16. Juli 2021

Die Influenza-Impfung in der Schwangerschaft

Kanadische Studie scheint Bedenken zu widerlegen

Laut einer restrospektiven Kohortenstudie weisen Kindern, deren Mütter während der Schwangerschaft gegen Influenza geimpft worden waren, kein erhöhtes Erkrankungsrisiko in den ersten Lebensjahren auf. Doch die Studie hat methodische Mängel.1

Lesedauer: 4,5 Minuten

Eine retrospektive Kohortenstudie in Kanada untersuchte im Durchschnitt 3 Jahre lang das Outcome von Kindern, deren Mütter während der Schwangerschaft gegen Influenza geimpft worden waren. Im Vergleich zu Kindern ungeimpfter Mütter ergaben sich – gemessen an ICD10-Diagnosen bei Aufnahmen in die Klinik – keine Unterschiede beim Auftreten von Infektionen, von pulmologischen, immunologischen oder onkologischen Ereignissen. Die Aussagekraft der Studie ist aber eingeschränkt. Sie wurde im JAMA publiziert.

Die Studienpopulation bestand aus allen Lebendgeburten zwischen Oktober 2010 und März 2014 in der kanadischen Provinz Nova Scotia abzüglich einiger unvollständiger Datensätze (n=28.255.). 10.227 dieser Frauen erhielten während der Schwangerschaft eine Influenza-Impfung, 18.028 nicht, wobei ärztliche Abrechnungsdaten und Selbstangaben der Frauen als Kriterien für eine erfolgte Impfung herangezogen wurden.

Die Frauen mit Impfung waren etwas älter, häufiger Nulliparae, hatten etwas häufiger Vorerkrankungen wie Asthma, Lungen- oder Nierenerkrankungen, lebten häufiger in der Stadt, hatten seltener eine Frühgeburt. Diese Faktoren wurden bei der statistischen Analyse berücksichtigt und korrigiert.

Diagnosen aus den Klinikdaten

Die möglichen Diagnosen bei den Kindern wurden anhand der Datensätze aus der klinischen Gesundheitsversorgung in der kanadischen Provinz entnommen. Dabei wurden die ICD10-Diagnosen bei Vorstellung in einer Notaufnahme oder Hospitalisierung verwendet. Asthma wurde als Fall definiert und in die Studie aufgenommen, wenn mindestens 2 Vorstellungen wegen asthmatischer Beschwerden in der Notfallambulanz oder eine Aufnahme in die Klinik im Alter von 6 Monaten oder älter stattgefunden hatten.

Als Infektionen wurden alle Infektionen der oberen oder unteren Atemwege, gastrointestinale Infektionen und Otitis media mit mindestens einer Vorstellung in einer Notfallambulanz gezählt. Es wurde auch die Häufigkeit onkologischer Diagnosen und von Seh- oder Hörminderungen – immer nur bei Aufnahme in die Klinik – aufgenommen. Die Zeitspanne der Nachbeobachtung betrug 2 bis 5,5 Jahre, im Durchschnitt knapp über 3 Jahre.

Geimpfte und ungeimpfte Schwangere – Outcome der Kinder identisch

Die Häufigkeiten von Krankenhausaufnahmen – gleich aus welchem Anlass – waren weitgehend identisch in den beiden Gruppen. In beiden Gruppen – Kinder geimpfter und ungeimpfter Mütter – registrierte das Studienteam unter Leitung der Epidemiologin Prof. Dr. Azar Marhabadi, Halifax, Kanada, im Zeitraum ab 6 Monaten bis zum Ende des Beobachtungszeitraums:

  • Asthma in 3,0 bzw. 2,5 Fällen pro 1.000 Kinder pro Jahr,
  • Neoplasmen in 0,32/1.000/Jahr bzw. 0,26/1.000/Jahr,
  • sensorische Erkrankungen in 0,8 bzw. 0,97,
  • Infektionen in 185 bzw. 179,
  • gastrointestinale Infektionen in 30,2 bzw. 28,0 pro 1.000 Kindern pro Jahr und
  • Infektionen der Atemwege in 120,7 bzw. 119,8 pro 1.000 Kinder pro Jahr.

