17. Februar 2021

Geschlechtsanpassung bei Kindern: Gesetzesentwurf ist umstritten

Um Intersexuellen eine selbstbestimmte Entwicklungschance zu bieten, sollen geschlechtsanpassende Operationen im frühen Kindesalter nun verboten werden. In der Ärzteschaft wird der Gesetzesentwurf der Regierung kontrovers diskutiert. 1

Lesedauer: 3 Minuten

Redaktion: Dr. Linda Fischer und Dr. Nina Mörsch

Trotz Leitlinien-Anpassung bleibt Zahl an Operationen konstant

In dem Beschluss vom Jahr 2017 (1 BvR 2019/16) ging das Bundesverfassungsgericht von rund 160.000 Personen in Deutschland aus, die kein eindeutiges Geschlecht haben. Außerdem wurde eine Häufigkeit an intersexuellen Neugeborenen von 1:500 geschätzt. 1,2 Geschlechtsangleichende Operationen bei Kindern, die noch nicht im einwilligungsfähigen Alter sind, wurde in der Vergangenheit zunehmend als menschenrechtsverletzend kritisiert. Daraufhin wurde die entsprechende Leitlinie im Jahr 2005 schon einmal überarbeitet, um Genitaloperationen am nicht-einwilligungsfähigen Kind zu beschränken. Dennoch blieben die Operationszahlen bei Kindern unter zehn Jahren bis zum Jahr 2014 relativ konstant. 3,4

Feminisierende und maskulinisierende Eingriffe 2005-2014

Zwischen den Jahren 2005 und 2014 handelte es sich etwa bei der Hälfte aller “Feminisierungsoperationen” im Zusammenhang mit der Diagnose “Variationen der körperlichen Geschlechtsmerkmale (VG)” um „andere Operationen an der Vulva“ und in einem Fünftel der Eingriffe um „Konstruktionen und Rekonstruktionen der Vulva“. Chirurgische Eingriffe nach der Intersex-Diagnose betrafen am häufigsten „Operationen an der Klitoris“.

Maskulinisierende Eingriffe wurden am häufigsten nach einer „Hypospadie“-Diagnose durchgeführt. Dabei handelte es sich nicht bei jeder Operation um eine einschlägige Korrektur, sondern in zehn bis 16 % um eine plastische Rekonstruktion des Penis. Die im Jahr 2005 überarbeiteten medizinischen Leitlinien wurden in der klinischen Praxis nur rudimentär umgesetzt, so das Fazit der Forscher des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt Universität zu Berlin. 4

Neuer Gesetzesentwurf soll nicht notwendige OPs unterbinden

Der aktuelle Gesetzesentwurf der Bundesregierung soll solche Operationen nun unterbinden. So heißt es im Kabinettsentwurf eines Gesetzes, das derzeit vom Bundestag beraten wird: „Eingriffe, die warten können, bis das Kind selbst einwilligungsfähig ist, haben zu unterbleiben.“ Die Bundespsychotherapeutenkammer befürwortet den Entwurf – im Großen und Ganzen gingen die Meinungen von Ärztinnen und Ärzten zu den Regierungsplänen bei einer Expertenanhörung jedoch weit auseinander.

Zu dem Entwurf äußerte sich der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, Dr. Dietrich Munz, mit den Worten: „Intersexuelle Kinder sind körperlich und psychisch gesunde Kinder. Ihnen per Operation ein eindeutiges Geschlecht zu geben, kann zu schweren traumatischen Erfahrungen führen.“ Besonders dann, wenn sich im weiteren Lebenslauf des Kindes die entwickelte Geschlechtsidentität nicht mit der operativ erzwungenen Identität deckt. 1

Eltern sollen nicht mehr in Behandlung einwilligen dürfen

Von den Regierungsplänen betroffen sind Operationen, die das körperliche Erscheinungsbild des Kindes an ein Geschlecht angleichen. Die Entscheidungen über eine solche Operation soll künftig grundsätzlich bis zur Einwilligungsfähigkeit des Kindes aufgeschoben werden.

Wo diese Altersgrenze zur Einwilligungsfähigkeit genau zu ziehen ist, wird weiterhin diskutiert. So sieht der aktuelle Regierungsentwurf ein Alter zwischen dem zwölften und 16. Lebensjahr vor, ohne jedoch ein konkretes Alter festzusetzen. Der Bundesrat hingegen schlägt in einer Stellungnahme das zehnte Lebensjahr als Altersgrenze vor. 1

Grundsätzlich gilt: Im Falle eines nicht aufschiebbaren Eingriffes muss eine familiengerichtliche Genehmigung vorliegen, wobei Fälle ausgenommen sind, bei denen sowohl die Gesundheit als auch das Leben des Kindes gefährdet ist. Für diese Genehmigung muss der Eingriff von einer interdisziplinären Kommission beurteilt und zum Wohle des Kindes befürwortet werden. Die Bundespsychotherapeutenkammer fordert bezüglich der Zusammensetzung dieser Kommission, zusätzlich zu Psychotherapeut:innen und Ärzt:innen, die verpflichtende Teilnahme einer intersexuellen Beratungsperson. 5

Kritische Meinungen zu dem Gesetzesentwurf

Die Vertreterin der Bundesärztekammer, Dr. Wiebke Pühler, bemängelte eine dem Entwurf zugrunde liegende Vermutung, dass nicht unbedingt erforderliche geschlechtsangleichende Operationen auch nach der Aktualisierung der medizinischen Leitlinie bei Kindern weiterhin vorgenommen würden. Der Gesetzesentwurf baue lediglich bürokratische Hürden auf, welche unaufschiebbare Behandlungen von Kindern erschwere. Außerdem werde ein grundsätzliches Operationsverbot für Eingriffe bei Kindern der enormen Varianz geschlechtlicher Ausprägungen der Betroffenen nicht gerecht und entspreche somit nicht dem Stand der medizinischen Wissenschaft. 2

Die Vertreterin der Kinderendokrinologen, Professorin Annette Richter-Unruh, sieht die Regierung hingegen auf dem richtigen Weg. Insgesamt bescheinigten die Sachverständigen dem Gesetzentwurf jedoch enormen Änderungsbedarf – etwa in der fehlenden Meldepflicht von Operationen an ein unabhängiges Register. 1,2

  1. ÄrzteZeitung: „Regierung will bei Kindern Op zur Geschlechtsanpassung verbieten“, 15.01.2021
  2. Deutscher Bundestag, Textarchiv: „Schutz von Kindern vor geschlechts­an­gleichenden Operationen gefordert“ (13.01.2021)
  3. Hoenes et al.: „Häufigkeit normangleichender Operationen „uneindeutiger“ Genitalien im Kindesalter. Follow Up‐Studie“, Ruhr Universität Bochum, 2019, DOI: 10.13154/rub.113.99
  4. Klöppel: „Zur Aktualität kosmetischer Operationen „uneindeutiger“ Genitalien im Kindesalter“ Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien, Humboldt-Universität zu Berlin, ISSN 0947-6822, Dezember 2016
  5. BundesPsychotherapeutenKammer: „BPtK begrüßt Verbot von medizinischen Eingriffen an Kindern“, 13. Januar 2021

Bildquelle: © Getty Images/vchal

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