Negierte Schwangerschaft - Gefahr für Mütter und Babys
Trotz eindeutiger Zeichen wie etwa dem Aussetzen der Regelblutung oder einem allmählich wachsenden Babybauch kommt es immer wieder vor, dass Frauen ihre Schwangerschaft leugnen. Mehr über dieses Phänomen und denen damit verbundenen Risiken für das Kind erfahren Sie hier.
Lesedauer: ca. 8 Minuten

Autorin: Dr. Angela Speth | Dr. Nina Mörsch
Erst bleibt die Regelblutung aus, dann setzen Übelkeit bis hin zum Erbrechen ein, allmählich bildet sich ein Kugelbauch, und es beginnt darin zu zappeln. Man möchte diese Zeichen einer Schwangerschaft für untrüglich halten, und doch passiert es immer wieder, dass die Frauen und ihr Umfeld sie „negieren“. Die Gefahren, denen das Kind ausgesetzt ist, eine Geburtsmedizinerin in einem Podcast und eine Psychiaterin in einem Fachartikel.
Schwangere verzichten weder auf Zigaretten und Alkohol, noch nehmen sie am Vorsorgeprogramm teil oder planen die Ankunft des Babys. Vor allem aber ist die Gefahr groß, dass sie das Kind nach der meist heimlichen Geburt töten oder zumindest bei Komplikationen keine Hilfe haben. Das schildern eine Geburtsmedizinerin in einem Podcast und eine Psychiaterin in einem Fachartikel.
Negierte Schwangerschaften sind keineswegs das „medizinische Einhorn“, für das Außenstehende sie ansehen könnten: Die Häufigkeit beträgt nach der bisher einzigen größeren Studie in Deutschland etwa 1:500. Bei einer Geburtenrate von bundesweit 700.000 bis 800.000 jährlich lässt sich das auf eine Zahl von 1600 hochrechnen, bei 300 davon – also mit einer Häufigkeit von 1:2500 - ahnt die Mutter bis zuletzt nichts.
Mit Blasenstein in die Klinik – mit Baby nach Hause
„Wir beobachten immer wieder, dass Frauen mit großem Bauch wegen starker Schmerzen zur Rettungsstelle kommen und erst mal urologisch untersucht werden, bis sich herausstellt, dass sie Wehen haben“, bestätigt die Gynäkologin und Geburtsmedizinerin Prof. Dr. Mandy Mangler in einem True Crime-Podcast des Berliner „Tagesspiegel“.
Es sei ihr ein großes Anliegen, solche Phänomene ebenso wie die Gynäkologie insgesamt nicht nur medizinisch, sondern auch gesellschaftspolitisch zu betrachten, betont die Chefärztin an zwei Berliner Kliniken, darunter einem Kreißsaal mit 1700 Geburten jährlich. Aus diesem Blickwinkel erörtert sie mit den Redakteuren den Fall einer Studentin – Deckname: Katharina –, die nach einer nicht erkannten Schwangerschaft des Neonatizids beschuldigt wurde.
Auch die Mitmenschen stecken den Kopf in den Sand
Den Begriff „negierte Schwangerschaft“ hat die Psychiaterin Prof. Dr. Anke Rohde eingeführt, weil „Verdrängung“ nach ihrer Ansicht nicht alle Facetten der Negierung umfasst. Zusammen mit ihren Kollegen hat die inzwischen emeritierte Spezialistin für Psychosomatische Gynäkologie an der Uniklinik Bonn Frauen mit spät festgestellter Schwangerschaft untersucht. Je nachdem inwiefern den Teilnehmerinnen ihr Zustand bewusst war, unterscheiden die Forscher vier Typen, die sich aber überlappen können:
- nicht wahrgenommene Schwangerschaft: Diese Frauen haben meist kaum ein Gespür für ihren Körper und dessen Veränderungen. Die Anzeichen interpretieren sie um, als unregelmäßigen Zyklus oder Wechseljahrsbeschwerden.
- verleugnete Schwangerschaft: Die Frauen bemerken ihren Zustand zwar irgendwann, klammern aber das Wissen völlig aus, bis sie überzeugt sind, kein Kind zu erwarten. Von der Geburt werden sie überrascht, so dass sie selbst ausgeprägte Wehen fehldeuten.
- ignorierte Schwangerschaft: Die werdenden Mütter wissen zwar, was Sache ist, wollen es allerdings nicht wahrhaben. Sie registrieren die Symptome und deuten sie richtig, schieben aber alles beiseite. Optionen wie Schwangerschaftsabbruch, Freigabe zur Adoption oder Babyklappe streifen sie allenfalls in Gedanken.