Auch eine Analyse, ob der Zeitpunkt der Impfung – im 1., 2. oder 3. Trimester – die Krankheitshäufigkeit beeinflusst haben könnte, blieb ohne Auffälligkeiten.

Signifikante Unterschiede gab es lediglich bei 2 Faktoren, die auf den ersten Blick nichts mit der Impfung zu tun haben: Dringende Klinikbehandlungen aus anderen Gründen waren bei den Kindern geimpfter Mütter mit 512/1.000/Jahr etwas häufiger als bei den Kindern ungeimpfter Mütter mit 478/1.000/Jahr, und auch Unfälle wurden mit 70,6/1.000/Jahr häufiger registriert als bei den Kindern aus der ungeimpften Gruppe mit 63,4/1.000/Jahr.

Die Autorinnen und Autoren folgern, dass in dieser Populations-basierten Kohortenstudie die Influenza-Impfung während der Schwangerschaft nicht signifikant mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko für die Kinder in den ersten Lebensjahren verbunden war.

Mögliche Bias zu reduzieren ….

„Die Autorengruppe hat große Anstrengungen unternommen, um mögliche Bias zu reduzieren“, kommentiert Dr. Eduardo Azziz-Baumgartner, Epidemiologe der Influenza-Abteilung an den Centers for Disease Control and Prevention (CDC), USA, im JAMA. „Die Datenlage zum Nutzen und zur Sicherheit der Influenza-Impfung in der Schwangerschaft zu jedem Zeitpunkt der Schwangerschaft ist inzwischen überwältigend.“

Trotzdem, so der Epidemiologe, seien weitere Anstrengungen zu unternehmen, um die Grippe-Impfung in der Schwangerschaft weiter zu propagieren, immerhin seien in der Saison 2019/2020 nur 61% der Schwangeren in den USA und nur 36% in Nova Scotia geimpft gewesen.

Prof. Dr. Tim Niehues, pädiatrischer Immunologe, Chefarzt des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin am Helios Klinikum Krefeld und Mitglied im Vorstand in der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, befürwortet die Influenza-Impfung in der Schwangerschaft, sieht aber die kanadische Studie letztlich für unzureichend an, um mögliche letzte Vorbehalte und Fragen gegenüber der Impfung auszuräumen: So seien in die Studie nur Lebendgeburten eingegangen. „Ob die geimpften Frauen im Vergleich zu den ungeimpften häufiger oder auch seltener Aborte, Fehl- und Totgeburten hatten, das bleibt unklar.“

…. ist nicht überzeugend gelungen

Niehues hält auch die pädiatrische Diagnostik allein aus den Hospitalisierungsdaten für unzureichend: „Ob und wie häufig diese Kinder in der Klinik vorgestellt werden, ist bei gleichem Krankheitsbild von vielen Faktoren abhängig. Wir wissen, dass Frauen, die sich impfen lassen, ein anderes Gesundheitsbewusstsein haben. Vielleicht sind sie dann später bei ihren Kindern mit leichteren Erkrankungen oder Atemnot – oder auch bei Unfällen – schneller alarmiert, stellen sie eher ärztlich vor, oder vielleicht sind sie umgekehrt auch bei Infektionen aufmerksamer und reagieren mit adäquateren Mitteln, so dass eine Aufnahme in die Klinik unnötig wird. Die Frage ist auch, wie gut die pädiatrische Grundversorgung am Ort ist, was auch die Betreuung von Säuglingen und Kleinkindern mit Seh- oder Hörschwäche beträfe.“

Allein die Tatsache, dass eine Frau geimpft sei oder eben nicht, berge laut Niehues einen ganz grundsätzlichen Bias. „Das stellt die Ergebnisse die Studie, so aufwändig sie auch durchgeführt wurde, in Frage.“

Kein Zweifel, so Niehues, sei die Influenza-Impfung in der Schwangerschaft zu befürworten, um schwere Verläufe bis hin zum Lungenversagen in der Schwangerschaft zu verhindern und Säuglinge zu schützen. „Aber in Bezug auf die Sicherheit der Impfung für Schwangere und Kinder hat diese kanadische Studie leider methodische Schwächen und bringt uns noch nicht viel weiter.“

Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape erschienen.“

Bildquelle: © gettyImages/Prostock-Studio

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