoe: Wärmflasche mindestens so effektiv wie Schmerzmittel

An erster Stelle nennt die Autorin hier in einem Therapiealgorithmus lokale Wärmeanwendung (Wärmflasche mit 39°C) und Bewegung zur Linderung der Beschwerden. Hier sei die Wärmflasche ebenso effektiv wie Ibuprofen und sogar wirksamer als Paracetamol.

Auch regelmäßige Yogaübungen können Betroffenen helfen. Eine Aromatherapie mit Lavendelöl – einschließlich einer Aromaöl-Massage – kann sich ebenso positiv auf die Dysmenorrhoe auswirken. Auch die Einnahme von Omega-3-Fettsäuren, Vitamin B1 (100 mg/d über 90 Tage) und Ingwer (750-2000 mg Ingwerpulver währen der ersten 3-4 Tage der Menstruation) kann das Beschwerdebild lindern. Für Mönchspfeffer ist ebenso eine gute Wirksamkeit belegt – allerdings sind hier mögliche Nebenwirkungen wie juckende Exantheme, Kopfschmerzen und Magen-Darm-Beschwerden sowie Wechselwirkungen u.a. mit Psychopharmaka zu beachten.

Aufwändigere, Therapeuten-abhängige Verfahren sind Akupunktur/Moxibustion und die transkutane elektrische Nervenstimulation, erklärt Dr. Osorio.

Endometriose-Symptome abschwächen

Zur Phytotherapie der Endometriose gibt es nur sehr wenige klinische Studien. Eine Symptomlinderung ist für Pinienrindenextrakt in einer klinischen Studie belegt. Darüber hinaus kann alles helfen, was die bei Endometriose typische Entzündungsreaktion und die Freisetzung von Entzündungsmediatoren eindämmt.

Hier nennt Dr. Osorio Omega-3-Fettsäuren (800 mg/d über 12 Monate) und das in Rotwein und Weintrauben vorkommende Flavonoid Resveratrol, das zudem noch proaptotisch und antiproliferativ wirkt. Für Epigallocatechin-3-Gallate (ECGC) – den Hautwirkstoff des grünen Tees – konnte zumindest im Mausmodell eine Wirksamkeit gezeigt werden. Allerdings braucht es hier sehr hohe Dosen, die sich nur über die Einnahme von Tabletten mit EGCG-Konzentrat erreichen lassen. Auch ein Versuch mit Vitamin D und die Umstellung der Ernährung auf eine mediterrane vitaminreiche Kost sind einen Versuch wert.

Kontinenz verbessern

Belastungs- und Dranginkontinenz – sehr häufige Symptome in der gynäkologischen Praxis – gelten oft als Tabuthema. Viele Patientinnen versuchen deshalb zuerst, sich selbst zu behandeln und würden in der First-Line-Therapie am liebsten auf ein naturheilkundliches Präparat setzen. Die effektivste alternativmedizinische Methode ist hier das Beckenbodentraining und auch eine Gewichtsreduktion kann ggf. zur Besserung der Inkontinenz führen.

Ansonsten sind hier nur wenige Naturheilverfahren gut untersucht. Positive Daten mit Besserung der Kontinenz gibt es für das pflanzliche Kombinationspräparat Urox® (Crataeva, Equisetum, Lindera), Weihrauch (Boswellia serrata) und Cypriol (Cyperus scariosus).

Für häufig empfohlene Maßnahmen wie die Vermeidung blasenreizender Stoffe (z.B. scharfe Gewürze oder Kaffee) oder den reichlichen Verzehr von Preiselbeeren, Naturjoghurt, Spinat grünen Salat und Petersilie existieren keinen wissenschaftlich Belege. Ebenfalls keine Evidenz zur Linderung der Inkontinenz existiert für Preiselbeeren, Cranberries, Brennnessel, Goldrute und Kürbissamen.

  1. Birthe Osorio et al; Naturheilverfahren in der Gynäkologie; Klinikarzt (2019); 48: 22-26

Bildquelle: © gettyImages/ChamilleWhite

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG.

coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653