- verheimlichte Schwangerschaft: Diese Frauen gehören oft zu traditionell-strengen Familien mit Migrationshintergrund und befürchten, nicht akzeptiert oder verstoßen zu werden, etwa wenn sie unverheiratet oder nicht vom Ehemann schwanger sind. Sie verschweigen ihre Situation oder und streiten sie bewusst ab, während bei den anderen Formen eine innerliche Auseinandersetzung von vornherein vermieden wird. Auch suchen sie meist aktiv nach Lösungen. Wenn etwa die 12. Woche der legalen Frist überschritten ist, beantragen sie einen Abbruch aus medizinischer Indikation, zum Beispiel wegen psychischer Belastung. Auch die 2014 eingeführte „vertrauliche Geburt“ kann für sie eine Lösung sein.
Ein Phänomen quer durch die Gesellschaft
Die im Podcast vorgestellte Katharina wird im Prozess zugeben, sie habe ihre Schwangerschaft zwar bemerkt, aber nicht wahrhaben wollen. Sie ist 24 Jahre alt und studiert, lebt aber noch bei den Eltern in einer 3-Zimmer-Wohnung in Berlin. Typischerweise macht sie weder einen Schwangerschaftstest, noch trifft sie Vorbereitungen oder lässt den Termin bestimmen, so dass die Geburt wie aus heiterem Himmel eintritt. Wie kann so etwas bloß passieren, zumal bei einer gebildeten Frau in einer behüteten Umgebung?
Vorausgehen können Konflikte mit dem Partner oder der Familie, soziale Isolation oder Existenzschwierigkeiten, erläutert Franziska Hörske in einer akademischen Arbeit für die Fachhochschule der Polizei Sachsen-Anhalt.
Katharina ist ebenfalls durch eine komplizierte Beziehung in die Bredouille geraten: Sie interessiert sich wenig für Männer, bis sie Roman kennenlernt. Er umwirbt sie heftig, so dass sie sich schließlich in ihn verliebt. Doch nach drei Wochen macht der offenbar ziemlich wankelmütige junge Mann plötzlich per SMS Schluss, steht aber bald wieder vor ihrer Tür.
Das Spiel beginnt von neuem, wieder gibt er ihr nach kurzer Annäherung übers Handy den Laufpass. Katharina ist am Boden zerstört, erzählt aber niemandem davon. Dass sie inzwischen schwanger ist, verschweigt sie gleichfalls.
Schutz vor schmerzlichen Empfindungen
Diese Verschlossenheit ist Frauen mit negierter Schwangerschaft eigen: Den Studien zufolge fällt es ihnen schwer, sich anderen anzuvertrauen. Gleichzeitig neigen sie dazu, Entscheidungen aus dem Weg zu gehen und Probleme beiseite zu schieben.
Fast nie wird eine behandlungsbedürftige psychische Störung diagnostiziert. Viele der Frauen sind nach außen unauffällig, obwohl häufig unsicher und unreif. So verfallen sie in eine Art Starre, statt sich der neuen Lage anzupassen. Sie fürchten sich davor, das Kind allein groß zu ziehen. Und Angst lähmt.
Ansonsten aber wurden in Studien keine pauschalen Merkmale gefunden. Zwar sind die Frauen oft jung, wenn auch statistisch nicht relevant, vielmehr ist das gesamte Spektrum der möglichen Altersgruppen vertreten, ebenso der Berufe, und auch der familiäre und soziale Hintergrund variiert stark. Diese Unterschiedlichkeit erschwere gezielte Hilfsangebote, bedauert Mangler.
Der Körper macht die Täuschung mit
Die Negierung wird begünstigt, wenn die charakteristischen Beschwerden wie Übelkeit und Erbrechen nahezu fehlen oder weiterhin gelegentlich Blutungen auftreten. Und wenn die Zunahme des Bauchumfangs, vollere Brüste oder Kindsbewegungen nur schwach ausgeprägt sind. Katharinas Schwangerschaft zum Beispiel verläuft ohne jede Auffälligkeiten.
„Inwieweit eine Schwangerschaft erkennbar ist, hängt stark von der Statur der Frauen ab“, erläutert Mangler. Katharina zum Beispiel sei recht breit gebaut, und bei großen Menschen habe natürlich auch der Bauch mehr Volumen, so dass er sich durch das wachsende Kind nicht so offensichtlich nach vorne wölbt.
Zwar kaschieren Fettpolster eine Schwangerschaft besonders gut, aber je nach Veranlagung sieht man sogar schlanken Menschen manchmal kaum etwas an. Die Gynäkologin gibt einen weiteren Aspekt zu bedenken: „Wer sich seiner Schwangerschaft nicht bewusst ist, benutzt auch die Bauchmuskeln ganz anders als jemand, der Bescheid weiß.“
Es kommt hinzu, dass die Feten oft sehr klein sind, weil die Frauen weiter rauchen und trinken, sich nicht ausreichend schonen und wenig auf gesunde Ernährung achten - manche fasten sogar, um wieder schlanker zu werden.
Kognitive Dissonanzen werden vermieden
Natürlich treten auch bei verdrängter Schwangerschaft Veränderungen auf. Allerdings deuten die Frauen die Symptome um, rationalisieren sie oder erklären sie mit Erkrankungen. So schieben sie eine Gewichtszunahme auf allzu reichlichen Kalorienkonsum: Ich bin dicker geworden, weil ich zu viel Süßes nasche.
Ähnlich schützt Katharina zu viel Fastfood vor, wenn sie auf ihre Figur angesprochen wird. Die Mutter rät ihr sogar zu einer Diät, weil sie zu füllig werde, schöpft jedoch keinen Verdacht, weil Katharina keinen typischen Babybauch entwickelt. Es sei immer wieder verblüffend, wie die Psyche den Körper so beeinflusst, dass er die Abwehr widerspiegelt, bestätigt Mangler. Und mögliche Moralapostel erinnert sie daran: „Verdrängung ist ein gängiger Mechanismus, den wir alle tagtäglich nutzen.“
Zum Ultraschall in die Chirurgie
Kindsbewegungen, Unterleibsschmerzen oder einen verhärteten Bauch begründen die Frauen mit Gallenkoliken, Blinddarm-Entzündungen oder Magen-Darm-Beschwerden, etwa: Die Pizza gestern Abend ist mir nicht bekommen. Schmierblutungen halten sie für eine normale Menstruation oder sie ersinnen Ausflüchte: Meine Tage waren schon immer unregelmäßig. „Mit solchen Modellen gelingt es, die Realität schlüssiger zu gestalten“, erläutert Mangler.
Was Katharinas Geschichte noch erstaunlicher macht: Ihre ältere Schwester erwartet ebenfalls ein Kind, hat allerdings mit Schwangerschaftsproblemen zu kämpfen. Katharina sorgt rührend für sie – als ob sie eine Lebensweisheit beglaubigen wollte: Wer sich aufopfernd um andere kümmert, spürt das eigene Unglück weniger.
Die Frauen tragen die Last meist allein
Die Negieren einer Schwangerschaft wird nach Manglers Worten unter anderem durch die gesellschaftlichen Strukturen begünstigt. Zumal Frauen ohne Partner haben einen schweren Stand. „Ihre Chancen, Unterstützung, Wohnung und Betreuung zu finden, stehen schlecht. Und die Care-Arbeit bleibt sowieso fast immer an den Frauen hängen“, kritisiert sie.
Deswegen sei es verständlich, dass eine unbeabsichtigte Schwangerschaft in einer prekären Lebensphase einen Schock auslöst. Das Fremde, das in ihnen heranwächst, macht ja alle Pläne zunichte, etwa die Abnabelung von den Eltern, die Trennung von einem Partner, eine Ausbildung. Mangler: „Eine Schwangerschaft zieht so viele Implikationen und biografischen Umstürze nach sich, dass Frauen, die kein Kind wollen, davon überwältigt werden.“
Lernt die Mutter ihr Kind zu lieben?
Sich nach einer negierten Schwangerschaft unvermittelt auf ein Neugeborenes einzustellen, sei ungeheuer schwierig, schreibt Rohde. Denn weder die Frauen selbst noch ihre Familie hatten die Gelegenheit, sich an das Bevorstehende zu gewöhnen und eine Bindung aufzubauen. Erschwerend kann zum Beispiel hinzukommen, dass der Partner nicht der Vater ist oder das Kind die Lebensplanung komplett durchkreuzt.
Daher akzeptieren die Mütter das unerwartete Kind oft nicht. So fanden Studienautoren ein Jahr nach der Geburt ein eher zurückhaltendes, weniger fürsorgliches Verhalten, das sie deutlich stärker als in einer Vergleichsgruppe als krisenhaft einschätzten. Eine gute Mutter-Kind-Beziehung gelang demnach seltener. Die Frauen hatten größere Schwierigkeiten, ihre Gefühle auszudrücken und Konflikte wahrzunehmen. Ihre Kinder waren kognitiv und psychomotorisch schwächer entwickelt.
Manchmal ist der Überraschungsgast willkommen
Glücklicherweise ende nicht jede negierte Schwangerschaft in einem Desaster, betont Mangler. Sie erinnere sich in ihrer Klinik an etliche Happy Ends. „Es ist ein einschneidendes Erlebnis für die Frauen, ein Überraschungsmoment, sie sind vollkommen aus der Fassung, haben eine spektakuläre Geschichte zu erzählen. Anfangs gibt es ja nicht einmal einen Kinderwagen oder ein Babybett, doch meistens arrangieren sich die Familien mit der neuen Situation, trotz aller Probleme.“


